Veranstaltungsberichte

Fachsymposium „Gesundheit & Versorgung“
1. – 2. Juni 2017

Zukunftsperspektiven deutscher Versorgung

 

„Die Bereitschaft aller, den Innovationsfonds als Chance zu begreifen“ – dieses Kredo gab Dr. David Reinhard vom GKV-Spitzenverband als Grundvoraussetzung für den Erfolg des 2016 eingeführten Instruments zur Weiterentwicklung des deutschen Gesundheitssystems aus. Auf dem Fachsymposium „Gesundheit & Versorgung“, das am 1. und 2. Juni 2017 bei den Gesundheitsforen Leipzig stattfand, wurden diese Potentiale und Chancen erörtert. Neben dem Innovationsfonds und der Vorstellung von Digitalisierungsprojekten standen vor allem die sektorenübergreifende Versorgung, die Gestaltung des Morbi-RSA und der Nutzen von Routinedaten für die Versorgungsforschung im Mittelpunkt.

 

Im ersten Fachforum des Fachsymposiums „Gesundheit & Versorgung“ diskutierten die Teilnehmer über aktuelle und zukünftige Entwicklungen des Innnovationsfonds. In Anlehnung an Reinhardts Update zum aktuellen Stand des Fonds erinnerte Harald Möhlmann, Berater des AOK-Nordost-Vorstandes, daran, dass innovationsfreundlicher Wettbewerb nur in Vielfalt stattfinden könne. Der Innovationsfonds ergänze die zentralistischen Wege zur Überführung von Innovationen ins GKV-System daher um ein willkommenes dezentrales Mittel.

 

Projektmanagement professionalisieren

Kernbotschaft ist aber auch: Das Gesundheitssystem dürstet nach Innovationen. Aus diesem Grund müssen weiterhin existierende Hemmnisse abgebaut und Digitalisierung gestärkt werden. Hans Matz vom Geschäftsbereich Versorgungsinnovation der Techniker Krankenkasse machte daher auf die hohen formalen und inhaltlichen Anforderungen an die Projektträger und bestehende Unklarheiten bei der Überführung innovativer Projekte in die Versorgung aufmerksam. Ein professionelles Projektmanagement kann bestehende Risiken durch konkrete Zieldefinition, fundierte Evaluationskonzepte und Projektpartnerschaften minimieren. Sowohl die AOK Nordost als auch die Techniker Krankenkasse stellten in diesem Zusammenhang aktuelle Projekte vor, die im Rahmen der 225 Millionen Euro, die der Innovationsfonds jährlich bereitstellt, gefördert werden.

 

Geeignete Forschungsinfrastruktur von Nöten

In diesem Zusammenhang werden auch der Versorgungsforschung jährlich 75 Millionen Euro bereitgestellt. Dr. Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland, machte in seinem Vortrag auf die Probleme aufmerksam, denen sich die Versorgungsforschung im Jahr 2017 stellen muss. Es sei eine geeignete Forschungsinfrastruktur aufzubauen, die Versorger besser einschließt. Herausforderungen wie bestehende regionale Versorgungsunterschiede können durch erfolgreiche regionalisierte Versorgungsforschung überwunden werden. Dies kann aber nur auf Basis vollständiger Datengrundlagen geschehen. Empirische Analysemodelle wie patient sharing networks können daher ein Instrument sein, um Routinedaten besser zu verstehen.

 

Komplexität führt zu Kooperations- und Kommunikationsschwächen

Trotz des hohen Standards des deutschen Gesundheitssystems führt seine Komplexität zu Schwächen in der Kooperation und Kommunikation, die gerade transsektoral zu Über-, Unter- und Fehlversorgung führen. Prof. Dr. Gerd Glaeske, Leiter der Abteilung Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung der Universität Bremen, bemängelte, dass zu viele Arztfachgruppen dasselbe Krankheitsbild behandeln und angesichts dieser Kommunikationsschwächen so keine maximalen Therapieerfolge erzielt werden bzw. zu hohe Kosten für das System entstehen. Er fordert daher einen „breiten Professionenmix im Rahmen abgestimmter Behandlungsabläufe“, die bewusst koordiniert und gesteuert werden.


