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Chronische neurologische Erkrankungen: Wie digitale Begleitung Versorgungslücken schließen kann

Doctor.One

TEXT: ARTUR OLESCH, LEMONMINT HEALTHTECH COMMUNICATIONS

Die entscheidenden Momente der chronischen Versorgung finden selten in der
Sprechstunde statt. Im Interview erklärt PD Dr. med. Marc Pawlitzki, was sich strukturell
ändern muss.

Chronische neurologische Erkrankungen verlaufen nicht in festen Intervallen. Sie entwickeln
sich im Alltag, zwischen Arztterminen, in kleinen Veränderungen, Nebenwirkungen,
Unsicherheiten und Funktionsverlusten, die in der klassischen Versorgung oft lange unsichtbar
bleiben. Gerade bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Migräne oder anderen neurologischen
Langzeitverläufen entscheidet sich der Behandlungserfolg daher nicht allein in der Visite,
sondern in der Zeit dazwischen.


Wenn der Krankheitsverlauf zwischen den Terminen stattfindet

Für PD Dr. med. Marc Pawlitzki, Neurologe in der Facharztpraxis für Neurologie in Magdeburg
und Oberarzt am Universitätsklinikum Düsseldorf, liegt das Kernproblem der heutigen
Versorgung in der fehlenden Sicht auf den Zeitraum zwischen den Arztkontakten.

Viele Patientinnen und Patienten mit chronischen neurologischen Erkrankungen werden nur
wenige Male pro Jahr gesehen. In dieser Zeit müssen sie Symptome einordnen, Veränderungen
bewerten, Nebenwirkungen erkennen und Therapieentscheidungen im Alltag praktisch
umsetzen. Aus ärztlicher Sicht bleibt dabei vieles im Dunkeln. „Der größte blinde Fleck im
klinischen Alltag ist, dass wir Patienten zwischen den Visiten nicht monitoren können“, sagt
Pawlitzki. Man sei häufig darauf angewiesen, dass Betroffene selbst erkennen, wann sich ihr
Zustand relevant verschlechtert – und dies dann auch richtig einordnen.

Gerade in der Neurologie ist das besonders anspruchsvoll. Viele Symptome entwickeln sich
schleichend, sind tagesabhängig oder überlagern sich mit anderen Belastungen. Nicht jede
Erschöpfung ist Fatigue, nicht jede Verschlechterung neurologisch erklärbar, nicht jede
Unsicherheit medizinisch relevant. Gleichzeitig sind genau diese Veränderungen oft
entscheidend für die Therapiequalität. Wenn solche Entwicklungen erst nach Wochen oder
Monaten im nächsten Termin sichtbar werden, ist es häufig zu spät für eine frühzeitige
Anpassung. Pawlitzki beschreibt damit ein strukturelles Problem, das weit über einzelne
Erkrankungen hinausgeht: Chronische Versorgung ist bislang organisatorisch getaktet,
medizinisch jedoch oft zu spät.

Auch Dr. Ahmad Sirfy, Leiter der Smartpraxis Dr. Sirfy, beschreibt diese Versorgungslücke sehr
konkret aus dem Praxisalltag heraus. „Die größte Versorgungslücke entsteht nicht im System,
sondern im Alltag der Patienten“, sagt er. Zwischen zwei Terminen passieren die entscheidenden
Dinge: Medikamente werden unregelmäßig eingenommen, Symptome werden falsch
eingeordnet oder Warnzeichen werden zu spät erkannt. Aus seiner Sicht liegt der Nutzen
digitaler Lösungen vor allem dort, wo sie frühzeitig reagieren helfen, Verbindlichkeit im Alltag
schaffen und Arztkontakte gezielter machen. Das deckt sich mit Pawlitzkis Beobachtung, dass
chronische Versorgung nicht mehr nur aus punktuellen Visiten bestehen kann, wenn sie
therapeutisch wirksam bleiben soll.

Dass dieser blinde Fleck klinisch relevant ist, unterstreicht auch die Use-Case-Studie von
Doctor.One zur MS-Versorgung. Sie zeigt, dass die herkömmliche Versorgung zwischen den
Terminen nur wenige strukturierte Möglichkeiten bietet, um Unsicherheiten, Nebenwirkungen
oder alltagsrelevante Fragen frühzeitig aufzufangen. Gerade in diesen Phasen entstehen jedoch
häufig Situationen, die für Adhärenz, Sicherheit und den Krankheitsverlauf entscheidend sind.
Die Studie macht damit sichtbar, was Pawlitzki im Interview klinisch beschreibt: Der
Behandlungserfolg chronischer Erkrankungen hängt nicht nur von der Therapieentscheidung ab,
sondern auch von der Kontinuität der Begleitung.


Warum die Neurologie mehr Informationen aus dem Alltag braucht

Für Pawlitzki ist klar, dass sich die Neurologie derzeit grundlegend verändert. Sie entwickelt sich
zunehmend von einem vor allem diagnostischen hin zu einem stärker therapeutischen Fach.
Damit steigt auch der Bedarf an kontinuierlichen Informationen über den tatsächlichen Verlauf
unter Therapie. „Wenn man selektive, moderne Therapien einsetzen möchte und die auch
weiterentwickeln möchte, brauchen wir mehr Informationen, wie diese wirken“, sagt er.
Klassische klinische Marker reichen dafür häufig nicht aus. Nicht jede neurologische Erkrankung
lässt sich zuverlässig anhand von Blutwerten, MRT oder punktuellen Tests erfassen.
Entscheidend sei letztlich die Frage, wie es den Patientinnen und Patienten im Alltag wirklich
geht.

Gerade hier sieht er großes Potenzial in Smartphones, Smartwatches und digitalen
Anwendungen. Bereits heute lassen sich aus solchen Technologien relevante patientennahe
Daten erfassen, etwa zur Tagesaktivität, zum Schlafverhalten, zum Puls oder zum allgemeinen
Wohlbefinden. Auch aktive digitale Tests, zum Beispiel zu kognitiven oder neurologischen
Funktionen, könnten zunehmend alltagsnah eingesetzt werden. Der Vorteil sei, dass nicht nur
ein einzelner klinischer Moment gemessen werde, sondern auch wiederholte Zustände unter
realen Lebensbedingungen. Für die Versorgung ist das ein entscheidender Unterschied. Denn
ob ein Mensch in der Praxis an einem stressigen Tag schlecht performt oder im Alltag über
Wochen hinweg tatsächlich eine Verschlechterung zeigt, sind zwei sehr unterschiedliche
Informationen.

Pawlitzki verweist im Interview auch auf konkrete Studien, die zeigen, dass die klassische
Momentaufnahme häufig nicht ausreicht. Tagesabhängige Schwankungen, Schlafmuster,
Aktivitätsverhalten oder Belastungsgrenzen ließen sich im Verlauf deutlich besser erkennen als
in einem einzelnen Termin. Gerade bei schleichenden Verläufen könne der Blick zurück auf
mehrere Monate oder Jahre klinisch besonders relevant werden. Wenn beispielsweise die
Alltagsaktivität kontinuierlich abnehme, könne das auf eine beginnende Verschlechterung
hinweisen, noch bevor sie im klassischen Kontakt klar sichtbar werde. Solche Muster seien in
der bisherigen Versorgung häufig kaum systematisch erfassbar.

Gleichzeitig benennt Pawlitzki die Grenzen dieser Entwicklung sehr klar. Nicht jede Erkrankung
lasse sich mit einer Smartwatch sinnvoll abbilden, und nicht jedes digitale Signal sei klinisch
eindeutig interpretierbar. Komorbiditäten, individuelle Defizite oder psychische Belastungen
könnten die Daten stark beeinflussen. Zudem fehle es vielen Anwendungen noch an
ausreichender Validierung und auf Seiten der Behandler oft an Erfahrung bei der Einordnung.
Gerade deshalb braucht es keine unstrukturierte Datensammlung, sondern klinisch sinnvolle,
gut integrierte Verfahren. Der Wert digitaler Daten entsteht nicht durch ihre Menge, sondern
durch ihren Bezug zur Versorgung.


Digitale Kommunikation ist nur dann sinnvoll, wenn sie klinisch integrierbar ist

Ein zentrales Thema des Interviews ist die Frage, warum viele digitale Lösungen trotz guter
Ansätze nicht in die Routineversorgung gelangen. Pawlitzki beschreibt sehr deutlich, dass die
Hürde selten allein in der Technologie liegt. Viel entscheidender sei, ob sich digitale Prozesse
sinnvoll in den klinischen Alltag integrieren lassen. „Es braucht eine einfache Integration
entweder in vorhandene Systeme“, sagt er, idealerweise über Schnittstellen zu Praxissoftware
oder klinischen Informationssystemen. Nur wenn Informationen ohne zusätzlichen
Medienbruch dokumentierbar, abrufbar und einordnungsfähig seien, entstehe im Alltag ein
echter Nutzen.

Dabei geht es aus seiner Sicht nicht um isolierte Einzellösungen für einzelne Erkrankungen,
sondern um alltagstaugliche Strukturen. Wenn für jede Diagnose ein anderes Tool genutzt
werden müsse, werde das für Praxen und Kliniken schnell unpraktikabel. Pawlitzki plädiert
deshalb implizit für Plattformlogiken und Dashboards, auf die mehrere Beteiligte zugreifen
können.

An dieser Stelle setzen auch digitale Lösungen zur strukturierten Kommunikation zwischen
Behandlungsteam und Patientinnen und Patienten an, etwa Plattformen wie Doctor.One. Die
vorliegenden Daten legen nahe, dass kurze, medizinisch geführte Interaktionen zwischen
Terminen zu mehr Kontinuität in der Versorgung beitragen können, ohne zwangsläufig
zusätzlichen organisatorischen Aufwand zu erfordern. Im polnischen MS-Pilotprojekt wurde eine
deutlich höhere Interaktionsfrequenz im Vergleich zur klassischen Quartalsversorgung
beobachtet; neun von zehn Neurologinnen und Neurologen bewerteten das Modell positiv.

Dr. Sirfy benennt sehr präzise, woran die digitale Versorgung in der Praxis häufig scheitert.
„Daten ohne Konsequenz sind wertlos“, sagt er. Viele Systeme sammeln zwar Informationen,
aber niemand fühlt sich verpflichtet, darauf zu reagieren. Ohne klare Zuständigkeiten – wer
schaut wann auf welche Daten und was passiert dann – bleibt der Effekt gering. Hinzu komme,
dass komplexe Tools im Alltag schlicht nicht genutzt würden. Alles, was nicht intuitiv, schnell
und konkret sei, falle bei Patientinnen und Patienten rasch heraus. Diese Einschätzung
verdeutlicht den Unterschied zwischen technischer Möglichkeit und echter
Versorgungstauglichkeit.

Auch Prof. Dr. med. Christoph Heesen, Oberarzt und Leiter der MS-Ambulanz am UKE Hamburg
sowie Facharzt für Neurologie, macht deutlich, dass digitale Anwendungen zwar das Verhalten
anstoßen können, ihre Wirkung jedoch oft allein begrenzt bleibt.

Mit Blick auf MS-Patientinnen und Patienten sagt er, dass Selbstmanagement und Adhärenz
langfristig vermutlich nicht nur über eine DiGA oder einzelne Anwendungen gestärkt werden
können, sondern Personalisierung brauchen. Zudem brauche das Versorgungssystem „digitale
Coaches in Kliniken und Praxen“, damit Programme dauerhaft Teil der Routine werden. Das
verweist auf eine zentrale Voraussetzung für digitale Kontinuität: Sie braucht nicht nur Software,
sondern auch organisatorische Rollen und Verantwortlichkeiten sowie eine klinische Einbettung.


Die Zukunft liegt in kontinuierlicher und alltagsnaher Begleitung

Besonders deutlich wird Pawlitzki, wenn es um die Zukunft der Versorgung geht. Für ihn ist die
Richtung klar: Die Kommunikation zwischen Behandlern und Patientinnen und Patienten wird
digitaler, kontinuierlicher und stärker in den Alltag eingebettet stattfinden. Er verweist auf die
elektronische Patientenakte, auf die zunehmende Bereitschaft vieler Betroffener,
gesundheitsbezogene Daten zu teilen, und auf die wachsenden Möglichkeiten, Muster mithilfe
digitaler Tools und perspektivisch auch KI besser zu verstehen. Entscheidend sei dabei, dass die
Versorgung künftig nicht mehr nur auf punktuellen Momentaufnahmen basiert, sondern auf
einem besseren Verständnis des realen Krankheitsverlaufs.

Besonders wichtig ist für ihn der Mehrwert für die Patientinnen und Patienten selbst. Digitale
Begleitung könne Sicherheit geben, gerade in den ersten Jahren nach der Diagnosestellung,
wenn Unsicherheit, Verlust an Körpervertrauen und hoher Informationsbedarf besonders groß
seien. Sie kann helfen, frühzeitig einzuordnen, ob Symptome typisch und beobachtbar oder
behandlungsrelevant und abklärungsbedürftig sind. Und sie können dazu beitragen, dass Vor-
Ort-Termine gezielter, medizinisch relevanter und weniger von angesammelten Alltagsfragen
überfrachtet sind. In dieser Logik wird digitale Kontinuität nicht zum Ersatz der Sprechstunde,
sondern zu ihrer funktionalen Ergänzung.

Damit solche Modelle nachhaltig funktionieren, braucht es aus Pawlitzkis Sicht allerdings mehr
als technische Infrastruktur. Sie müssen auch als Versorgungsleistung anerkannt und abgebildet
werden. Kontinuierliche, niedrigschwellige Kommunikation sei medizinisch wertvoll, dürfe aber
nicht auf informellem Zusatzengagement beruhen. Wenn ärztliche Kommunikation zwischen
Terminen therapeutisch relevant ist, muss sie auch organisatorisch und ökonomisch in den
Versorgungsalltag abgebildet werden. Diese Einschätzung ist zentral, weil sie die Brücke
zwischen Innovation und Regelversorgung schlägt. Solange digitale Begleitung nicht als echte
Versorgungsleistung mitgedacht wird, bleibt sie oft Pilot statt Standard.

Die Ergebnisse der Doctor.One-Use-Case-Studie zeigen, dass dieser Übergang bereits beginnt.
Dort verbesserten 88 Prozent der Patientinnen und Patienten ihr Wissen über Krankheit und
Therapie, 81 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sahen eine bessere Versorgungsqualität, und der
Zugang zum behandelnden Arzt war 20-mal schneller als in der üblichen Versorgung. Das ist
kein Beweis für ein universelles Modell, aber ein klarer Hinweis darauf, dass strukturierte digitale
Begleitung Versorgung nicht nur ergänzt, sondern messbar verändern kann.

Pawlitzkis Einschätzungen machen deutlich, warum solche Ansätze gerade in der Neurologie an
Relevanz gewinnen: Chronische Erkrankungen verlaufen im Alltag der Patientinnen und
Patienten und verlangen nach Versorgungsstrukturen, die dort stärker ansetzen.

 

Weitere Informationen unter: https://www.doctor.one/de