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01.12.16

Partnerkongress 2016
29. – 30. November 2016



Im Spannungsfeld von gesetzlichem Versorgungsauftrag und Dienstleisterrolle

 

 

Alles dreht sich um die digitale Transformation, könnte ein Fazit zur gegenwärtigen Entwicklungen im Gesundheitswesen lauten. Das bedeutet zugleich, dass sich die etablierten Systeme auf unbekanntes Terrain begeben müssen, um eine Qualität in der Versorgung zu erreichen, die mehr am Wohle des Kunden und weniger an Wirtschaftlichkeitsprinzipien orientiert ist.  Versicherte und Patienten, die sich losgelöst hiervon in dynamischen Netzwerken organisieren, sind der Dreh- und Angelpunkt dieser Entwicklung: Vertrauen und Zufriedenheit können nur durch Flexibilität und Transparenz der Prozesse sowie einen partizipativen Umgang erreicht werden. Diesen Prämissen kann nicht entsprochen werden, ohne an politischen Stellschrauben zu drehen. Auf dem Partnerkongress der Gesundheitsforen Leipzig kamen am 29. und 30. November deshalb gewichtige Stimmen aus der Branche zu aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen zu Wort.

 

Anja Schweitzer, Leiterin des Stabsbereiches Strategie, Unternehmensentwicklung & Politik der Siemens Betriebskrankenkasse betonte, dass nicht nur die digitale Transformation Krankenkassen umtreibt. Sie stellte die Qualität in der Versorgung und was diese eigentlich bedeutet in den Fokus ihres Vortrags. Gesprochen werde fast ausschließlich über die Zusatzbeitrage sowie Versorgungsverträge mit Leistungserbringern, wobei es jedoch um mehr als finanzielle Aspekte gehen sollte. Um eine Evaluation der Versorgung auch hinsichtlich einer Flächendeckung zu gewährleisten plädierte die Referentin dafür, denjenigen zu betrachten, der in diese Verträge eingeschrieben ist: Den Versicherten und dessen individuelles Wohl. Die Krankenkassen sollen demzufolge nicht nur dem gesetzlichen Versorgungsauftrag nachkommen, sondern zugleich ein Dienstleister sein, der den Versicherten effizient berät und navigiert. Die Kunden erleben und bewerten mit eben dieser subjektiven Wahrnehmung ihre Krankenversicherung, wobei diese durchaus als vertrauenswürdige Beratungsinstanz vom Versicherten wahrgenommen werden. Die bisherige Datennutzung der Kassen beschränkt sich jedoch auf die Prüfung der Leistungspflicht – mit Ausnahme existierender Regelungen, wie die Meldung des Morbi-RSA. Von einer informationellen Selbstbestimmung der Patienten könne deshalb nicht die Rede sein. „Kassen dürfen nicht länger wegschauen müssen“ – lautete das Plädoyer von Schweitzer dafür, Krankenkassen erweiterte Datennutzungsrechte zuzusprechen und mit dem Einverständnis des Versicherten vorhandene Daten über diesen zusammenzuführen, zu analysieren und zu nutzen. Wie Umfragen zeigen, ist dies auch im Sinne des Versicherten. Allerdings sollte diesem auch ein Einspruchsrecht eingeräumt und Datenmissbrauch verhindert werden.


Kundenbegeisterung durch digitale Innovationen

Am Ende des Tages sollte es einem jeden Unternehmen darum gehen, seine Kunden zu begeistern. Mathias Endres, Leiter der Betriebsorganisation der CENTRAL Krankenversicherung AG, stellte digitale Strategien im Leistungsprozess vor, in welchem Dunkelverarbeitung und Co eine wichtige Rolle spielen. Wie der Einsatz von Statustracking oder erklärenden Filmen in der Leistungsverarbeitung möglich wird und zugleich zu einer höheren Kundenzufriedenheit führt, zeigte der Referent anhand der hauseigenen Leistungsanrechnungs-App. Damit läutete er den Themenschwerpunkt Digitalisierung ein. Hierzu äußerte sich auch Christian Straka, Projektleiter eService und Fachbereichsleiter Elektronische Medien bei der mhplus Betriebskrankenkasse. Als einzige GKV bietet die mhplus Whatsapp für einen Firstlevel-Support in der digitalen Kundenkommunikation an. Damit  zeigte er, dass Social Media mehr als nur Facebook ist.