Steigerung der Versorgungsqualität mittels Routinedaten

Wie wichtig Routinedaten für die Versorgungsforschung sind, zeigte auch Prof. Dr. Falk Hoffmann, Leiter der Abteilung Versorgungsforschung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er machte auf Probleme wie ihre mangelnde Generalisierbarkeit aufmerksam. Beispielsweise wird aus Analysen zwar schnell sichtbar, dass sozioökomische Variablen massiven Einfluss auf Morbidität und Inanspruchnahme von Leistungen haben, der erhobene Datenumfang ist aber oft zu begrenzt, um valide Aussagen zu treffen. Hier bestehen große Datenschutzbarrieren, die es zu beachten gilt.

 

Dabei dienen Routinedaten auch der Entwicklung von Indikatoren zur Messung der Versorgungsqualität. Doch wann kann man von „guten“ Qualitätsindikatoren sprechen? Gemeinsam mit den Teilnehmern analysierte Hoffmann in diesem Zusammenhang eine Studie, die auf Routinedaten basiert, um diese kritisch zu beurteilen und somit allgemeine Qualitätsmerkmale herauszustellen.

 

Verbesserte Wettbewerbssituation durch Vernetzung

Wie Versorgung auf unterschiedliche und innovative Weise gestaltet werden kann, war schließlich Inhalt des dritten Fachforums. Hier stellten aufstrebende Unternehmen wie die x-tention Informationstechnologie GmbH oder die Sonovum AG Konzepte und Erfahrungen zu Vernetzung und Technologie im Gesundheitssystem vor. Dass Vernetzung weitreichende Vorteile in der Versorgungsstärkung mit sich bringt, zeigte Wolfgang Fechter, Bereichsleiter Vertragswesen der MEDIVERBUNG AG mit der Vorstellung eines Netzwerkes zum elektronischen Befundaustausch in Heilbronn. Die Software „ViViAN“ ermöglicht Ärzten einen systemübergreifenden, universellen und damit herstellerneutralen Zugriff auf alle gängigen medizinischen Software-Systeme und verbessert damit die Wettbewerbssituation von Arztpraxen. Zusätzlich stellte Dr. Susanne Klein, Leiterin des Bereichs Versorgungsmanagement-Entwicklung der Techniker Krankenkasse, Open-Innovation-Ansätze aus eigenem Haus vor. Dabei sprach sie sich für systematisches, transparentes, offenes Innovationsmanagement aus. Beispielhaft hierfür steht die Health-i-Initiative, innerhalb derer die Techniker Krankenkasse neuen Start-Ups in einem 99-Tages-Bootcamp als Mentor zur Seite steht.


Morbi-RSA kommt eigentlicher Kernaufgabe momentan nicht nach

Angesichts millionenschwerer Deckungslücken ist die Weiterentwicklung des Morbi-RSA kontinuierlich Thema in der Gesundheitsbranche. Im Rahmen des vierten Fachforums erteilte Prof. Dr. Volker Ulrich, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat zur Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs und Professor am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, zu hohen Erwartungen aber eine Absage. „Erwarten wir, dass der Morbi-RSA alle Probleme des Gesundheitssystems löst, wird er nicht erfolgreich sein.“ Dass dennoch Reformbedarf besteht, wird bei Betrachtung der Ungleichverteilung finanzieller Überschüsse der Kassen augenscheinlich. Wolfgang Schnaase, zweiter Vorstand der BKK Mobil Oil, befand daher, dass der Strukturausgleich seinem eigentlichen Ziel, der Herstellung von Chancengleichheit, momentan nicht nachkommt. Durch konkrete Reformvorschläge, wie etwa die Einführung einer Regional- bzw. Versorgungsstrukturkomponente, die Wiedereinführung eines Risikopools oder den Wegfall der Sonderzuweisungen für Erwerbsminderungsrentner und für DMP soll der Morbi-RSA seiner originären Bestimmung zukünftig folgen.

 

Quelle: Gesundheitsforen Leipzig