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Medizin |

Demenzprävention per DiGA

Die DiGA NeuroNation hat bei MCI eine dauerhafte Listung erreicht. Wer profitiert? Und wie ist langfristig die Vision bei digitalen kognitiven Trainings?

Dr. Astrid Weber ist Internistin und Psychotherapeutin in einer allgemeinmedizinisch und geriatrisch ausgerichteten Gemeinschaftspraxis in Koblenz und Jakob Futorjanski ist Geschäftsführer der Synaptikon GmbH, die seit 15 Jahren multimodale kognitive Trainings und mit NeuroNation MED im Mai 2025 eine dauerhafte Listung im DiGA-Verzeichnis erreicht hat; Fotos: © privat, Synaptikom GmbH

Welche Eigenschaften muss eine DiGA haben, damit Sie sie als Hausärztin nutzen?

Astrid Weber: Die DiGA muss eine relevante Versorgungslücke adressieren. DiGA-Patient:innen sind bei uns oft Patient:innen, für die es wenig andere Optionen gibt, bei der NeuroNation MED DiGA vor allem die Post-Covid Patient:innen. Die haben oft ein temporäres Mild Cognitive Impairment (MCI), das sich über Standard-Test wie das Montreal Cognitive Assessment (MoCA) nur schwer fassen lässt und bei dem wir therapeutisch wenig anbieten können. Darüber hinaus nutze ich im psychotherapeutischen Bereich weitere DiGAs, und auch die Gewichtsreduktion ist mittlerweile eine wichtige DiGA-Indikation. An DiGAs zur Rauchentwöhnung taste ich mich noch heran, diese Patient:innen sind schwierig zu motivieren.

 

Welche Patient:innen sind für die NeuroNation DiGA besonders geeignet?

Astrid Weber: Die DiGA ist aus unserer Sicht vor allem für leichter betroffene MCI-Patient:innen eine gute Option. Sie ist hier ein Hilfsmittel, um eine dauerhafte Versorgung und eine gewisse Prävention sicherzustellen. Wir haben mit jüngeren Patient:innen im Post-Covid-Bereich angefangen, Mittlerweile nutzen wir die App aber auch gern bei MCI-Patient:innen am Übergang zur geriatrischen Versorgung.

 

Jakob Futorjanski: Das deckt sich mit unseren Erfahrungen. In der NeuroNation MED Studie, die der dauerhaften DiGA-Listung zugrunde liegt, lag das Durchschnittsalter bei 55 Jahren. Das sind dann oft Patient:innen mit erworbenem leichten kognitiven Störungen, nicht nur Post-Covid-Patient:innen, auch viele mit Multipler Sklerose oder nach einem Schlaganfall oder Hirnverletzungen. Daneben gibt es aber natürlich auch die klassischen neurodegenerativen MCI-Patient:innen, also Patient:innen mit früher Alzheimer-Erkrankung. Hier machen wir aktuell eine weitere klinische Studie, die sich ganz auf die ICD-Codes F00 und F03 fokussiert, also auf Alzheimer-Demenz und nicht näher bezeichnete Demenz.

 

Wie kontrollieren Sie im Versorgungsalltag die Adhärenz?

Astrid Weber: Die muss ich erfragen, und das ist auch wichtig, denn nach drei Monaten stellt sich ja die Frage der Folgeverordnung. Eine Folgeverordnung macht nur Sinn, wenn die DiGA auch genutzt wird. Speziell bei unseren Post-Covid-Patient:innen ist die Adhärenz in der Regel sehr gut, die greifen nach jedem Strohhalm. Am Ende ist es ein Selbstreporting: Ich muss auf das vertrauen, was die Patient:innen mir berichten. Wie schon erwähnt, der MoCA-Test ist bei vielen MCI-Patient:innen, und gerade bei Post-Covid, oft unauffällig. Den kann ich also zur Verlaufskontrolle nicht nutzen. Umfassendere kognitive Tests funktionieren, aber die kosten viel Zeit. Wir haben bei uns den Test zur Aufmerksamkeitsprüfung (TAP) etabliert, das braucht dann schon einen eigenen Termin. Neuropsycholog:innen, zu denen wir überweisen könnten, gibt es viel zu wenige.

