Telemedizin

Reanimation per App und Drohne

28.06.17 · 

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Im Raum Lübeck macht der Rettungsdienst gute Erfahrungen mit einer Ersthelfer-App für die Reanimation. Kommt bald auch die Rea-Drohne?

 

Neun Minuten dauert es in Europa im Schnitt, bis bei einem Herzstillstand der Rettungswagen vor Ort ist. In Städten geht es oft schneller. Auf dem Land kann es aber auch deutlich länger dauern. Nördlich von Stockholm brauchte der Rettungswagen in einer aktuellen Studie des Karolinska-Instituts im Mittel 22 Minuten.

 

Das reicht nicht, um ohne Reanimation zu überleben. Deswegen gibt es immer mehr Überlegungen, wie die Reanimation beim Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses durch technische Hilfsmittel verbessert werden kann. Bei der Tagung der European Heart Rhythm Association (EHRA) in Nizza wurde jetzt über erste Erfahrungen mit der EHRA First Responder App berichtet, in Deutschland „Ersthelfer-App“ genannt.

 

Ersthelfer-App kann bei einigen Patienten wertvolle Minuten bringen

Professionelle Ersthelfer oder auch gut trainierte Laien können sich für diese App anmelden. Im Falle eines Notrufs wegen Herzstillstand schickt die Leitstelle dann nicht nur den Rettungswagen in die Spur, sondern lokalisiert per GPS auch Ersthelfer, die zufällig gerade in der Nähe sind. Diese eilen dann zum Unglücksort und beginnen zu reanimieren, bis der Rettungswagen aufkreuzt.

 

Die erste interessante Frage im Zusammenhang mit dieser innovativen mHealth-Anwendung lautet, ob genug Leute mitmachen. Das scheint der Fall zu sein. Allein im Raum Lübeck wurden mittlerweile über 650 Ersthelfer mit der App ausgestattet, überwiegend Menschen mit entsprechender Ausbildung, teilweise auch Laien, die sich dann verpflichten, alle zwei Jahre an einem Training teilzunehmen. „Teilnehmer zu rekrutieren, war überhaupt kein Problem, denn die Menschen wollen helfen“, sagte Dr. Christian Elsner, Geschäftsführer des UKSH, Campus Lübeck.

 

Dass die App auch einen zeitlichen Nutzen bringen kann, zeigen die ersten Zahlen der Lübecker, die sich allerdings erst auf einige wenige Patienten beziehen. Bisher waren die Ersthelfer zumindest bei jedem dritten Patienten mehr als drei Minuten vor dem Rettungswagen vor Ort. Das ist in einer Situation, in der jede Minute zählt, auf jeden Fall klinisch relevant.

 

Platz machen, Defi landet!

Dass sich solche IT-gestützten Erweiterungen des Rettungswesens auch noch weiter spinnen lassen,  zeigt ein Projekt aus Schweden. Wie wäre es zum Beispiel, wenn nicht nur Ersthelfer per App zum Unglücksort gelotst werden, sondern eine Drohne auch gleich noch einen Defibrillator vorbeibringt? Die Stockholmer Kardiologen um Andreas Claesson vom Center for Resuscitation Science des Karolinska-Instituts haben genau das jetzt pilotiert.

 

Sie nahmen 18 echte Notfälle aus der Datenbank und berechneten, dass es bei diesen Notfällen in einer ländlichen Feriengegend im Mittel 22 Minuten dauerte, bis ein Rettungswagen vor Ort war. Die Wissenschaftler schickten daraufhin eine Defi-Drohne zu genau diesen Unglücksorten, nicht so eine Media-Markt-Drohne, sondern was Größeres, mit acht Rotoren, über 6 Kilogramm Gewicht und einer Höchstgeschwindigkeit von 75 Kilometern pro Stunde. Die brauchte im Schnitt 5 Minuten und 21 Sekunden bis zum Unglückort, kam also mal eben 16 Minuten früher an als der Defi auf vier Rädern.

 

Spannend an dem schwedischen Projekt ist, dass die Drohne nicht gesteuert wurde. Sie flog selbst, allein auf Basis der GPS-Koordinaten. Theoretisch vorstellbar wäre demnach ein hoch automatisierbares Szenario, bei dem nach einem Notruf in der Leitstelle einerseits der Rettungswagen losgeschickt wird, andererseits ein Ersthelfer per App alarmiert und drittens eine Defi-Drohen startet, die den Ersthelfer mit der nötigen Technik versorgt.

 

Text: Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM


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