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Google macht ernst

Anfang November hat Google bekannt gegeben, dass zukünftig der US-amerikanische Gesundheitsmanager David Feinberg alle gesundheitsbezogenen Projekte und Startups unter dem Dach von Google und seinem Mutterkonzern Alphabet koordinieren und vorantreiben wird. Wer disruptiert jetzt wen?




Google – die Generationen Babyboom bis Y unter den Leserinnen und Lesern werden sich noch erinnern – startete nicht als die allwissende und allorganisierende Entität, die es heute ist. Vielmehr bestand es einst nur aus der Suchmaschine, die auch heute noch Aushängeschild und Einstiegsdroge ist.




Diese Suchmaschine ist quasi aus Versehen die wichtigste E-Health-Anwendung der Welt geworden: In jeder Arztpraxis kennt man Patienten, die ihre ergoogelte Diagnose bereits in die Sprechstunde mitbringen – und streitlustige Praxisteams hängen gern auch Schilder aus, um solche unbotmäßigen Patienten fernzuhalten, wie man kürzlich auf Twitter nachlesen konnte. Google informiert aber nicht nur Patienten: Gerüchteweise ersetzt es in Zeiten des Personalmangels auch gelegentlich die gründliche Einarbeitung ärztlichen Personals vor dem ersten Nachtdienst. (Statistisch aussagekräftige Studien zum Effekt auf Morbidität und Mortalität liegen noch nicht vor und sind mit offensichtlichen methodischen Schwierigkeiten behaftet).




Die größte E-Health-Erfolg von Google bleibt die Suchmaschine


Von einem Unternehmen, das versehentlich und nebenbei die Arzt-Patienten-Beziehung und die Beziehung des Individuums zu seiner Gesundheit tiefgreifend verändert hat, sollte man eine Revolution nach der anderen erwarten, sobald es eine Industrie wie das Gesundheitswesen bewusst in den Fokus nimmt. Diese blieben jedoch bisher aus: Die 2008 gestartete Gesundheitsakte Google Health wurde 2011 wieder eingestellt.




Die Startups Verily und Calico, beide wie Google zum Mutterkonzern Alphabet gehörig, produzieren interessante wissenschaftliche Ergebnisse – stecken aber, wie es in der Wissenschaft unvermeidbar ist, auch regelmäßig Rückschläge ein. Zuletzt, Mitte November, wurde die Arbeit an Verilys intelligenter Kontaktlinse zur nicht-invasiven Blutzuckermessung bis auf weiteres eingestellt. Keine Initiative von Google oder Alphabet hatte somit den gleichen tiefgreifenden Einfluss auf unser tägliches Gesundheitsverhalten wie etwa Google Maps oder Google Docs auf die Organisation unseres Alltags- und Arbeitslebens. Google Search bleibt bis auf weiteres die erfolgreichste E-Health-Anwendung von Google und Alphabet.




Jetzt soll ein Krankenhaus-Schließer ran


Wird sich das unter der neuen Leitung ändern? David Feinberg war zuvor CEO des US-amerikanischen Krankenversicherers und Klinikbetreibers Geisinger Health und hat als solcher seine Vorstellungen von der Gesundheitsversorgung der Zukunft mit den Medien geteilt. Im Interview mit den Gastgebern des Fixing Healthcare Podcasts[1] sagte er, er sehe seine Aufgabe als CEO von unter anderem einer Kette von 13 Kliniken darin, jede einzelne davon zu schließen: Die meisten Patienten könne man zu Hause besser versorgen, und Krankenhäuser sollten letzten Endes so obsolet werden wie Buchhandlungen und Reiseagenturen vor Ort.




Die kränkesten Patienten habe er mit einem Team von Ärzten, Pflegern, Sozialarbeitern und Pharmazeuten zu Hause besucht, die Hausapotheke aufgeräumt, die Sicherheit des Hauses überprüft, Termine mit weit entfernt ansässigen Spezialisten auf telemedizinische Weise erledigt und Hilfe von Dienstleistern organisiert, um pflegende Angehörige zu entlasten. Details zu diesen Hausbesuchen lassen sich auch auf Feinbergs LinkedIn-Profil[2] nachlesen.




Während viele Patienten sich durch einen solchen Service zweifellos gut umsorgt fühlen– und wer möchte schon gern ins Krankenhaus? – stellt sich die Frage, wie viel von den angeblich bis zu 50% Kostenersparnis im Gesundheitswesen durch ambulante Versorgung Schwerkranker noch übrig bleiben, wenn hochbezahlte Spezialisten von Haus zu Haus fahren. Zudem ist Feinbergs neuer Arbeitgeber, Google, nicht dafür bekannt, eine große Anzahl an Arbeitskräften für den direkten Kundenkontakt bereitzustellen. Im Gegenteil: Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Und was nicht automatisiert werden kann, manchmal auch.


 


Auf Hausbesuche wird Feinberg also in Zukunft verzichten müssen – aber dafür steht ihm Googles riesiges Repertoire an Daten und AI-Algorithmen zur Verfügung. Letztere trainiert etwa das Startup DeepMind aus der Google-Familie schon seit 2015 an Gesundheitsdaten des britischen NHS[3].


