Vom Payer zum Player – Digitalisierung und die Rolle der Krankenversicherungen

Hans Peter Bröckerhoff


Die Digitalisierung wird die Rolle der Krankenversicherungen dramatisch verändern. Das ist die zentrale These einer aktuellen Trendstudie. Die Handlungsempfehlungen, die die Autoren aus ihren Recherchen ableiten, sind radikal. Aber sind sie in der Welt der gesetzlichen Krankenversicherungen überhaupt umsetzbar?

Manche der vielen Pressemeldungen, die im Mail-Postfach eines Journalisten aufschlagen, wecken besonderes Interesse. Kurz vor Redaktionsschluss kommt eine solche rein. Sie stellt eine neue Trendstudie mit dem Titel „Die Zukunft der Krankenversicherungen“ vor. Diese beschreibe, so wird angekündigt, wie und warum eine immer individuellere Medizin und die Möglichkeiten der Digitalisierung zu einem radikalen Wandel der Rolle der Krankversicherung führen werden. Da die vom Trendforschungsinstituts 2b AHEAD in Kooperation mit der AOK PLUS (Sachsen und Thüringen) vorgelegte Studie nicht für teures Geld feilgeboten, sondern kostenfrei zum Download bereitgestellt wird, schaue ich direkt mal rein.  


Die Autoren stellen die zentrale These auf, dass es „nach alter Logik“ eine wesentliche Aufgabe der (gesetzlichen) Krankenversicherung sei, die Finanzierung des Gesundheitswesens zu organisieren, „nach neuer Logik“ der Versicherer sich jedoch zum „Ermöglicher des Gesundheitskunden“ bei der „Verbesserung seines Wohlbefindens“ wandle. Dabei übernehme die Versicherung vor allem das Management der Gesundheitsdaten, organisiere das Netzwerk aus Dienstleistern im Gesundheitsmarkt und fördere alle dazu nötigen Strukturen.


Starke Worte. So umwälzende Auswirkungen der Digitalisierung auf die deutschen Krankenversicherungen hat meiner Kenntnis nach bisher noch niemand prophezeit. Mir kommen unweigerlich zwei Sprüche in den Sinn, die schon seit 30 Jahren immer wieder in der gesetzlichen Krankenversicherung zu hören sind: „Vom Verwalter zum Gestalter!“ und „Vom Payer zum Player!“ Jetzt also soll die Digitalisierung diesen oft postulierten, aber nie gänzlich erreichten Wandel endgültig vorantreiben und vollenden. Hört sich spannend an.


Aber beim Lesen der Strategieempfehlungen in der Studie kommen mir doch einige Zweifel, ob die Autoren die Rahmenbedingungen und Besonderheiten der gesetzlichen Krankenversicherung wirklich in Gänze verstanden haben. Bei manchen Empfehlungen scheinen sie vor allem an private Krankenversicherungen gedacht oder „normale“ Wirtschaftsunternehmen zum Vorbild genommen zu haben. Gesetzliche Kassen ticken aber in wesentlichen Punkten anders. So sind sie – auch wenn sie sich heute weitgehend als Unternehmen verstehen und altes Verwaltungshandeln durch modernes Management ersetzt haben – weiterhin öffentliche Körperschaften, mit Selbstverwaltungsorganen, staatlicher Aufsicht und umfangreichen rechtlichen Vorgaben. Das lässt zum Beispiel die Empfehlung, rein digital agierende Ausgründungen („Parallelunternehmen“) zu schaffen und die Beschäftigten dann schrittweise dahin zu transferieren, als eher weltfremd erscheinen.


Zu den Besonderheiten der GKV gehört auch das Solidarpinzip, das die gesetzlich Versicherten mehr sein lässt als „normale“ Kunden und dem Umgang mit ihnen, vor allem in Bezug auf ihre Daten, engere Grenzen setzt. AOK- PLUS-Vorstand Dr. Stefan Knupfer widmet denn auch – sicher nicht von ungefähr – in seinem Schlusswort dem Solidarprinzip einen ganzen Absatz. Er stellt dabei einen interessanten Gedanken in den Raum: „Wenn es gelingt, das Solidarprinzip um die Dimension des Teilens von Daten zu erweitern, wird der Solidargedanke als Säule unseres Gesundheitssystems auch weiterhin Bestand haben.“


Dieser Gedanke könnte ein Aspekt einer weiteren Studie sein, einer, die die Ergebnisse der ersten mit den Bedingungen und Möglichkeiten der gesetzlichen Krankenversicherung abgleicht – nicht um die Hürden und Bedenken zu unterstreichen, sondern im Sinne einer echten Machbarkeitsstudie. Vielleicht flattert mir dazu dann auch wieder eine Pressemeldung ins Postfach. Mein besonderes Inte­resse wäre ihr sicher.