Interview: "Wer soll das sonst machen?"

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21.02.17 · 

Als erste große deutsche Krankenkasse hat die Techniker den Zuschlag für eine elektronische Gesundheitsakte erteilt, bei der explizit Schnittstellen auf Basis von internationalen Standards und
IHE-Profilen eingefordert werden. Klaus Rupp, Fachbereichsleiter Versorgungsmanagement, verrät, was die Techniker Krankenkasse mit dieser Akte tun möchte und wie zufrieden oder unzufrieden er mit anderen digitalmedizinischen Projekten seiner Krankenkasse ist.

 

Wie ist der Themenbereich eHealth/digitale Medizin bei der TK organisatorisch abgebildet?
Wir haben einerseits ein großes Projekt zur digitalen Organisation, das sich um übergreifende digitale Prozesse kümmert und das direkt beim Vorstand angesiedelt ist. Das betrifft Themen wie die Gesundheitsakte, aber auch zum Beispiel die neue, übergreifende TK-Service-App, die wir demnächst vorstellen werden. Zusätzlich haben wir im Bereich Versorgung und Versorgungsmanagement eine Reihe digitaler Projekte zu oft indikationsspezifischen Innovationen für den Versorgungsalltag. Wir adressieren das digitale Gesundheitswesen also auf mehreren Ebenen.

 

Sie haben im Januar den Zuschlag für eine elektronische Gesundheitsakte erteilt, die Ihren Versicherten ab der zweiten Jahreshälfte als Satzungsleistung zur Verfügung stehen soll. Wie stellen Sie sich den Einsatz dieser Akte vor?
Zunächst einmal bietet die Akte die Möglichkeit, die Gesundheitsdaten selbst zu verwalten und eigene gesundheits- oder behandlungsrelevante Dokumente oder auch Sensordaten einzustellen. Als Krankenkasse haben wir auf diese Daten primär keinen Zugriff und wollen das auch nicht.  Der Versicherte entscheidet allein, wer Zugriff hat – oder auch nicht. Wir werden die Akte außerdem dazu nutzen, unseren Versicherten zum ersten Mal überhaupt alle Leistungsdaten aufgearbeitet zukommen zu lassen, über die wir als Krankenkasse verfügen. Der Versicherte erhält also eine Art Grundausstattung mit Versorgungsdaten, die dann von spezifischen Fachanwendungen genutzt werden können. Es wird Algorithmen und andere Werkzeuge geben, die jeder selbstständig einsetzen kann und die weit über das hinausgehen, was wir bisher anbieten.


Können Sie das an konkreten Beispielen illustrieren?
Zahngesundheit wäre so ein Beispiel. Wir werden unseren Versicherten sämtliche Daten übersichtlich darstellen, die im Zusammenhang mit der zahnmedizinischen Versorgung anfallen. Er kann zum Beispiel das komplette Bonusheft digital führen. Wir werden immer wieder gefragt, warum wir so etwas wie das Bonusheft als Krankenkasse nicht gleich selbst führen und die Boni automatisch verrechnen. Der Grund ist, dass wir das zum einen nicht dürfen, weil die Daten einer Zweckbestimmung unterliegen. Bei einer elektronischen Gesundheitsakte ist das anders. Da ist der Versicherte der Herr seiner Daten. Der zweite Grund ist, dass wir Daten zum Beispiel zu Zahnarztterminen nur verzögert von den Kassenärztlichen Vereinigungen erhalten. Eine Gesundheitsakte ermöglicht unter der Regie des Patienten eine deutlich aktuellere Dokumentation.

Ohne Verknüpfung mit den Primärsystemen der Leistungserbringer wird das zumindest mühsam.
Die Akte wird keine reine Kassenakte. Unsere Ausschreibung ist die erste große Ausschreibung einer Krankenkasse, bei der explizit Schnittstellen auf Basis internationaler Standards und auf Basis von Integrationsprofilen wie jenen von IHE eingefordert werden. Damit schaffen wir technisch die Voraussetzung für Interoperabilität. Im Rahmen der einzelnen Indikationen werden wir dann gezielt mit relevanten Partnern zusammenarbeiten. Nochmal Zahngesundheit: Hier gibt es ja bereits digitale Plattformen, die die Leistungserbringer vernetzen und mit denen wir kooperieren wollen. Diese Plattformen können Daten zur Verfügung stellen, die einer Krankenkasse nicht zur Verfügung stehen und die es erlauben, neue Services anzubieten, von denen alle profitieren, nicht nur ein digitales Bonusheft, sondern auch Terminbuchungen oder Erinnerungen an Vorsorgeuntersuchungen.

