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Vernetzung |

In der Pflege sicher kommunizieren

Digitalisierung sowie verschärfte EU-Vorgaben bedeuten für das Gesundheitswesen große Herausforderungen in den Bereichen Datenschutz, IT-Sicherheit und digitale Souveränität. Gleichzeitig erhöhen sich die Risiken durch die Nutzung proprietärer, intransparenter Cloud-Dienste, die eine Abhängigkeit von nichteuropäischen Anbietern bedeuten. Wie eine diakonische Einrichtung eine datenschutzkonforme, eigenverantwortliche Digitalstrategie mithilfe von Open-Source-Technologie erfolgreich umsetzt, zeigt ein Praxisbeispiel.

Bild: © CojanAI – stock.adobe.com, 971262599, Stand.-Liz.

Von der Administration bis zur direkten Betreuung arbeiten nahezu alle Bereiche mit digitalisierten Vorgängen. Doch nicht immer erleichtern diese Maßnahmen den Betrieb. Besonders die Pflege steht unter großem Druck: Fachkräftemangel, zunehmender Dokumentationsaufwand und interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordern durchdachte, datenschutzsichere Lösungen für die tägliche Kommunikation.


Seit Inkrafttreten der DSGVO 2018 stehen Pflegeeinrichtungen vor der Aufgabe, über alle internen und externen Kommunikationswege hinweg Daten sicher zu speichern und zu verarbeiten. Und wie die immer neuen EU-Vorschriften zeigen: Die Anforderungen steigen. Health-Anbieter müssen sich souverän um ihre Daten kümmern und damit selbst die interne Kommunikation mit einbeziehen. Viele gängige Werkzeuge stammen allerdings von US-Anbietern. Die DSGVO-Konformität dieser Dienste steht daher infrage – selbst wenn die Datenverarbeitung innerhalb Europas erfolgt. Open-Source-Technologien bieten dagegen eine transparente und kontrollierbare Alternative: Sie ermöglichen es Organisationen, ihre digitale Infrastruktur eigenständig zu betreiben und anzupassen, ohne auf proprietäre Lösungen zurückgreifen zu müssen.

 

Souveräne Cloud-Lösungen: Datenschutz auf europäischem Boden

Eine tragende Säule für eine eigenständige und sichere Datenstrategie bildet der Einsatz souveräner Cloud-Systeme. Diese gewährleisten, dass sämtliche Daten ausschließlich in europäischen Rechenzentren verarbeitet und gespeichert werden – unabhängig von außereuropäischen Plattformen oder Dienstleistern. Besonders Einrichtungen, die zur kritischen Infrastruktur zählen, profitieren von dieser rechtlichen Sicherheit. Da diese Cloud-Variante auch abseits der Sektoren mit erhöhtem Sicherheitsbedarf auf großes Interesse stößt, wirkt selbst die EU mit. Beispielsweise durch Initiativen, die sich dem Aufbau vertrauenswürdiger Datenökosysteme verschrieben haben, wie Gaia-X.


 Eine solche Lösung nutzt auch der angesprochene diakonische Träger, über dessen Erfahrungen hier berichtet wird. Sie bietet mehr Sicherheit im Umgang mit Patientendaten und schnellen Austausch von wichtigen Unterlagen und Ergebnissen. Konkret kommt hier ein Nextcloud Managed Cloud Server zum Einsatz, über den Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, aber auch Patient:innen und Angehörige auf relevante Unterlagen zugreifen – sofern sie Zugriff erhalten. Ergebnisse und Daten liegen so zentral ab und gehen nicht verloren.

 

Kommunikation und Pflege

Mehrere Tausend Mitarbeitende, über zwanzig Einrichtungen, ein Leistungsangebot von Altenhilfe über Klinikbetrieb bis ambulante Versorgung – der diakonische Träger zählt zu den größten Sozialunternehmen Deutschlands. Der Kommunikationsbedarf ist entsprechend hoch und komplex: Von der internen Abstimmung über externe Gesundheitspartner bis hin zur Interaktion mit Angehörigen, Ärzt:innen und medizinischem Personal.


Telefonate, E-Mails und persönliche Gespräche dominierten zunächst die fragmentierte Kommunikation. Ein selbst betriebener Jitsi-Server für Videokonferenzen war vorhanden, ließ aber in puncto Performance und Wartbarkeit zu wünschen übrig. Vor allem für eine nachhaltige, skalierbare Wartung fehlten die personellen Ressourcen.


Da interne Kommunikation aber dennoch einfach gelingen sollte, benötigte das Team eine digitale Lösung. Bekannte Kommunikations-Apps großer Anbieter sind nicht sicher, punkten aber mit Schnelligkeit und Unkompliziertheit – nötige Attribute für den Pflegealltag. Deshalb koppelt der Träger übliche Apps mit Open Source: Für den Messenger-Dienst kommt beispielsweise die App Element als Client zum Einsatz. Das Matrix-Messaging-Protokoll wird mit der Kommunikationsanwendung verknüpft. Rollen- und rechtebasiert erhalten autorisierte Nutzer:innen Zugriff auf sensible Dokumente – auch über Nextcloud. So können bei Bedarf sogar Patient:innen direkt eingebunden werden.

