Health-IT

Deutscher Interoperabilitätstag: Standards pochen auf ihr Recht

V.l.n.r.: Alexander Ihls, IHE, Andreas Kassner, bvitg, Prof. Dr. Sylvia Thun, HL7, und Lars Treinat, ZTG GmbH, zeigen sich erfreut über die positive Resonanz auf den „2. Deutschen Interoperabilitätstag“. © ZTG NRW

23.10.17 · 

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Optimistische Grundstimmung beim 2. Deutsche Interoperabilitätstag in Dortmund: FHIR und IHE? Läuft. SNOMED CT? Könnte (vielleicht) (bald) laufen.

 

Das Veranstaltungsformat funktioniert: Im Vergleich zum Vorjahr konnte beim 2. Deutschen Interoperabilitätstag, der jetzt in Dortmund stattfand, die Teilnehmerzahl rund verdoppelt werden. Auch wenn es auf den Gängen Kritik an Politik und Selbstverwaltung gab: Die Stimmung war insgesamt doch recht gut. In Zeiten, in denen sich die KBV zu Patientenakten positioniert und AOK und Techniker Krankenkasse kurz vor dem Start ihrer digitalen Versichertenplattformen stehen, scheint so langsam auch dem letzten Verfechter von Selbstgebranntem klar zu werden, dass es ohne die „großen“ Standards nicht gehen wird.

 

IHE: Herstellerselbstverpflichtung zu Value Sets für 2018 geplant

In Sachen IHE gab Alexander Ihls, Vendor Co-Chair von IHE Deutschland, einen Überblick über das bisher erreichte. Ihls wird auch in der kommenden Ausgabe der E-HEALTH-COM in einem Überblicksartikel eine Art „Kochrezept“ für IHE-basierte Patientenaktenplattformen liefern. In Dortmund berichtete er unter anderem über die anhaltenden Bemühungen von IHE Deutschland, Metadaten für die unterschiedlichen elektronischen Dokumente zu definieren.

 

Bereits im Juni 2016 hatte die Arbeitsgruppe Value Sets innerhalb von IHE Deutschland wesentliche Metadaten definiert, die auch online einsehbar sind. In der aktuellen, zweiten Phase dieser Bemühungen werden jetzt weitere Datenfelder definiert und konsentiert, darunter die „Rolle“ des Verfassers/Autors eine Dokumente, dessen Spezialisierung und der sogenannte Confidentiality Code, der die Vertraulichkeit eines Dokuments beschreibt.

 

„Wir haben seitens IHE diese Festlegungen getroffen, weil die Politik es nicht gemacht hat. Und wir werden uns jetzt bemühen, dass sie auch in allen laufenden Projekten angewandt werden“, so Ihls. Seitens der Hersteller gebe es da keine Probleme. Zur conhIT 2018 soll es eine Herstellererklärung geben, in der die Unterzeichner sich verpflichten, diese Festlegungen zu unterstützen. „Ziel ist es, dass Dokumente aus der Akte der AOK Nordost auch von Aktensystemen in Baden-Württemberg erkannt und richtig zugeordnet werden können.“

 

FHIR: Erste normative Version ante portas

Auch bei HL7 bewegt sich einiges. HL7 Deutschland Geschäftsführer Kai Heitmann berichtete über die enormen Fortschritte, die bei dem neuen HL7 Standard FHIR in relativ kurzer Zeit erreicht wurden. FHIR ist eine einfach zu nutzende, skalierbare und gut für mobile Einsatzszenarien geeignete, moderne HL7 Variante. Sie ist ausgesprochen entwicklerfreundlich und entsprechend beliebt in der Community: „Früher dauerte es Monate bis Jahre, um ein Projekt zu realisieren. Heute geht das zumindest in Ansätzen schon an einem Nachmittag“, so Heitmann.

 

Mittlerweile hätten sich zahlreiche Gesundheits-IT-Hersteller öffentlich zu FHIR bekannt, sowohl international agierende Unternehmen als auch Unternehmen, die nur den deutschsprachigen Markt bedienen. „Insgesamt nimmt FHIR deutlich schneller an Fahr auf als wir das in der Vergangenheit bei anderen Standards gesehen haben“, so Heitmann. Bereits im Jahr 2018 soll es die erste normative Version von FHIR geben. Doch auch jetzt schon spreche nichts dagegen, FHIR zu nutzen: „Wir sind weit fortgeschritten, viele Dinge sind bereits festlegt.“ Auch eine ganze Reihe von IHE-Profilen berücksichtigen FHIR bereits.

 

SNOMED CT: Hoffen und Bangen

Für die diagnostischen Fächer verwies Bernhard Wiegel, Laboratoriumsmediziner aus Passau, auf den in Kürze zur Verfügung stehenden Labordatenstandard LDT 3.0, der unter der Ägide des Qualitätsrings Medizinischer Softwareanbieter QMS entwickelt wird. Er soll viele derzeit noch bestehende Probleme der digitalen Labordatenkommunikation adressieren und zum Grundgerüst für ein einheitliches Leistungsverzeichnis der deutschen Laborlandschaft werden.

 

Wiegel, der sich entschuldigen lassen musste und sich von Sylvia Thun vertreten ließ, wies darauf hin, dass auf Dauer neben dem bereits verfügbaren LOINC eine umfangreichere Terminologie erforderlich sei, um die Bedürfnisse der Labormedizin bzw. allgemein der diagnostischen Fächer abzudecken. Hier sei in erster Linie SNOMED CT geeignet. Wiegel rechnete vor, dass bei individueller kommerzieller Lizenzierung von SNOMED CT für das deutsche Gesundheitswesen 185 Millionen Euro im Jahr anfallen würden. Eine nationale Lizenz, zu der sich Deutschland – anders als viele andere Länder – bisher nicht durchringen konnte, würde eine Million Euro pro Jahr kosten.

 

Wiegel sprach im Zusammenhang mit jüngsten Äußerungen des Bundesforschungsministeriums in Reaktion auf eine Anfrage von E-HEALTH-COM von „einem Hoffen und Bangen“. Das BMBF hatte betont, dass die Realisierbarkeit von SNOMED CT in Deutschland geprüft werde. Das wurde in Dortmund sehr begrüßt. Das Ministerium hatte allerdings auch auf „gesamtstrategische Entscheidungen zur Digitalisierung“ hingewiesen. Dies dürfte sich auf elektronische Patientenakten und auf die nötige Abstimmung mit dem Bundesgesundheitsministerium diesbezüglich beziehen.

 

Text: Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM


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