Health-IT

„Wahlkampfrhetorik“

21.02.17 · 

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Die Gesundheits-IT-Branche wehrt sich: In der Diskussion um die Software in Arztpraxen und die Rolle der KBV bezieht jetzt der Praxis-IT-Hersteller medatixx umfangreich Position.

 

Mit seinem Brief an den Bundesgesundheitsminister, mit dem auf den letzten legislativen Metern Änderungen am Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AMVSG) erreicht werden sollen, hat KBV-Chef Andreas Gassen eine polemische Debatte um Arztpraxissoftware losgetreten, die alte Reflexe wieder aktiviert. Zur Erinnerung: Mit Bezugnahme auf angeblich zu hohe Kosten der Module für den Bundesmedikationsplan (BMP) fordert die KBV von der Politik entweder Vergütungsvereinbarungen für das nächste IT-Großprojekt in der ambulanten Medizin, nämlich die Implementierung der im AMVSG angelegten G-BA-Module, oder aber das Recht, eigene Softwaremodule oder ein eigenes Praxis-IT-System zu entwickeln, um einer „Goldgräberstimmung“ in der Branche entgegenzuwirken.

 

Grundsatz Mehrvergütung für Mehrleistung gilt auch bei IT

Der Vorstoß hat zahlreiche Reaktionen provoziert. So hat die CompuGroup kritische Twitter-Meldungen abgesetzt. Es gibt auch einen gemeinsamen Brief der Industrie an das Ministerium. Jetzt hat außerdem das Unternehmen medatixx ein umfangreiches Positionspapier vorgelegt. Dessen Stärke ist es, nicht nur Breitseiten gegen die KBV abzufeuern, sondern vor allem auch detailliert darzustellen, worum genau es eigentlich geht.

 

So wird zum einen daran erinnert, dass die Spezifikation für den BMP im vergangenen Sommer in gemeinsamer Anstrengung von Selbstverwaltung, Industrie und Standardisierungsgremien entstand und breite Zustimmung erhalten hatte. Auch gebe es eine Zusatzvergütung für den BMP in Höhe von ca. 163 Millionen Euro. Diese hat die Selbstverwaltung allerdings so gestaltet, dass sie von den Ärzten nicht als Zusatzvergütung wahrgenommen wird. Grundsätzlich müsse auch bei der Arztpraxis-IT gelten, dass Mehrleistung Mehrvergütung bedeuten müsse.

 

Den Vorstoß der KBV, über eine Gesetzesänderung das Recht zu bekommen, eigene Praxis-IT-Lösungen anzubieten, betrachtet medatixx als „Wahlkampfrhetorik im Vorfeld der KBV-Vorstandswahlen“. Es wird darauf verwiesen, dass entsprechende Vorstöße bereits in der Vergangenheit mehrfach gescheitert seien. „Wir gehen davon aus, dass die Politik die KBV auch weiterhin in ihrer Rolle als Selbstverwaltungsorgan sieht und einer ordnungspolitisch fatalen Zulassung unternehmerischer Aktivitäten der KBV skeptisch gegenübersteht“, heißt es in dem Positionspapier.

 

Bei den Schnittstellen muss differenziert werden

Detailliert geht medatixx auf den in allen Diskussionen mitschwingenden Vorwurf der Schnittstellenverweigerung ein. Dieser gehöre seit Jahren zum Repertoire der KBV-Forderungen nach einem regulativen Eingriff und nach dem Recht auf Entwicklung eigener Software. Hier könne freilich nicht pauschal argumentiert werden. Vielmehr müssten drei Szenarien unterschieden werden, nämlich die Datenübernahme beim Systemwechsel, der permanente Datenaustausch zwischen Praxen und die Anbindung von Zusatzsoftware wie etwa Modulen für BMP oder G-BA.

 

Was den Systemwechsel angehe, existiere mit „bvitg transfer“ bereits heute ein Standard, der jedes Jahr in über 5000 Fällen erfolgreich Anwendung finde. Die Forderung der KBV nach Datenportabilität sei damit längst erfüllt, so medatixx. Zudem gebe es gemäß §291d SGB V seit dem E-Health-Gesetz einen Dialog zwischen Industrie und KBV mit dem Ziel einer Zertifizierung in diesem Bereich.

 

Bei der Anbindung von Zusatzsoftware differenziert das Positionspapier zwischen der existierenden GDT-Schnittstelle, die die doppelte Stammdatenpflege verhindere und die Übertragung von Untersuchungsergebnissen erlaube, und der weitergehenden Forderung nach einer universellen Schnittstelle für Medikationsdatenbanken. Diese zeuge von unzureichender Kenntnis des Arzneimitteldatenbankangebots sowie der Tiefe der Integration solcher Datenbanken, so medatixx. Dies sei umso erstaunlicher, als die KBV den Zertifizierungskatalog für die tiefe Integration der Verordnungssoftware selbst entwickelt habe. Grundsätzlich bestehe die Option, aus zwei Umsetzungsmöglichkeiten zu wählen, nämlich der Eigenentwicklung, bei der die Datenbanken nur die Rohdaten liefern, oder der Anbindung einer Drittanbietersoftware.

 

Umsetzung des eArztbriefs scheitert nicht an Technik

Schließlich wird auch noch zu einem Standard für den laufenden Datenaustausch Stellung genommen, und hier nimmt das Positionspapier kein Blatt vor den Mund. So existiere ein Standard für den laufenden Datenaustausch längst, nämlich der eArztbrief-Standard, der von der KBV in KV Connect umgesetzt sei und wesentlich auf dem von der Industrie entwickelten bvitg Arztbrief fuße.

 

Dass bis heute nur ein geringer Anteil der Ärzte den KV Connect-Arztbrief nutze, habe keine technischen Gründe. „Solange auch noch im Jahr 2017 KVen ihre Ärzte per Fax vor den Gefahren des Internets warnen und die Trennung der gesamten Praxissoftware vom Internet empfehlen, und solange die Versendung eines Faxes mit 55 Cent gegenüber 28 Cent für die Versendung eines eArztbriefs vergütet wird, kann zeitgemäße elektronische Kommunikation in den deutschen Arztpraxen weiterhin nur eine Randerscheinung bleiben.“


Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM


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