Editorial

Einfach geht nicht

Wie eHealth-Innovationen in Deutschland rascher in die Regelversorgung gebracht werden können, ist eine ewig aktuelle Frage. Oft wird suggeriert, es gehe anderswo schneller. Ist das so? In Berlin trafen sich Mitte Oktober Wissenschaftler, die sich mit verhaltenstherapeutisch hinterlegten Internetinterventionen beschäftigen. Dazu gibt es Hunderte randomisierter Studien, viele davon positiv. Trotzdem gibt es weltweit kaum Beispiele für eine Integration von z. B. Online-Therapien bei
Depression in die breite Versorgung.

EINE INSTANZ FÜR ALLES FUNKTIONIERT NICHT
Kein Wunder also, dass viele nach Instanzen rufen, die Apps, Web-Tools und Co nicht nur bewerten, sondern auch für die Regelversorgung „zulassen“. Vor Naivität kann hier freilich nur gewarnt werden: Die eine Instanz wird es niemals geben. Dafür sind die Anwendungen zu vielgestaltig. Stand heute ist die Frage der „App-Zulassung“ im Wesentlichen eine der individuellen Krankenkassen, die damit gut leben können, weil sie alle Freiheiten haben. Das funktioniert aber nur für ein begrenztes Spektrum an patientennahen Anwendungen. Sobald es um echte Versorgungs-Tools, etwa in der Chroniker-Versorgung geht, wird sich kein Arzt von einer Kasse etwas vorsetzen lassen. Dass die KBV eine bei der Selbstverwaltung angesiedelte Instanz für die App-Bewertung fordert, darf vor diesem Hintergrund keinen überraschen.

Eine solche Instanz ist nötig, und sie wird kommen. Aber auch sie ist nur eine Teilantwort. Bei direkten therapeutischen digitalen Interventionen – dazu zählt, aus aktuellem Anlass, auch das Device-basierte kardiale Monitoring, nicht dagegen die simple Fernabfrage – geht kein Weg an einem „echten“,  studienbasierten Health Technology Assessment vorbei. Hier werden dann Einzelangebote evaluiert: Nicht „die Online-Psychotherapie“, sondern ein ganz spezifisches Tool, nicht „das Telemonitoring mit Implantaten“, sondern eine spezielle Lösung. Dass für die erste Online-Therapie bei Depression jetzt der Antrag auf Aufnahme ins Hilfsmittelverzeichnis gestellt wurde, zeigt, dass einigen Anbietern klar zu werden beginnt, woher der Wind weht. Einfach wird das nicht, doch Online-Psychotherapien bei leichter bis mittelgradiger Depression können die nötigen Daten wahrscheinlich liefern. Die meisten anderen Digital-Health-Lösungen könnten das noch nicht.

Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM
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