Health-IT

Gestaltungswille gesucht

Foto: © conhIT

25.04.18 · 

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Die größte conhIT aller Zeiten liegt hinter uns. Und selten war so deutlich, an welchen Stellen dringender Bedarf nach Klarstellungen besteht. Der Rest des Jahres wird spannend.

 

Als sich am Abend des zweiten conhIT-Tags beim Parlamentarischen Abend der Technik- und Methodenplattform für die medizinische Forschung (TMF) gleich drei Bundestagsabgeordnete der Diskussion über digitale Notfallprotokolle, Notaufnahmeregister und dafür erforderliche Standards stellten, gab es einen Alle-nicken-eifrig-Moment. Stephan Albani, Bundestagsabgeordneter der CDU und eng mit dem Thema Forschung verbunden, sagte, dass es nicht Aufgabe von Politik sein könne, Standards aus dem Mittelfeld ins Tor zu dribbeln. Politik komme dann ins Spiel, wenn es um den Torschuss gehe, am Elfmeterpunkt oder an der Torlinie.


Gutes Beispiel, aber Schuss in die falsche Richtung

Albani hatte dann auch gleich noch das Beispiel parat, das jenes universelle Nicken zuverlässig auslöst. Es kam aus der Musik. Wenn Politik sich einst und natürlich sehr hypothetisch auf Microsofts Wave-Standard für Audio-Daten festgelegt hätte, so Albani sinngemäß, säßen Musikfans heute auf einem suboptimalen Standard und würden sich ständig ärgern. Denn kurze Zeit später kam MP3 und setzte sich aus vielen Gründen gegenüber Wave durch.

 

Gegen das Beispiel kann niemand etwas sagen, außer dass es nicht zur Fragestellung im Gesundheitswesen passt. Im Zusammenhang mit den standardisierten digitalen Notfallprotokollen ging es konkret um die Terminologie SNOMED CT, einen semantischen Standard. SNOMED CT ist in Deutschland bekanntlich weiterhin nicht verfügbar. Ohne dass SNOMED CT explizit erwähnt worden wäre, suggerierte Albanis Beispiel den Zuhörern, dass sich diese Terminologie im freien Spiel des wissenschaftlichen Wettbewerbs um Standards noch nicht durchgesetzt habe: Das MP3 der medizinischen Terminologien wurde noch nicht gefunden, sozusagen.

 

Causa finita? Professor Rainer Röhrig von der Medizinischen Informatik der Universität Oldenburg hatte die Antwort zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon gegeben: Er hatte eine Europakarte an die Wand geworfen mit kleinen Fähnchen in jenen Ländern, in den SNOMED CT genutzt wird. Das sind viele in West-, Mittel- und Nordeuropa. Fast alle. Das Problem scheint also nicht zu sein, dass sich die Terminologie im freien Wettbewerb um Standards nicht durchgesetzt hat. Das Problem ist, dass sie für einen breiten Einsatz in Deutschland und (fast) nur hier nicht zur Verfügung steht.

 

Das wiederum ist ein rein politisches Thema. Wenn SNOMED CT in Deutschland genutzt werden soll – und auf klinische Routinedaten angewiesene Versorgungsforschungsprojekte landauf landab wollen das – dann muss sich im Bermudadreieck zwischen Forschungs-, Gesundheits- und Wirtschaftsministerium irgendjemand finden, der das macht, was andere Länder auch machen, nämlich eine sehr überschaubar teure nationale Lizenzen bezahlen. In der besten aller Welten würde das noch mit einer Prise politischem Mut garniert, um einen langjährigen, deutschlandspezifischen Rechtsstreit zu entschärfen, den jeder, den man fragt, für eigentlich lösbar hält.

 

Elektronische Akten: Politik jubelt. Alle anderen sind genervt.

SNOMED CT ist nur ein Beispiel, an dem sich illustrieren lässt, dass es bei der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens an politischer Entscheidungsfreude hapert. Die prozessuale Standardisierung elektronischer Akten ist ein anderes Beispiel. Das deutsche Gesundheitswesen redet mit enormer Intensität über elektronische medizinische Akten. Auch bei der conhIT waren die Akten-Sessions in Kongress und Networking-Programm voll mit Zuhörern.

 

Fragte man bei der conhIT aber die IT-Unternehmen, mithin jene, die die Akten, von denen alle reden, mit Leben, also Daten, werden füllen müssen, dann sind die Reaktionen bestenfalls genervt. Ob Agfa, Siemens, Meierhofer, Medatixx, T-Systems oder andere: Kein KIS- oder AIS-Hersteller ist bereit, zu fünfzehn oder auch nur acht verschiedenen Akten oder Plattformen auf Verdacht Schnittstellen zu bauen. Gleichzeitig findet sich politisch niemand, der willens und einflussreich genug wäre, Festlegungen zu treffen, die darauf hinauslaufen, dass die technische Vielfalt eingeschränkt wird.

 

Auch hier besteht das Problem nicht darin, dass sich der „passende“ Standard im freien Wettbewerb der Kräfte noch nicht herausgebildet hätte. Das Problem ist, dass es diesen Wettbewerb nicht gibt, und da, wo er beginnt, etwa beim Interoperabilitätsverzeichnis, findet sich schwuppdiwupp jemand, der ihn ausbremsen will, etwa durch interessante Ideen zur Finanzierung eingereichter Anträge. Kurz gesagt: Es geht bei Patientenaktenstandards auch nach Jahren der Diskussion immer noch nicht darum, was am besten funktioniert, sondern darum, womit sich am besten Pfründe absichern lassen.

 

Minister erbittet sich Zeit bis Sommer

Das kann nur eine Instanz mit eigener Entscheidungsbefugnis durchbrechen, die außerhalb des üblichen Verteilungskampfs steht. Außerhalb der Selbstverwaltung muss diese Instanz übrigens nicht stehen. Sie könnte auch Gematik heißen, müsste aber unabhängig agieren und entscheiden können, ähnlich wie Bundesrichter, die zwar politisch bestellt werden, aber dann autark sind und nicht fürchten müssen, gefeuert zu werden.

 

Gibt es eine Chance auf so eine Instanz, sei es separat von oder als Upgrade der Gematik? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und auch der Gesundheitspolitiker und Bundestagsabgeordente Tino Sorge (CDU) gaben sich bei der conhIT Mühe, eine grudsätzliche Neustrukturierung der Entscheidungsgremien in Sachen Telematik zumindest nicht auszuschließen. Wenn, dann müsse so etwas am Anfang passieren, so Spahn. Richtung Sommerpause möchte er sich äußern, wie es mit dieser Bundesregierung eHealth-politisch weitergeht.

Text: Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM


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