 


Zudem hat Google mit der Smart-Home-Lösung Google Home ohnehin schon mindestens einen Fuß im Zuhause der Nutzer und potenziellen Patienten, auch ohne menschlichen Hausbesuch. Feinberg betrachtete in seiner vorherigen Rolle die durch Zivilisationskrankheiten entstehenden Gesundheitskosten als weitgehend vermeidbar[4] - vorstellbar wäre es also, dass Google Home gemeinsam mit den Nutzerdaten aus Googles anderen Services sowie neuen Wearables das Gesundheitsverhalten der Nutzer kontrolliert, wie es schon in zahlreichen Utopien und Dystopien der letzten Jahre vorhergesagt wurde.


 


Immer noch gesucht: Die Killerapplikation für das Gesundheitswesen


Voraussetzung ist aber die Motivation der Nutzer. Auch heute werden Wearables und Apps bereits von einem kleinen Anteil der Bevölkerung zu Zwecken der Prävention und Gesundheitsförderung genutzt. Um die 17% der deutschen Bevölkerung besitzen ein Wearable (der Anteil der Schubladenquote daran ist unbekannt). Die eigentliche Herausforderung besteht darin, alle anderen zu Nutzern von Googles Gesundheitsdiensten zu machen. Warum hat das seit 2008 bisher nicht geklappt? Es fehlt die Killer-Anwendung – eine Anwendung, die dem Nutzer so eindeutigen und sofortigen Mehrwert bringt wie Google Search oder Google Maps.


 


Was könnte das im Gesundheitskontext sein? Zum Beispiel eine 24/7 erreichbare Videosprechstunde, besetzt durch reale Ärztinnen und Ärzte, die durch kostenlose offene Sprechstunden etwa Patientinnen für ihre eigentliche, kostenpflichtige Sprechstunde anwerben. Auch letztere muss nicht vor Ort stattfinden, sondern kann ein telemedizinisches Angebot sein. Bei einem Gehalt von wenigen hundert USD, die beispielsweise ein Arzt in China erhält, könnte die Telesprechstunde mit einem deutschsprachigen Arzt im Ausland in Zukunft weniger kosten als die Busfahrt zum Hausarzt im Nachbarort – oder auch gar nichts, wenn der Nutzer, wie bei anderen Google-Diensten üblich, stattdessen mit seinen Daten zahlt. In diesem Fall also den Inhalten der ärztlichen Gespräche. Diese könnten mit den Daten aus der Suchmaschinennutzung, den Informationen aus Google Home, den Inhalten von E-Mails etc. in Zusammenhang gesetzt werden, so dass Google letztendlich schon vor dem Nutzer erkennt, wann sich ein Arztkontakt anbahnt – und was bei diesem besprochen werden würde.


 


Während der Nutzer also in Deutschland noch in der telefonischen Warteschleife hängt, um einen Arzttermin zu vereinbaren, werden in Mountain View (oder einer Emerging Economy mit ausreichend flexibler Gesetzgebung) schon die Versandmedikamente verpackt für Beschwerden, die erst nächste Woche manifest werden.


 


Was kann das deutsche Gesundheitswesen tun, um Schritt zu halten? Das Pfund, mit dem die Ärzteschaft und andere Gesundheitsberufler in Deutschland wuchern können, ist ihr Vertrauensvorschuss beim Patienten – den hatten aber einst auch Navis von Becker[5], Falk und Tomtom[6] gegenüber Google Maps. Statt sich auf dem Vertrauen der Patienten auszuruhen, sollten Ärzte- und Apothekerschaft hartnäckig immer weiter an der Patienten- und Kundenfreundlichkeit arbeiten, auch wenn sie vermeintlich zu Lasten der Besitzstandswahrung geht.


 


Viele haben das schon erkannt: Ein flexibler und gut funktionierender Lieferservice im Ort – mit genug Wechselgeld im Gepäck, falls Oma die Rezeptgebühr nicht klein hat – tut mehr für die Zukunftsfähigkeit deutscher Apotheken als PR-Kampagnen, in denen in eingeschnapptem Ton gegen Online-Apotheken ins Feld gezogen wird.


 


Und wenn die Terminvereinbarung in der Arztpraxis nicht fünf Anrufe erfordert, von denen vier in einer endlosen Warteschleife enden, und die Patientin sich zur Krankschreibung wegen grippalem Infekt nicht mehr ins Wartezimmer schleppen und dort noch ein paar andere Virenstämme einfangen muss: Dann wird die Anzahl der Menschen, die nachts um drei unbedingt die Google-Onlinesprechstunde in Anspruch nehmen müssen, nie so groß werden, dass sie eine existenzielle Gefahr für das Gesundheitswesen vor Ort darstellt.





Dr. Christina Czeschik
ist Ärztin, Medizininformatikerin und Fachautorin für eHealth und Informationssicherheit.