eHealth: Zeit für ein Rebranding!

Philipp Grätzel
Blogbeitrag von Philipp Grätzel

„Corpus Delicti“, gerade vorgestellt auf der Leipziger Buchmesse, ist meines Wissens der erste deutschsprachige Roman, in dem der Begriff Gesundheitstelematik vorkommt. „Du bist kein Fall für die Gesundheitstelematik“, lässt die Autorin Juli Zeh ihre Protagonistin Mia Holl zu ihrem Alter Ego, der idealen Geliebten, sagen. Der Zungenschlag beim Begriff Gesundheitstelematik ist dezidiert negativ. Kein Wunder, denn „Corpus Delicti“ handelt von einem totalitären Regime, in dem Gesundheit zum Menschenrecht und Fitness zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe geworden ist. Zitat: Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern er ist es schon.

Für die nötige Überwachung der Bürger sorgt – außer den unvermeidlichen, aus den Diktaturen des 20. Jahrhunderts herüber geretteten Nachbarn – ein implantierbarer Chip. Den popelt sich Mia in einer Schlüsselszene des Buchs mit Hilfe einer ins Gefängnis geschmuggelten Nadel aus den Tiefen der Muskulatur und vollzieht damit auch äußerlich die Unabhängigkeitserklärung vom Gesundheitswahn – nicht die einzige Stelle, an der „Corpus Delicti“ an den Film „Die Matrix“ erinnert.

Gesundheitstelematik als Werkzeug eines postmodernen Gesundheitsfaschismus: Wie real ist ein solches Szenario? Zumindest rein rational lässt es sich leicht wegwischen: Es gibt einen gewissen Zusammenhang zwischen körperlicher Fitness und Gesundheit. Aber der ist nicht eng genug und wird niemals eng genug werden, um daraus eine politisch initiierte Überwachung ableiten zu können. Wer sich fit hält, lebt ein paar Jahre länger. Er ist deswegen aber nicht weniger krank, und über das ganze Leben gerechnet ist er für ein Sozialsystem auch nicht billiger als eine Couch Potato.

Wenn das aber so ist – und die besseren Gesundheitsökonomen sind sich da weitgehend einig – dann stellt „Corpus Deliciti“ indirekt auch die Frage, ob Prävention eine sinnvolle Triebfeder für eHealth-Anwendungen ist. Die Antwort lautet nicht erst seit Juli Zeh nein. Die Vision einer elektronisch unterfütterten Gesundheitswelt, in der jeder sein eigener Wellness-Consultant ist, der seine Gesundheit managet und dafür von der Versicherung Boni kassiert – fällt Ihnen übrigens auf, wie sehr das alles nach Finanzkrise klingt? – diese Vision ist schon deswegen unrealistisch, weil der postulierte medizinische Nutzen beim Gesunden nicht im nötigen Umfang eintreten wird. Bei kranken Menschen dagegen sieht die Sache ganz anders aus.

Begriffe prägen die Wahrnehmung und die Vorstellungskraft:  Anlässlich des Relaunchs der E-HEALTH-COM-Website plädiere ich deswegen an dieser Stelle für ein Rebranding des gesamten Fachgebiets. Vielleicht gibt es auch deswegen noch kaum kommerziell erfolgreiche eHealth-Lösungen, weil noch immer viel zu viele kluge Köpfe in den Dimensionen von Gesundheitstelematik und nicht in denen von Krankheitstelematik denken. Ergo: Das Medium, das Sie gerade lesen, heißt in einigen Jahren vielleicht nicht mehr „E-HEALTH-COM: Magazin für Gesundheitstelematik und Telemedizin“ sondern „E-DISEASE-COM: Magazin für Krankheitstelematik“. Klingt nicht sexy? Stimmt, aber Krankheit ist auch nicht sexy. Einen Vorteil hat der Begriff Krankheitstelematik in jedem Fall: In einem Buch von Juli Zeh wird er garantiert nie auftauchen… (Blogbeitrag: Philipp Grätzel von Grätz)