Reden wir hier noch von 2017?
Nein, das ist ein iterativer Prozess, und die Anbindung der Leistungserbringer ist nicht der erste Schritt. Wir werden am Anfang mit den Daten arbeiten, die wir als Krankenkasse zur Verfügung stellen können und mit jenen, die der Versicherte selbst einstellt. Patientenquittungen zum Beispiel können wir rasch einstellen, auch Rezeptdaten liegen uns relativ schnell vor, sodass wir eine Art Basismedikationsakte zur Verfügung stellen können, die der Versicherte dann um OTC-Medikamente ergänzen kann. Bei der Anbindung der Leistungserbringer spielen ja auch technische Standards mit rein, die bisher noch nicht im Detail festgelegt sind. Die gematik hat den Auftrag, bis Ende 2018 die Voraussetzungen für eine elektronische Patientenakte zu prüfen. Das ist nicht losgelöst von unserem Projekt, das geht Hand in Hand. Wir gehen mit unserer Akte quasi in Vorleistung.

Stichwort gematik: Ist die Gesundheitsakte, wie Sie sie sich vorstellen, eine Ergänzung zur elektronischen Patientenakte nach §291a SGB V, oder geht das ineinander über?
Darauf gibt es bisher keine Antwort. Wir diskutieren darüber auf Ebene des GKV-Spitzenverbands, und über den Spitzenverband werden wir natürlich auch Einfluss auf die Entwicklungen nehmen. Wir sehen die Telematikinfrastruktur in erster Linie als eine geschützte Kommunikationsumgebung aufseiten der Leistungserbringer. Mit unserer Akte kommen wir gewissermaßen von der anderen Seite: Wir bauen die Brücke in Richtung Patient. Das dürfen auf Dauer keine technisch inkompatiblen Parallelwelten bleiben. Auch deswegen bringen wir uns jetzt mit unserer Akte aktiv ein, und wir wollen auch Standards, die sich bewähren, ins Interoperabilitätsverzeichnis einstellen. Die gematik, die ja noch nicht so weit ist, hat dann die Chance, bei ihren Spezifikationen auf die existierenden Lösungen aufzusetzen. Gebahnt ist da aber noch gar nichts.

Auch gesetzlich sind da ja noch Fragen offen. Ist nicht der Zugriff auf die Patientenakte nach § 291a weiterhin an den Heilberufsausweis gekoppelt? Das ist ja vermutlich nicht das, was Sie wollen.
Der Versuch des Aufbaus einer digitalen Infrastruktur für das deutsche Gesundheitswesen ist mehrfach gescheitert. Ich denke schon, dass wir bei dem nächsten Versuch in dieser Richtung an einigen Stellen andere Antworten und neue ordnungspolitische Ideen brauchen. Mein Eindruck ist, dass die Politik das weiß. Der mobile Zugriff auf die Telematikinfrastruktur zum Beispiel ist ja im E-Health-Gesetz explizit vorgesehen. Kurz gesagt: Ja, wir sehen da schon Ergänzungsbedarf auf gesetzlicher Seite.


Sehen Sie beim Thema Standardisierung von Akten eine Rolle für Organisationen wie die gevko?

Die gevko definiert heute Schnittstellen für Selektivverträge, und das funktioniert gut. Es gibt andere, die das auch machen, die HÄVG vor allem, das funktioniert auch. Ich glaube, bei den elektronischen Akten sollten wir den reinen Kassenblickwinkel oder den reinen Ärzteblickwinkel aufgeben.

Sie plädieren dafür, dass alle Krankenkassen verpflichtet werden sollten, Gesundheitsakten anzubieten. Warum sollten solche Akten bei den Krankenkassen angesiedelt sein?

