Hohe Akzeptanz – Patienten und digitale Vitaldaten

Hans Peter Bröckerhoff

 

Die Deutschen würden mehrheitlich ihrem Arzt gerne ihre digitalen Vitaldaten geben. Hier wurde eine erfreulich hohe Akzeptanz gemessen. Beschleunigt diese große Bereitschaft die Arbeit an der Integration solcher patienteneigenen Daten in den Versorgungsalltag?

 

Die breite Mehrheit der Deutschen (82 Prozent) kann sich vorstellen, in einer bestimmen Situation Körperfunktionsdaten elektronisch direkt an den Arzt zu übermitteln.“ Das ist der zentrale Satz einer Pressemitteilung die mir vor Kurzem zugesandt wurde. Sie kam vom Marktforschungs- und Beratungsunternehmen YouGov und betraf dessen aktuelle Studie „Internet 4.0: Smart Health & Smart Care“. Das ist eine sehr hohe Akzeptanz, dachte ich, sie dürfte dazu beitragen, dass die zurzeit viel diskutierte, aber noch nicht wirklich umgesetzte Einbindung dieser von den Patienten selbst erhobenen Daten in das normale Versorgungsgeschehen beschleunigt wird.


Aber ich musste unwillkürlich auch an eine andere, sehr lange zurückliegende Akzeptanzstudie denken. Vor gut zehn Jahren war die Bevölkerung ebenfalls sehr offen gegenüber einer geplanten Innovaton, der elektronischen Gesundheitskarte (eGK). Zwar weiß ich keine Prozentzahlen mehr, aber ich erinnere mich, dass die Fachwelt erstaunt war, weil man eine solch deutliche Akzeptanz für den Einstieg in die digitale Gesundheitsversorgung gar nicht erwartet hatte.


Dass die damalige große Akzeptanz nicht zu einer schnelleren Umsetzung des Projekts geführt hat, muss ich hier nicht näher beschreiben. Die Offenheit in der breiten Bevölkerung traf auf Skepsis, Widerstand und Interessenkämpfe bei den maßgeblichen Playern im Gesundheitssystem. Insbesondere viele Ärzte und ihre Vertreter taten sich schwer mit den ersten, noch zarten Schritten in Richtung digitale Versorgung.  


Sollte man also auch heute eher skeptisch sein, angesichts der großen Bereitschaft der Menschen, ihre Vitaldaten digital dem Arzt zur Verfügung zu stellen? Sagt diese hohe Akzeptanz ebenso wenig über die Geschwindigkeit der Einbindung dieser Daten in das Versorgungssystem aus wie damals die Akzeptanzwerte für die eGK über deren Realisierungsgeschwindigkeit? Zum Glück heißt die Antwort auf diese Fragen, zumindest meine: nein.


Die Situation ist heute eine deutlich andere. Das Thema eHealth bzw. Digitalisierung des Gesundheitswesens, wie es jetzt oft genannt wird, „fliegt“ mittlerweile (endlich!!!). Die Rahmenbedingungen haben sich verbessert. Und auch die Haltung der Akteure im Gesundheitswesen gegenüber der Digitalisierung ist offener und konstruktiver. Und zudem ist heute das Bewusstsein gewachsen, dass in ein vernetztes Gesundheitssystem auch der Patient mit seinen Daten hineingehört, dass der Patient zunehmend vom Objekt der Versorgung zu einem mitwirkenden Subjekt wird.


All das führt natürlich nicht dazu, dass die Aufgabe der Einbeziehung der patienteneigenen Daten in das „traditionelle“ Versorgungsgeschehen quasi automatisch und ohne Probleme und Hürden zu lösen ist. Es muss technologische Lösungen geben. Daran wird in der Industrie zurzeit gearbeitet. Dort ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit solcher Lösungen geschärft, wie ich im letzten Gespräch für „Auf ein Glas mit ...“ erfahren konnte (E-HEALTH-COM 2_3/2017, S. 54 ff.). Es muss aber auch die Qualität und Brauchbarkeit dieser Daten gesichert werden. Und es muss deren Schutz und Sicherheit gewährleistet werden. All das erfordert viel Arbeit, breite Diskussionsprozesse und auch verbindliche Vereinbarungen, im Datenschutzbereich teils vielleicht sogar gesetzliche Regelungen.  


Auch die unkomplizierte und sichere Einbeziehung der patienteneigenen Daten in den Versorgungsalltag wird also, trotz der großen Akzeptanz in der Bevölkerung, nicht von heute auf morgen umzusetzen sein. Komplexe Aufgaben zu lösen, benötigt Zeit, das ist normal. Und wenn dann, wie in diesem Fall, schon im Vorfeld eine hohe Akzeptanz für die zu schaffende Lösung da ist, wird das dem Prozess sicherlich gut tun – und ihn vielleicht sogar auch ein wenig beschleunigen.


Keine Kommentare




Kommentar hinzufügen







* - Pflichtfeld