Seit der Abkündigung von IS-H durch SAP und der Ankündigung von SAP, keine eigene Healthcare-Lösung für die S/4HANA-Welt zur Verfügung zu stellen, ist der KIS-Markt im deutschsprachigen Raum in Aufruhr. Ein ganzes Spektrum an möglichen Ablöseszenarien wird mittlerweile angeboten, allerdings wird längst noch nicht so umfangreich ausgeschrieben, wie mancher erwartet hatte. Viele scheinen abwarten zu wollen, was SAP machen wird – bzw. ob die Walldorfer überhaupt irgendetwas machen werden.
Im Herbst 2025 gab es dazu erste Hinweise. Damals wurde bekannt, dass SAP eine Partnerschaft mit Avelios Medical eingegangen ist. Avelios Medical ist ein junges, reichlich mit Investorengeld ausgestattetes Unternehmen, das eine Cloud-native KIS-Lösung entwickelt hat. Im Rahmen der Partnerschaft mit Avelios, so hieß es damals seitens SAP, solle einer integrierte Plattform für klinische und betriebswirtschaftliche Prozesse im Gesundheitswesen aufgebaut werden. Mitte Februar 2026 hat SAP jetzt offiziell mitgeteilt, dass es sich an dem aufstrebenden Münchener KIS-Unternehmen strategisch beteiligen wird. Ist Avelios also nun die SAP-eigene Nachfolgelösung, auf die so manches Klinikum setzt?
Der Arbeitskreis Healthcare der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) hat sich mit der Beteiligungsankündigung auseinandergesetzt und dazu eine Stellungnahme auf der SAP-Anwenderplattform „impulsant“ veröffentlicht. Die Avelios-Lösung, so die DSAG, soll im souveränen Teil der SAP Business Technology Platform (SAP BTP) laufen mit dem Ziel, eine volle und KI-orientierte Integration der Business Suite zu erreichen. Dies, so Hermann-Josef Haag, DSAG-Fachvorstand Personalwesen & Public Sector, passe zur SAP-Strategie, bei klinischen Kernfunktionen auf Partnerlösungen zu setzen. Fakt sei aber weiterhin, so Haag, dass es kein echtes SAP-eigenes Healthcare-Produkt geben werde: „Die Systemlandschaft wird fragmentieren und die Komplexität wächst.“
Haag hofft, dass das SAP-integrierte Avelios KIS „nah an eine integrierte SAP-End-to-End-Lösung heranreicht“. Allerdings ist doch deutlich Skepsis durchzuhören, ob sich diese Hoffnung am Ende bewahrheiten wird. Inwiefern die durch den SAP-Rückzug entstandene Lücke durch Avelios glaubhaft geschlossen werden könne, müsse sich erst zeigen. Wichtige Stichworte seien hier Leistungsfähigkeit, Reifegrad und Zukunftssicherheit. Zudem, so Haag, würden in Krankenhäusern keine flächendeckenden Cloud-only-Ansätze verfolgt. Es dominierten eher hybride Szenarien, bei denen unklar sei, wie sich diese künftig umsetzen ließen.
Auch DSAG-Arbeitskreissprecher Healthcare Michael Pfeil ist skeptisch: „Wenn SAP einzelne Partner stärker positioniert z. B. durch Beteiligungen, verändert das die Situation am Markt grundlegend.” Aus DSAG-Sicht müsse sichergestellt sein, dass die Integration von Avelios auf der SAP BTP nicht zum Nachteil anderer Partner wird – insbesondere bezogen auf die Nutzung und Integration von KI: „Als DSAG-Arbeitskreis Healthcare erwarten wir, dass SAP alle Hersteller unterstützt”, so Pfeil. Nötig sei nicht so sehr eine strategische Beteiligung an einem Partner als vielmehr ein umfassendes Partner-Ökosystem.
Die DSAG weist auch darauf hin, dass die Zeit langsam drängt. Die aktuelle Marktsituation berge die Gefahr, dass Krankenhäuser erneut in eine Warteposition verfielen und strategische Entscheidungen weiter aufschöben. Alles in allem sei die Avelios-Beteiligung aus Sicht der DSAG ein notwendiger Baustein, aber auch nicht mehr. Für den Markt seien konkrete Kundenprojekte, produktive Einsätze und nachvollziehbare Referenzen notwendig, anhand derer bewertet werden könne, was Lösungen in einem SAP-Umfeld tatsächlich leisteten. Die DSAG betont auch erneut, dass sie erwarte, dass SAP die Extended Maintenance für IS-H-Kunden kompensiere.
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DSAG-Einordnung: SAP beteiligt sich an Health-Tech-Unternehmen Avelios Medical
