Editorial

Kommt jetzt die deutsche ePA?


Quasi am Tag seines Amtsantritts hat sich der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schon unter Erfolgszwang gesetzt. Eine eigene Abteilung Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium einzurichten, ist richtig, sie extern zu besetzen auch. Nur wird das nicht reichen, wenn am Ende etwas rauskommen soll. Es dürfte relativ verführerisch sein, ein paar neue Fristen und Sanktionen in ein E-Health-Gesetz 2.0 zu packen. Die Hoffnung wäre, dass Spahn dem nicht erliegt.

Herr Minister, schauen Sie in die Schweiz. Dort entsteht derzeit etwas, das dem, was Deutschland braucht, ähnlich ist, nämlich eine „Landschaft“ konkurrierender, technisch interoperabler Akten in unterschiedlicher Trägerschaft, mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Eins zu eins kopieren sollte Deutschland das Schweizer Modell nicht, aber das Grundprinzip ist übertragbar: In breitem Konsens und mit dem nötigen politischen Druck sollten Datensätze, gesellschaftsrechtliche Rahmenbedingungen, Datenschutz-Features und technische Standards für vielgestaltige Aktenlösungen definiert werden – auf Basis von HL7 /FHIR / IHE.

Im Unterschied zur Schweiz und auch zu Österreich kann Deutschland sich nicht von vornherein auf zentrale oder dezentrale Datenspeicherung festlegen, sondern muss beides sich entwickeln lassen. Das braucht Änderungen im SGB V: Elektronische Gesundheitsakten (eGA) außerhalb der TI müssen es leichter haben. Auf Kassenseite sollten ePAs und / oder eGAs verpflichtend angeboten und / oder finanziert werden. Und dezentrale IHE-Plattformen brauchen beim Zugangsmanagement mehr Flexibilität, damit sie innerhalb der TI agieren können, ohne dass es Murks wird. Wer die sich gut anlassende AOK-Akte ad hoc in eine Chipkarteninfrastruktur pressen will, macht einen Fehler.

Unter den genannten Rahmenbedingungen könnten unterschiedliche Aktenangebote entstehen, und die Bürger bzw. Patienten könnten wählen. Vermutlich würden eher junge, eher gesunde, eher mobile Menschen zu Cloud-Lösungen tendieren, während versorgungsintensivere Patienten dezentralen Plattformen zuneigen. Eine solche Vielfalt trüge der deutschen Gesundheitspolitik Rechnung, und es wäre etwas, das so bisher noch nirgendwo existiert.


Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM
redaktion@e-health-com.eu