Editorial

Sommertheater


Es ist schon fast Tradition geworden, dass die elektronische Gesundheitskarte Mitte August ihr mediales Fett wegkriegt. In diesem Jahr war das aus Bayern ins tiefste Sommerloch
platzierte eGK-Bashing aber besonders perfide. Im Vorfeld der Bundestagswahl, mithin in einem Moment, in dem Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe sich nicht völlig sicher sein kann, eine – von ihm und wohl auch der Kanzlerin angestrebte – Verlängerung seiner Amtszeit wirklich zu bekommen, wird die Gesundheitskarte quasi am Vortag des TI-Rollouts für tot erklärt.

Die Dementis kamen prompt, aber trotzdem offenbart diese putineske Fake-News-Kampagne schon ein bemerkenswertes Maß an Verantwortungslosigkeit. Denn Vertrauen wird so sicher nicht aufgebaut, und
einen Anreiz für die Ärzte, sich zügig um die nötigen IT-Upgrades zu kümmern, schafft man so auch nicht. Die, die bei der eGK schon einen zweiten BER heraufdämmern sehen, reiben sich vergnügt die Hände.

Niemand glaubt, dass eine Chipkarteninfrastruktur nach dem derzeitigen Modell der Weisheit letzter Schluss ist. Natürlich kann man sich mit jeder neuen Innovationswelle noch fantasievollere, noch patientenfreundlichere, noch modernere Zugangsszenarien ausmalen. Darum geht es im Moment aber nicht. Es geht darum, für das deutsche Gesundheitswesen eine technische, vor allem aber auch organisatorisch-institutionelle Infrastruktur aufzusetzen, die funktioniert und die systemweit als standardisierende Instanz wirken kann. Nur so behält das deutsche Gesundheitswesen das Heft des Handelns in der Hand – unabhängig davon, in welche Richtung sich das Ganze auf Dauer technisch weiterentwickelt.

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ gibt es auf der Titelseite die Rubrik „Prominent ignoriert“, bei der Themen abgehandelt werden, die die Redaktion eigentlich gar nicht abhandeln will. Wir halten es diesmal ähnlich: Nachdem wir im letzten Heft ein großes eGK-Update veröffentlicht hatten, werden Sie im redaktionellen Teil dieses Heftes außer diesem Editorial und einer Minimeldung zum Thema Fristen nichts zur eGK finden. Wir haben stattdessen zahlreiche andere Themen aufbereitet, darunter Pflegeroboter und Chatbots. Wir schauen außerdem im Vorfeld der Wahl den Oppositionsparteien in die eHealth-Karten und bringen Licht in den eHealth-bezogenen regulatorischen Wildwuchs auf EU-Ebene.

Ich wünsche eine informative und inspirierende Spätsommerlektüre!

Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM