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"Auf Basis internationaler Standards …"


In der letzten Zeit war ich auf mehreren Veranstaltungen. Der überwiegende Tenor der dort vorgetragenen Aussagen zur Vorgehensweise war: Jetzt wird alles gut, die neuesten Spezifikationen basieren ja schließlich auf "internationalen Standards". Nun, das war schon immer der Fall, es gab bisher nicht eine einzige Spezifikation im deutschen Gesundheitswesen, die nicht auf internationalen Standards basiert hat. "Wie das?", werden Sie fragen. Ganz einfach: Jeder Datenaustausch basiert auf einem Zeichensatz wie ASCII, ISO 8859-15 oder Unicode mit UTF-8 oder UTF-16.

Das andere häufig genutzte und gerade kürzlich wieder bemühte Statement ist: "Wir nehmen jetzt XML!" Dazu muss man wissen: XML ist eine Technologie, um Sprachen zu definieren. Und letzteres sollte nicht das sein, was wir in Deutschland wirklich wollen – nämlich, dass jeder seine eigene Sprache definiert.

Worauf will ich hinaus? Wie Sie merken, geht es eben nicht darum, "irgendeinen internationalen Standard" zu nehmen und auf dieser Basis mal eben schnell etwas eigenmächtig zu definieren. Das Ergebnis ist dann nur wieder proprietär. Es geht um den Prozess, wie wir letztendlich zu einer Spezifikation kommen. Dazu gehört eine Community, die sich aktiv einbringt und an der grundsätzlichen Roadmap und Vorgehensweise für eine Nachhaltigkeit mitarbeitet, außerdem offene und transparente Abstimmungsrunden mit Kommentaren, die abgearbeitet und berücksichtigt werden.

Und dazu gehört natürlich auch die Mitarbeit in der jeweiligen internationalen Community. Internationale Standards entstehen nur durch nationale Zuarbeit, die in Deutschland bisher ausschließlich über und durch das Interoperabilitätsforum erfolgt ist. Dass Sie hier meine Worte lesen und verstehen können ist das Ergebnis eines langwierigen gemeinsamen Prozesses, der vor sehr langer Zeit begonnen hat und immer noch anhält. Dass der Austausch zwischen Autor und Leser auf Deutsch erfolgt, basiert übrigens auf einer Entscheidung, die in äquivalenter Form für das deutsche Gesundheitswesen bisher noch nicht gefällt wurde.

Im Gesundheitswesen ist es nicht anders, nur komplizierter. Diese Komplexität bekommen wir auch nicht weg, egal was Einzelne erzählen. Letztendlich brauchen wir die unterschiedlichsten Fachdomänen, die bei verschiedenen Stakeholdern verankert sind, so dass wir zu einer nachhaltigen Lösung nur dann kommen werden, wenn eine Zusammenarbeit und ein übergreifender Austausch vorhanden sind. Hier ist die Initiative des BITKOM der erste echte Aufschlag, dem sich viele Fachgesellschaften angeschlossen haben und somit diese Nachhaltigkeit und auch den internationalen Anschluss überhaupt ermöglicht. Dann lassen sich auch wiederverwendbare Komponenten – vielleicht sogar mit unseren Nachbarn? – in Form von Mini-Informationsmodellen entwickeln, die am Ende echte Interoperabilität ermöglichen.

Wir müssen uns fragen, was wir wollen: schnell oder nachhaltig? Beides geht nicht. Vielleicht kommt diese Erkenntnis noch irgendwann. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

 
Dr. Frank Oemig, FHL7
Senior Architect Telekom Healthcare Solutions, HL7 International Affiliate Director, IHE-D ITI Caretaker, Leiter bvitg AG Interop