Schlachtfeld – zur möglichen Disruption des Gesundheitsmarktes

Hans Peter Bröckerhoff

 

In vielen Märkten hat die Digitalisierung schon die bisherigen Verhältnisse erschüttert und neue Strukturen und Kräfteverhältnisse geschaffen. Der Digitalisierungsexperte und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Sascha Lobo erwartet eine solche Disruption auch für den Gesundheitsmarkt.

 

Der Gesundheitsmarkt ist überreif für Disruption.“ Das schrieb Sascha Lobo vor Kurzem in seiner wöchentlichen SPIEGEL-ONLINE-Kolumne. Der Digitalisierungsexperte und Blogger beschäftigt sich kritisch mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung und provoziert dabei gerne. Mit seinem Auftritt als Keynote-Speaker auf der vorletzten conhIT und als Gesprächspartner für die Spitzenmanager der Gesundheits-IT-Branche auf der ersten E-HEALTH-KLAUSUR im Januar dieses Jahres hat er zur großen Freude der Zuhörer und Teilnehmer gezeigt, dass es richtig ist, auch die Diskussion um die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit provokativen Thesen zu befeuern.

 

Jetzt also thematisiert Lobo das Gesundheitswesen, genauer gesagt den Gesundheitsmarkt, auch in seiner viel beachteten SPIEGEL-Kolumne. Er fährt dabei gleich großes Geschütz auf: Dieser Markt sei, so schreibt er,  durch das Vordringen der Digitalisierung „überreif für Disruption“, also für den „Zusammenbruch“ oder die „Zerrüttung“, um nur zwei der im Wörterbuch zu findenden Übersetzungen für Disruption anzuführen. Er (der Gesundheitsmarkt) scheine, erklärt Lobo weiter, starr und unflexibel, in vielen Punkten dysfunktional und getrieben von Irrationalität am einen Ende und Gier am anderen. Deshalb wollten sowohl Google wie auch Apple den Gesundheitsmarkt erobern. Dieser werde zu einem „Schlachtfeld“.

 

Die Herleitungen für seine These und die Begründungen, die darin gipfeln, dass er die Patienten selbst als Treiber des „Siegeszugs von eHealth“ beschreibt, sind sehr nachvollziehbar. Dennoch unterschätzt Lobo, dessen scharfen Verstand ich durch diesen Einwand nicht infrage stellen möchte, wahrscheinlich die Besonderheiten und die Beharrungskräfte des deutschen, politisch regulierten und selbstverwalteten Gesundheitswesens. Und dieses Gesundheitswesen macht immer noch den bei Weitem größten Teil des deutschen Gesundheitsmarktes aus. Parallelen aus anderen Märkten, in denen die Digitalisierung schon zur Disruption geführt hat, sind deshalb schwierig. Die schleppende Entwicklung von Digitalisierung und Vernetzung im Gesundheitsbereich in den letzten Jahren machen diese Besonderheit des deutschen Gesundheitsmarktes deutlich.

 

Sind diese Besonderheiten des Marktes also ein Schutzschild gegen die zerstörerischen Kräfte der disruptiven neuen Technologien und der diese nutzenden internationalen Konzerne? Sicherlich nur bedingt. Es wäre blauäugig zu glauben, im Gesundheitswesen werde die Digitalisierung schon nicht zu „Zerrüttung“ und „Zusammenbruch“, also zur Disruption führen. Die von Lobo angeführte große technologische, strukturelle, organisatorische und auch finanzielle Macht der Digital-Konzerne ist Realität und deren Wille, den Gesundheitsmarkt weltweit umzukrempeln ebenfalls. Auch die neuen Technologien, die medizinisches Handeln und Behandlungsprozesse revolutionieren, kommen immer stärker zum Einsatz. Und die Erwartungen der nachwachsenden, zunehmend digital lebenden Patienten-Generationen an digitale Prozesse und die Bereitschaft, sich in solche zu begeben, werden steigen.

 

Alles in allem wird also der Druck auf bisherige Organisationsformen und Geschäftsmodelle größer. Manche von diesen werden obsolet werden, andere sich stark verändern müssen. Politik und Selbstverwaltung werden die heutigen Strukturen und Geschäftsmodelle eine Weile schützen können – aber nicht auf Dauer. Dass Lobo durch seine provokative These darauf hinweist – und zwar nicht nur innerhalb der kleinen eHealth-Community, sondern in der breiten Öffentlichkeit –, ist der besondere Nutzen seiner Kolumne. Mein Wunsch an Sascha Lobo: Nehmen Sie das Gesundheitswesen ruhig öfter in den Fokus!