 

Jakob Futorjanski: Was die Adhärenz angeht, haben wir Daten aus der NeuroNation MED Studie. Dort wurden 36 Trainingstage verordnet, dreimal pro Woche dreißig Minuten über drei Monate. Von diesen 36 Trainingstagen wurden im Mittel 29 wahrgenommen, das ist eine sehr gute Adhärenz. Zum Thema Diagnostik: Das ist etwas, das auch für uns sehr spannend ist. Wir entwickeln momentan eine umfassendere neurokognitive Testung in unserer App, die sowohl zum Einsatz in der Praxis als auch zur Selbsttestung zuhause genutzt werden soll. Damit können wir dann Verläufe mit deutlich höherer Sensitivität und Spezifität als beim MoCA-Test darstellen. Wir machen zu unserer digitalen Testbatterie aktuell eine Validierungsstudie an den Unikliniken in Köln, Jena und Berlin. Als Vergleich dient die Neuropsychological Assessment Battery (NAB). Wir gehen davon aus, dass die Studie in etwa einem Jahr abgeschlossen ist, und danach könnten wir diese Testbatterie dann in unsere DiGA integrieren.

 

Demenz wird ja eines der großen Versorgungsthemen der nächsten Jahre. Könnte man sich vorstellen, dass digitale Anwendungen dabei über das kognitive Training hinaus einen größeren Stellenwert einnehmen?

Astrid Weber: Ich denke schon, bis hin zur Einbindung der Angehörigen, denn Demenz ist ja auch ein Angehörigenthema. Bei dem Fachkräftemangel, den wir allen Bereichen haben, wird das gar nicht anders gehen. Das betrifft den ärztlichen Dienst genauso wie Ergotherapie und Neuropsychologie. Das reicht alles hinten und vorne nicht. Auch zur Begleitung von Pharmakotherapien eignen sich DiGAs sehr gut. Die sollten ohnehin immer mit kognitivem Training kombiniert werden.

 

Jakob Futorjanski: Wir forschen ja seit acht Jahren an diesem Thema. Unter anderem haben wir in Australien fast 6.000 Menschen mit Demenz Risikofaktoren begleitet, die eine Dreijahresintervention erhalten haben, bestehend aus digitalem kognitivem Training sowie digitalem Coaching für Ernährung, Bewegung und Stressmanagement. Was wir sehen: Die Effektstärken auf die Kognition waren zum Teil größer als bei monoklonalen Antikörpertherapien – ohne Hirnschwellung als Nebenwirkung. Eine DiGA mit Effektivitätsnachweis kann in dieser Versorgung definitiv ein Puzzlestein sein, und es ist auch gut vorstellbar, digitale und pharmakologische Interventionen zu kombinieren. Das könnte die Adhärenz zur Pharmakotherapie verbessern, und im besten Fall potenzieren sich die Wirkungen sogar, das müsste man dann in einer Studie nachweisen. Ich sehe da jedenfalls viel Potenzial. Das Schöne an unserem NeuroNation-Modell ist, dass wir auf ein langjährig etabliertes Direct-to-Consumer-Produkt mit vielen Millionen Nutzer:innen weltweit aufsetzen. Wir haben bei diesem Produkt ein Release alle zwei Wochen und können unheimlich viel testen. Das, was sich wirklich bewährt, kommt dann in das Medizinprodukt, also in die DiGA, wo wir ein Release pro Quartal haben. Auf diese Weise können wir eine kontinuierliche Weiterentwicklung sicherstellen und zügig sehr viele  potentielle Patient:innen ansprechen und in Studien einschließen.

 

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM