Umdenken – Die deutsche Apothekerschaft & Digitalisierung

Hans Peter Bröckerhoff

 

Auf dem Deutschen Apothekertag Mitte Oktober wurde eine neue, offensive Haltung der deutschen Apothekerschaft zum Thema Digitalisierung der Arzneimittelversorgung deutlich. Diese ist sicherlich für viele Beobachter erfreulich, aber auch ein wenig verblüffend, wenn man den bisherigen Umgang der deutschen Apotheker mit dem Thema betrachtet.

 

Die Pressemeldung der ABDA zur Digitalisierung ließ aufmerken. Anlässlich des Deutschen Apothekertags 2018 war auf der Presse-Seite der Spitzenorganisation der Apothekerinnen und Apotheker in Deutschland Folgendes zu lesen: „Die zügige Einführung des elektronischen Rezepts (E-Rezept) und ein klarer Zeitplan zur Umsetzung der Prozesse für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) sollen die Digitalisierung in den Apotheken und damit in der Arzneimittelversorgung vorantreiben und beschleunigen. Die dafür notwendige Telematikinfrastruktur (TI) muss mit aller Kraft eingeführt und ausgebreitet werden. Dazu bekennt sich der Deutsche Apothekertag, dessen 300 Delegierte heute in München mehrere Beschlüsse fassten, in denen sie die Bundesregierung und den Bundestag auffordern, diese Ziele zu verfolgen.“ Ziemlich forsch, wenn man bedenkt, dass das eRezept lange ein rotes Tuch für die Apothekerschaft war. Dass es, obwohl anfangs eine der wichtigsten Begründungen für die TI, auf der Prioritätenliste schließlich weit nach hinten geschoben wurde, dürfte viel mit dem Widerstand der Apotheker zu tun gehabt haben.


Nicht nur beim eRezept, sondern insgesamt scheint sich etwas getan zu haben bei der Diskussion der Digitalisierung in der deutschen Apothekerschaft. Denn beim Apothekertag 2017 war die grundsätzliche Haltung noch eine ganz andere. „Politik soll Apotheker vor Digitalisierung schützen“, überschrieb ein Kollege des Branchen-Mediums „apotheke adhoc“ seinen Bericht über die Diskussion zur Digitalisierung auf dem Apothekertag. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt, hieß es dort, habe die „zwiespältige Stimmung“ so zusammengefasst: „Die Digitalisierung ist ein Thema, das mir Sorgen macht.“ Defensiver gehts nicht mehr.


Der Zufall wollte es, dass ich vor einem Jahr, kurz nach dem Deutschen Apothekertag, nach Zürich eingeladen wurde, um dort vor Schweizer Apothekern über die „Auswirkungen der Digitalisierung auf die Akteure im Gesundheitswesen und deren Chance, die Zukunft mitzugestalten“, zu sprechen. Die Recherchen zu den Aktivitäten der Apothekerschaft in der Schweiz in Sachen Digitalisierung und das, was auf der Züricher Veranstaltung selbst zu hören war, veranlassten mich, den Schweizer Apothekern am Ende meines Vortrags ein dickes Lob auszusprechen. Denn sie gingen und gehen das Thema proaktiv an, mit dem sichtbaren Willen, die gesamte Entwicklung im Schweizer Gesundheitswesen mitzugestalten. Besonders deutlich wurde das darin, dass die Apotheker im Nachbarland bereits seit Längerem auch in einem sehr zentralen Projekt eine aktive Rolle spielen, und zwar bei der Entwicklung des „Elektronischen Patientendossiers“, dem schon recht weit vorangeschrittenen Pendant zur ePatientenakte in Deutschland.


Ob die in der oben zitierten Pressemeldung anklingende neue, forsche Haltung der deutschen Apothekerschaft wirklich schon auf einer breiten Auseinandersetzung mit dem Thema und einer selbstbewussten Bestimmung der eigenen Rolle im digitalisierten Gesundheitswesen beruht, ist schwer einzuschätzen. Vielleicht ist sie auch eine mehr oder weniger verzweifelte Flucht nach vorn angesichts des verlorenen Abwehrkampfes gegen Internet-Apotheken. Denn die Aufgabe der bisherigen strikten Abwehr-Positionen gegen den Onlinehandel mit Medikamenten war die eigentliche zentrale Meldung vom diesjährigen Apothekertag.


Wie dem auch sei. Manchmal ist die Einsicht, dass man bedrohliche Entwicklungen nicht aufhalten kann, heilsam. Sie kann dazu beitragen, sich stärker klar zu werden über die eigene Rolle und die Möglichkeiten einer aktiven Mitgestaltung der Zukunft. Vielleicht wird deshalb in der Pressemeldung zum Apothekertag 2019 eine noch viel deutlichere proaktive Haltung der deutschen Apothekerschaft zur Digitalisierung sichtbar werden.