Datenschätze - Digitalisierung & Krankenkassen

Hans Peter Bröckerhoff

Auch Krankenkassen gehen die Digitalisierung zunehmend aktiv an. Dabei stellt sich immer stärker die Frage nach der Nutzung der Datenmengen aus dem Versorgungsalltag. Diese waren früher sakrosankt. Heute werden die Chancen, die sie für die Versorgungsverbesserung bergen, mehr und mehr gesehen, teils auch ergriffen.

Wissenschaftlicher Beirat nimmt Digitalisierung unter die Lupe.“ Mit dieser Überschrift stellt die AOK Nordost in ihrer gesundheitspolitischen Zeitschrift ein neues, unabhängiges Gremium vor, das sie bei ihren eHealth-Aktivitäten beraten wird. Diese Nachricht ist schon an sich interessant, weil sie ein weiteres Zeichen für die wachsende Bedeutung des Themas Digitalisierung auch bei den Kassen ist. Aber hier geht es nicht um fachliche Beratung im engeren Sinne, sondern um eine „unparteiische und kritische“ Beratung in „ethischen, rechtlichen sowie technologischen Fragen“. Dazu der AOK-Chef in dem Artikel: „Als verantwortungsbewusstes Unternehmen müssen wir berechtigte Bedenken ernst nehmen und dürfen mögliche Risiken nicht aus den Augen verlieren.“


Dass sich die Krankenkassen zunehmend der eHealth-Thematik zuwenden, wird auch in der Ausgabe 1/2017 von E-HEALTH-COM deutlich. Die Interviews mit Spitzenmanagern zweier führender Krankenkassen Deutschlands (zum Download-Beitrag) zeigen beispielhaft, dass sich die Kassen mittlerweile (wieder) an große Projekte heranwagen und sich als aktiver Gestalter bei der Digitalisierung der Versorgung sehen. Nicht minder aufschlussreich für das Verständnis der Rolle der Kassen bei der Digitalisierung ist der Beitrag zum Thema „Big Data & Krankenversicherungen“ (zum Download-Beitrag). Hier wird deutlich, dass sich gerade große Kassen durchaus bewusst werden, auf welchen Datenschätzen sie sitzen und welche Möglichkeiten der Versorgungsverbesserung darin stecken.


Wie groß und vielfältig diese aus dem täglichen Versorgungsgeschehen entstehenden Daten sind, ist vielen Akteuren im Gesundheitswesen gar nicht bewusst. Übrigens auch nicht allen eHealth-Aktivisten. Als vor einiger Zeit auf einer Konferenz ein Vertreter der Knappschaft aufzeigte, was seine Kasse für Datenbestände besitzt und wie sie anfängt, diese intelligent aufzuarbeiten und zu nutzen, zum Beispiel bei der Aufnahme eines Versicherten ins Krankenhaus (wenn es sich um knappschaftseigene Kliniken handelt), meldete sich ein Teilnehmer und zeigte sich sehr erstaunt. Er war nicht irgendwer, sondern ein „Urgestein“ der eHealth-Community. Aber was die Kassen alles für Daten besitzen und was sie damit machen könnten, war ihm so weitgehend nicht bewusst. Neben seinem Erstaunen tat er damals auch seine kritische Haltung gegenüber diesen Datenmengen in den Händen der Kassen kund und meinte, man solle den Kassen verwehren, diese für die Versorgungsoptimierung zu nutzen.


Ich bin da anderer Meinung. Man sollte vielmehr Bedingungen schaffen, unter denen diese Datenschätze besser und natürlich ausschließlich zum Wohle aller Beteiligten genutzt werden. Ich erinnere mich noch gut an die Frustration, als ich vor knapp 15 Jahren die Aufgabe hatte, begleitende Medien für die damals neu entstehenden ­Disease-Management-Programme der Kassen zu entwickeln. Ich wollte die Kommunikation mit den Versicherten möglichst gut auf deren persönliche Situation zuschneiden. Dafür wäre die Nutzung einiger weniger Daten notwendig gewesen, die die Kassen sowieso besitzen. Ein absolutes NEIN war die Antwort.


Dieses Nein ist heute nicht mehr so absolut. Aber es ist auch nicht vom Tisch. Es wird noch viel Diskussion und (auch politische) Gestaltung brauchen, um all die phantastischen Chancen dieser Daten für die Versorgung nutzbar zu machen. Dass dabei die Gefahren für Versicherte und Leistungserbringer immer berücksichtigt und abgewendet werden müssen, ist mir durchaus bewusst. Gerade deshalb gefällt mir der Beirat, den sich die AOK Nordost gegeben hat. Wenn er gut arbeitet, das heißt kritisch und zugleich konstruktiv die Gefahren aufzeigt, wird er helfen, die Digitalisierung der Versorgung voranzutreiben.