Paradigmenwechsel von hierarchischen Systemen zu dynamischen Netzwerken

Prof. Dr. Andréa Belliger, Prorektorin Dienstleistungen am Institut für Kommunikation und Führung der Pädagogische Hochschule Luzern, betrachtet die digitale Transformation des Gesundheitswesens aus der Perspektive eines gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechsels. Dieser führt von hierarchischen Systemen zu dynamischen Netzwerken, die nach bottum-up-Prinzip organisiert sind. Auf diese Weise entsteht eine EPatient-Bewegung, die sich gegenseitig vernetzt, austauscht und unterstützt. Eine neue Generation von Gesundheitskonsumenten entdeckt zudem den Markt der Apps, Wearables, Insideables, etc. Der Kulturclash dieser nebeneinander verlaufenden Entwicklungen kann nur überwunden werden und an Nachhaltigkeit gewinnen, wenn die Prinzipien der Konnektivität in die etablierten Systeme übertragen werden: offene Kommunikation, Partizipation und Transparenz.

 

Zankapfel Morbi-RSA

Mit dem Gesundheitsfonds werden seit 2009 Zuweisungen aus dem Morbi-RSA getätigt. Um eine Risikoäquivalenz in der Zuweisung herzustellen, werden Abschläge für Gesunde und Zuschläge für Kranke erhoben. Während bei Multimorbidität keine Unterdeckung vorliegt, kommt es momentan zu einer Überzahlung bei Gesunden, die jedoch über die letzten Jahren abgenommen hat. Laut Prof. Dr. Herbert Rebscher, Vorsitzender des Vorstands der DAK-Gesundheit, ist die Debatte um die Risikoäquivalenz eine methodische, keine politische. Eine solche könne laut Rebscher über eine streng versicherungsmathematische Herleitung, Kosteneffektivitätsanalysen oder mittels Benchmarking als Optimierungsszenario gewährleistet werden. Bereits am ersten Veranstaltungstag zeigte er Baustellen auf, die in der kommenden Legislaturperiode angegangen werden sollten. Eine Nachjustierung des Morbi-RSA stellte auch einen thematischen Schwerpunkt am zweiten Tag des Kongresses dar. Dr. Dorothee Heimann, Referentin der Geschäftsstelle des Wissenschaftlichen Beirats vom Bundesversicherungsamt (BVA) sprach sich ebenfalls für eine empirische Fundierung aus und zeigte sich grundsätzlich offen für eine Diskussion, in der es um die Verbesserung der Zielgenauigkeit und die Vermeidung von Anreizen für die Risikoselektion geht. Aus Perspektive des BVA hat sich das System Morbi-RSA bewährt, was einer weiteren Verbesserung jedoch nicht widerspricht. Prof. Dr. Volker Ulrich, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat zur Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs, wies in seiner komplexen Darstellung des Morbi-RSA darauf hin, dass es in der Diskussion nicht bloß datengetriebener, sondern auch ordnungspolitischer Entscheidungen bedarf.

 

„Leipzig wird unterschätzt“, resümierte der Moderator Dr. Albrecht Kloepfer, Leiter des Büros für gesundheitspolitische Kommunikation auf dem 7. Partnerkongress. Und das nicht nur als Stadt, sondern auch als wichtiger Standort für das Gesundheitswesen. An zwei Tagen diskutierten die Gesundheitsforen Leipzig mit circa hundert Vertretern der Branche dessen Zukunft im digitalen Zeitalter sowie aktuelle gesundheitspolitische Fragestellungen, die auch im Wahljahr 2017 wieder aufgegriffen werden. Weitere Informationen zur Veranstaltung erhalten Sie unter www.gesundheitsforen.net/partnerkongress.

 

Quelle: Gesundheitsforen Leipzig