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Aufregerthema AU-Bescheinigung via WhatsApp

Das Angebot eines Start-ups, AU-Bescheinigun-gen via WhatsApp auszustellen, hat mediale Wellen geschlagen. Normalerweise interessieren sich die meisten Publikumsmedien nicht so sehr für eHealth-Anwendungen – zumindest wenn sie gute und solide, sprich langweilige und „trockene“ Lösungen bieten. Diesmal war das anders.

 

Krankschreibung via WhatsApp, das war DAS eHealth-Aufregerthema des Monats Januar – zumindest wenn man die Zahl und die Inhalte der Medienbeiträge dazu betrachtet. Seit Ende letzten Jahres bietet ein Hamburger Start-up-Unternehmen eine Online-Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) an. Mit Berufung auf den Wegfall des Fernbehandlungsverbots stellt ein Arzt, nachdem der Patient einen Online-Fragebogen ausgefüllt und ggf. noch eine WhatsApp-Unterhaltung mit dem Arzt geführt hat, eine AU aus, für die der Patient lediglich neun Euro zu zahlen hat. 


Kein Wunder, dass dieses eHealth-Thema auch und vor allem die Kollegen der allgemeinen Medien stark interessiert, betrifft es doch ein Problem, das viele ihrer Leser, Zuschauer und Nutzer persönlich kennen. Und wenn der Stoff dann auch noch so richtig kontrovers und emotional behandelt werden kann, dann beißen selbst bei einem sonst eher als „trocken“ eingeschätzten eHealth-Thema auch die Nicht-Fachmedien an. Die Online-AU wurde deshalb von den digitalen und den analogen Medien breit aufgegriffen, auch vom Fernsehen, beispielsweise von der heute-Redaktion des ZDF. Dieser ZDF-Beitrag, der sinnigerweise von meinem Namensvetter Daniel Bröckerhoff (weder verwandt noch verschwägert) in der spätabendlichen heute+ anmoderiert wurde, hat mich schließlich dazu bewogen, diese Zeilen zu schreiben.


In der Sache ist der neue Dienst tatsächlich kontrovers und kritisch zu sehen. Neben fachlichen und rechtlichen Fragen ist da vor allem die Vermutung, dass diese Online-AU die Möglichkeiten, sich eine Krankschreibung zu erschleichen, vergrößert. Der Autor des ZDF-Beitrags macht das durch einen Selbstversuch sehr anschaulich deutlich. Die Anbieter des Dienstes argumentieren dagegen. Wer betrügen wolle, könne das ja auch jetzt schon, weil ein Arzt auch von Angesicht zu Angesicht nicht alle Falschaussagen über (angebliche?) Beschwerden durchschauen könne. Eine etwas befremdliche Argumentation: Weil die Ausstellung einer AU sowieso schon betrugsanfällig ist, darf man potenziellen Betrügern die Arbeit ruhig noch etwas erleichtern??? 


Eine solche Argumentation trägt nicht unbedingt dazu bei, das allgemeine Vertrauen in eHealth-Anwendungen zu erhöhen. Diese sollen die medizinischen Versorgungsprozesse erleichtern und vereinfachen – ja, aber eben bei mindestens gleichbleibender, besser noch erhöhter Qualität. Trotz dieses negativen Nebeneffekts sehe ich den Rummel um die offenbar noch recht unausgereifte Online-AU-Lösung eher positiv. Denn er macht auf ein Problem aufmerksam, für das es schon längst eine gute Online-Lösung geben sollte. Wie widersinnig ist es in vielen Fällen, dass sich ein Kranker in die Arztpraxis schleppen muss, wo er im Wartezimmer vielleicht sogar noch andere ansteckt, obwohl es heute leicht möglich wäre, sich einem Arzt auch online vorzustellen. Es gibt funktionierende Videosprechstunden-Systeme, sie müssten nur auf solche Anwendungsfälle hin organisatorisch und rechtlich ausgerichtet werden. Wenn Ärzteschaft, Krankenkassen und Arbeitgeberorganisationen sich hier mit gutem Willen zusammensetzen und die Bedingungen klären würden, dürfte es bald genügend smarte und zugleich qualitativ hochwertige Online-AU-Anwendungen auf dem Markt geben. 


Ich wünsche mir mehr solcher Aufregerthemen aus der eHealth-Welt in den allgemeinen Medien – selbst wenn dabei, wie im obigen Fall, unausgereifte oder gar negative Beispiele aufgegriffen werden. Zum einen kann dadurch eben Druck aufgebaut werden, wirklich gute Lösungen zu suchen. Und zum anderen könnten solche Aufregerthemen vielleicht auch das Interesse der Medien an den vermeintlich so „trockenen“ Themen über gute und solide eHealth-Anwendungen fördern. Wäre doch nicht schlecht, oder?

 

Hans-Peter Bröckerhoff

Herausgeber, E-HEALTH-COM