Nochmal, nur damit das klar ist: Wir wollen diese Akten nicht selbst hosten, wir wollen sie über einen unabhängigen Dienstleister unseren Versicherten anbieten. Krankenkassen sind für diese Rolle prädestiniert, denn wer soll das sonst machen? Wir gehen schon heute jeden Tag mit Sozialdaten um. Wir haben dank unseres umfassenden Überblicks über die Versorgungsprozesse die Möglichkeit und die Daten, die nötig sind, eine Akte so zu organisieren, dass der Versicherte davon einen Mehrwert hat. Das geht bei Akten in anderer Umgebung nicht. Natürlich sehen wir, dass auch andere Akteure unterschiedlich breit aufgestellte Akten anbieten wollen. Solche (Partial-)Akten entstehen in der Umgebung der Leistungserbringer, auch in der Pharmaumgebung, aber das ist alles Stückwerk, und das sind auch alles keine Akteure, die Standards setzen können. Wenn standardisierte Akten aus dem deutschen Gesundheitswesen heraus entstehen sollen, dann sind die Krankenkassen dafür die erste Adresse. Die andere Option wäre, den Apples und Googles das Feld zu überlassen und Gesundheitsdaten zu kommerzialisieren. Aber wollen wir das wirklich? Krankenkassen können ihren Versicherten für ihre sensiblen Daten eine geschützte Umgebung anbieten, ohne damit eigene Geschäftsmodelle verfolgen zu müssen. Das kann sonst keiner. Und im Übrigen schließt dieses Modell auch nicht aus, dass von privater Seite oder auch von Leistungserbringerseite Zusatzakten mit selektiven Funktionen angeboten werden können. Im Gegenteil: Je mehr solche Angebote entstehen, umso größer ist der Nutzen für die Patienten, vorausgesetzt dass es einheitliche technische Standards gibt, die eine Vernetzung dieser Lösungen erlauben.

Weg von der Akte. Die TK gehört zu den Krankenkassen, die ein breites digitales Versorgungsportfolio aufbauen. Sie haben digital unterstützte Versorgungsszenarien für Migräne, Tinnitus, Allergien, Stottern und Depression. Sie erstatten auch Videosprechstunden. Was funktioniert besonders gut?

Sehr gut funktionieren die Angebote, bei denen Versicherte und Arzt zusammenarbeiten, die also keine reinen Download-Angebote sind, sondern bei denen es sich um digitale Angebote als Teil der ärztlichen Praxis handelt. Tinnitracks ist da das beste Beispiel, es hat wirklich Eingang in die Versorgung gehalten, zunächst in Hamburg und jetzt auch darüber hinaus. Der HNO-Arzt bietet das als eine Therapievariante an, kann es beraten und im Rahmen eines Selektivvertrags auch abrechnen. Er kann auch selbst bestimmte Messungen vornehmen, wodurch er bei der Behandlung stärker als bisher Regie führen kann. Bei digitalen Versorgungsangeboten gibt es ja oft das Problem einer gewissen Reserviertheit aufseiten der Ärzte. In diesem Fall ist das anders, die Ärzte können ihre Lotsenfunktion besser ausüben. Sie haben die volle Therapiehoheit und übergeben den Zugangscode an ihre Patienten. Das kommt bei allen Beteiligten gut an.

Wie läuft die Online-Videosprechstunde, die die TK seit über einem Jahr erstattet?
Die läuft noch nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Es fehlt noch ein echter Geschäftsvorfall, der zu einer hohen Akzeptanz führen würde. Wir versuchen gerade, in mehrere Themenfelder gezielt hineinzugehen, unter anderem in die Nachbetreuung bei Hauterkrankungen. Wir sehen uns auch den HNO-Bereich und die orthopädische Beratung genauer an. Bisher müssen wir feststellen, dass weder auf Ärzte- noch auf Patientenseite ein großer Vorteil erkannt wird. Viele Patienten wollen das persönliche Arztgespräch vor Ort, umgekehrt wissen Ärzte oft nicht, wie sie die Videosprechstunde in ihren Praxisalltag integrieren sollen. Die Videosprechstunde zeigt, wie wichtig es ist, vorab im Gespräch mit den Nutzern zu eruieren, welche Themen Potenzial haben. Auch die regulatorischen Rahmenbedingungen sind für die Videosprechstunde aus unserer Sicht noch nicht ideal.

Inwiefern?
Bisher ist die Videosprechstunde nur für Folgebehandlungen möglich. Bei einer Videosprechstunde für die Erstbehandlung ließen sich schon noch ganz andere Anwendungsfälle denken. Wir sind deswegen auch sehr gespannt, wie sich der anstehende, von der Kassenärztlichen Vereinigung koordinierte Modellversuch in Baden-Württemberg entwickelt. Dort hat die Ärztekammer ja im Sommer den Weg frei gemacht für die Erprobung telemedizinischer Szenarien in der Ersttherapie. Das ist etwas, wo wir viel Potenzial sehen und was wir uns auch anderswo wünschen würden.

 

Interview: Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM

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