 

Gute Gründe für Open Source als Basis 

Die Wahl fiel bewusst gegen kommerzielle US-Anbieter und zugunsten quelloffener Software. Die wichtigsten Beweggründe:

  1. Kalkulierbare Kosten 
    Keine nutzerbasierten Lizenzgebühren, sondern transparente Serverbetriebskosten – ein entscheidender Vorteil bei großen Nutzerzahlen.

  2. Freiheit von Abhängigkeiten 
    Open Source verhindert Vendor Lock-in. Der Quellcode ist offen, Sicherheitslücken und Hintertüren lassen sich vermeiden.

  3. Datenschutz auf höchstem Niveau 
    Die Daten bleiben im Besitz der Organisation. Die Verarbeitung erfolgt unter vollständiger Kontrolle und ist technisch wie vertraglich abgesichert.

  4. Anpassungsfähigkeit 
    Open-Source-Lösungen lassen sich flexibel auf konkrete Anforderungen zuschneiden – unabhängig von Update-Zyklen.

  5. Starke Community 
    Eine engagierte Entwickler- und Nutzer-Community sorgt für kontinuierliche Weiterentwicklung und langfristige Sicherheit.

  6. Rechtssichere Umsetzung 
    Datenschutzverträge mit deutschen Hosting-Partnern und etablierte Backup-Konzepte gewährleisten verlässliche Standards.

 

Technische Umsetzung: Professionell betrieben, sicher integriert

Um den Aufwand für die eigenen Personalressourcen möglichst gering zu halten, entschied sich der diakonische Träger für die Plattform Cloud1X. So konnte der professionelle Betrieb des Jitsi-Servers und des Matrix-Protokolls mit Support kombiniert werden. Beide Komponenten sind Open Source und weltweit in kritischen Infrastrukturen erprobt.


Betrieben wird die Plattform in einem ISO-zertifizierten deutschen Rechenzentrum – vollständig DSGVO-konform. Die Benutzerverwaltung läuft über ein webbasiertes Dash­board und ist direkt an das Identity Management des Trägers angebunden. Neue Mitarbeitende erhalten automatisch Zugriff auf die für sie relevanten Kommunikationsräume – eine große Erleichterung bei häufig wechselnden Teams.


Folgende Anwendungen der Plattform wurden bisher umgesetzt:

  • Sichere Chat-Kommunikation 
    Pflege- und Verwaltungsteams nutzen Matrix für verschlüsselte, nachvollziehbare Kommunikation über Standortgrenzen hinweg.

  • Virtuelle Fallbesprechungen 
    Per Jitsi-Videokonferenz holen Pflegekräfte fachlichen Rat ein – Ärztinnen und Ärzte müssen nicht zwingend vor Ort sein.

  • Online-Fortbildungen 
    Schulungen werden digital angeboten, was Reisezeiten minimiert und die Weiterbildung vereinfacht.

  • Kontakt mit Angehörigen 
    Videocalls mit Angehörigen – ohne App-Zwang und unkompliziert im Zugriff.

  • Dokumentenfreigabe 
    Protokolle, Anweisungen oder Befunde lassen sich schnell über Nextcloud und Matrix bereitstellen.


Erkenntnisse aus dem Projekt liefern auch anderen Einrichtungen wertvolle Orientierung:

  • Frühzeitige Einbindung
    Mitarbeitende über Key-User aktiv in die Einführung einbinden – das fördert Akzeptanz.

  • Gezielte Schulungen
    Führungskräfte sollten als Multiplikatoren geschult werden, um das Know-how weiterzugeben.

  • Technische Integration
    Die Anbindung an bestehende Systeme (z. B. Keycloak oder digitale Patientenakten) ist essenziell.

  • Verlässliche Governance
    Klare Richtlinien für Nutzung und Verwaltung verhindern Missbrauch und fördern ein einheitliches Handling.

  • Strategische Planung
    Open Source entfaltet sein Potenzial am besten als Teil einer langfristig angelegten Digitalstrategie.


Das Beispiel des diakonischen Trägers zeigt: Open Source ist weit mehr als eine preisgünstige Alternative. Es ist ein Schlüssel zur digitalen Selbstbestimmung, gerade im sensiblen Umfeld der Pflege. Die Kombination aus technischer Offenheit, Anpassbarkeit und DSGVO-konformer Umsetzung macht Open Source zur echten Chance – und zum Modell für eine sichere, vernetzte und zukunftsfähige Pflegeinfrastruktur.