Telemedizin

Kammern positionieren sich unterschiedlich

@ Gina Sanders

10.04.17 · 

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Die Ärztekammer Baden-Württemberg sucht Bewerber für Modellprojekte zum telemedizinischen Erstkontakt. Die Kammern in Westfalen-Lippe und Nordrhein sind zurückhaltender.

 

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hat in der vergangenen Woche einen offiziellen Bewerbungsaufruf für ihre Modellprojekte zum telemedizinischen Erstkontakt gestartet, etwas, das sie selbst einen „Paradigmenwechsel in der ärztlichen Behandlung“ nennt. Die Kammer hatte den Weg dafür im vergangenen Sommer freigeräumt, als sie die Berufsordnung der Ärzte entsprechend ergänzte.

 

Für das Bewerbungsverfahren gibt es einen umfangreichen Anforderungskatalog, der allerdings nicht öffentlich gemacht wurde. Neben technischen und datenschutzrechtlichen soll es auch qualitative Kriterien geben. Antragsteller können nur Ärzte sein, die Mitglied der LÄK BaWü sind. Die Idee ist, dass diese mit einem Dienstleister und mit Kostenträgern kooperieren, sei es aus dem GKV- oder dem PKV-Umfeld. Eine vom Anbieter und von der Kammer unabhängige Evaluation ist Pflicht.

 

Start mit telemedizinischem Notdienst?

Für ihren Vorstoß hat die Kammer von außen viel Lob, von intern allerdings auch teils heftige Kritik eingesteckt. Was mögliche Szenarien angeht, gibt man sich deswegen betont vorsichtig. Per Pressemeldung ins Spiel gebracht wurde eine telemedizinische gestützte Notdienstversorgung außerhalb der Praxisöffnungszeiten. Auf Nachfrage betonte die Kammer allerdings, dass ebenso Modellprojekte zu regulären Zeiten denkbar seien.

 

Auch die Landesärztekammer von Westfalen-Lippe und Nordrhein thematisieren die Digitalisierung. Sie haben ein gemeinsames Positionspapier verfasst, das Anfang April von der Kammerversammlung in Westfalen-Lippe diskutiert und verabschiedet wurde. Hauptgeschäftsführer Dr. Michael Schwarzenau betonte, dass die Digitalisierung „mehr von den Möglichkeiten und Chancen“ her gesehen werden sollte als „von den Schäden und Bedrohungen, die von ihr ausgehen“. Allerdings gab es bei der Versammlung auch kritische Stimmen. So warnte der Radiologe Dr. Wolf-Dieter Reinbold davor, dass die Digitalisierung zur Rationalisierung auf Ärzteseite missbraucht werden könne.

 

Positionspapier der NRW-Kammern fällt zurückhaltend aus

Insgesamt gerät das Positionspapier der beiden Kammern in Nordrhein-Westfalen dann auch eher zurückhaltend. Von dem Verve der Baden-Württemberger ist man weit entfernt. Immerhin: Der Aufbau der Telematikinfrastruktur wird explizit unterstützt – noch immer keine Selbstverständlichkeit bei den Landesärztekammern. Einheitliche digitale Dokumentationsstandards für eine semantische Interoperabilität werden eingefordert. Außerdem wollen die beiden Kammern gemeinsame Fortbildungskonzepte im Bereich E-Health entwickeln.

 

Im Abschnitt zur Telemedizin wird der telemedizinische Erstkontakt nicht explizit erwähnt. Offensichtlich möchte man die eigene Berufsordnung vorerst nicht öffnen. Stattdessen werden berufsrechtlich unproblematischen Telekonsilstrukturen in den Vordergrund gerückt. Arzt-Patienten-Tools wie die Videosprechstunde werden lediglich „unter Erhalt individueller Verantwortung“ als Ergänzung gesehen und müssten sorgfältig evaluiert werden.

 

Ein dritter Abschnitt des Positionspapiers beschäftigt sich schließlich mit Marktaspekten der Digitalisierung. Hier setzen sich die beiden Kammern für eine stärkere Berücksichtigung von digitalmedizinischen Anwendungen in der Regelversorgung ein: „Der digitale Fortschritt darf nicht auf den privat finanzierten Bereich beschränkt bleiben“, heißt es wörtlich. Auch wendet man sich explizit gegen einen „IT-gestützten Parallelmarkt für Gesundheitsdienstleister, der die Regelversorgung ersetzt“. Dies dürfte als Reaktion auf zunehmende Diskussionen über Plattformstrukturen à la Uber oder AirBnB zu lesen sein, die in einem digitalen Gesundheitswesen der Zukunft möglicherweise Triage-Funktionen übernehmen oder als eigene Anbieter medizinischer Leistungen auftreten könnten.


Text: Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM


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