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Health-IT |

KI und EUDI-Wallet für die Patientenakte

Die E-Rezept-Enthusiasten  wollen die ePA aus ihrem Dropbox-Koma herausholen. KI soll helfen.

Am Rande des Berliner Hauptstadtkongresses lud der Verein der E-Rezept-Enthusiasten zu einem Parlamentarischen Abend auf die Dachterrasse des Amano-Hotels in Berlin-Mitte. Und der Ruf wurde gehört: Brenya Adjei aus der gematik-Geschäftsführung musste nur die Straße überqueren. Philipp Müller, Abteilungsleiter Digitales im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) war da, außerdem Matthias Mieves für die Bundestagsfraktion der SPD und Janosch Dahmen für jene von Bündnis 90/Die Grünen – viel mehr ePA-Prominenz geht kaum.

 

Intelligenz statt Dateiengrab: Die VAU solls richten

Für die E-Rezept-Enthusiasten war Christian Klose von dem Unternehmen HeptaSphere auf dem Podium. Er aktualisierte die aus der täglichen Versorgungspraxis heraus formulierten Forderungen zur ePA, die der Verein schon vor einigen Monaten in kleinerer Runde kommuniziert hatte: „Wir müssen endlich das Potenzial, das wir mit der Architektur der ePA 3.0 haben, auch nutzen.“

 

Was Klose meint, ist vor allem die vertrauenswürdige Ausführungsumgebung (VAU). Die wurde in der ePA im Zusammenhang mit der Medikationsliste und durchaus gegen Widerstände eingeführt. Sie erlaubt es, Daten serverseitig temporär zu entschlüsseln und damit zu arbeiten – eine Abkehr von der Ende-zu-Ende-verschlüsselten, alten Welt der Telematikinfrastruktur, die sich im Rückblick als Fehler herausgestellt hat.

 

Die VAU biete enorme Möglichkeiten für den Einsatz von KI-Modellen, so Klose. Auf Basis der VAU könnten entsprechende Anwendungen auch gut skaliert werden. Umsetzen ließen sich auf diese Weise KI-basierte Suchfunktionen. Es könnten ePA-Inhalte automatisiert strukturiert werden. Aber auch im engeren Sinne medizinische KI-Anwendungen sind denkbar, etwa Prädiktionsalgorithmen, die vom Versicherten genutzt bzw. von den Krankenkassen oder anderen Akteuren gezielt angeboten werden könnten.

 

So weit die Theorie. Wenn die Technik das hergibt, warum kommt es dann nicht? Klose zufolge mangelt es vor allem an Vorarbeiten seitens der gematik: „Wir brauchen mehr Spezifikationen für neue, erweiterte ePA-Dienste. Es müssen Verarbeitungsdienste spezifiziert werden, und es braucht eine Zulassung von spezialisierten und KI-fähigen Implementierungen für die VAU, die von Serviceanbietern für die ePA genutzt werden können.“

 

ePA-Zugang vereinfachen – nur wie?

Ein zweites Kernanliegen der eRezept-Enthusiasten ist ein vereinfachter Zugang zur ePA. Hier gibt es aktuell unterschiedliche Optionen. Eine davon ist der elektronische Personalausweis, der allerdings weiterhin nur von einem kleinen Teil der Bürgerinnen und Bürger überhaupt genutzt wird. PostIdent ist eine andere Variante, und mittlerweile wurde auch das zwischenzeitig zurückgezogene VideoIdent-Verfahren wieder reaktiviert.

 

Letzteres sei ein Fortschrott, so Klose, allerdings würden die naheliegendsten Optionen weiterhin nicht angeboten. Insbesondere mit der Identifizierung in der Apotheke habe man in der Pandemie gute Erfahrungen gemacht, sie sei extrem niedrigschwellig und werde auch von älteren Menschen gut angenommen. Dass die Umsetzung daran scheitere, dass von Apotheken Geräte zur automatisierten Auslesung von Ausweisen verlangt würden, sei für ihn nicht nachvollziehbar, so Klose. Andere Ländern machten es sich da nicht so schwer: „In Dänemark können Hausärzte die Identifizierung durchführen.“

 

Daran, dass die Einführung der EUDI-Wallet kurzfristig den Zugang zur ePA verbessern wird, glaubt Klose explizit nicht. Denn auch die EUDI-Wallet müsse erstmal Verbreitung finden. Philipp Müller vom BMG äußerte sich diesbezüglich etwas optimistischer. Aktuell liefen Verhandlungen mit dem Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) darüber, ob die Gesundheits-ID zu einem der ersten Use Cases der EUDI-Wallet werden könnte. Müller betonte, dass er nicht prinzipiell gegen ein Apotheken-Ident-Verfahren sei. Dazu allerdings müsse nicht nur das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), sondern u.a. auch Bundesministerium für Justiz (BMJ) überzeugt werden: „Wir freuen uns über Unterstützung“, so Müller.

 

„Wir sind viel zu langsam“

Seitens der Opposition appellierte Janosch Dahmen, bei der ePA massiv aufs Tempo zu drücken. Seine Sorge ist, dass digitale Primärsysteme und kommerzielle Cloud-Plattformen in großen Stil strukturierte Daten aus- und an der ePA vorbeileiten, wenn diese nicht attraktiv genug gestaltet werde. Mobile Zugriffsszenarien, insbesondere im Rettungsdienst, in den Leitstellen und bei der 116117, müssten dringend umgesetzt werden. Und qualitativ hochwertige Inhalte, insbesondere strukturierte Labordaten und Bilddaten, sollten priorisiert werden.

 

Dass insbesondere die mobilen Szenarien einen zügigen Wechsel bei der TI-Architektur erfordern, ist Dahmen bewusst. Er äußerte sich da auch durchaus selbstkritisch. Die Architekturentscheidungen der Vergangenheit seien im Rückblick nicht gut gewesen, auch die Ampelkoalition habe nicht genug getan, um hier gegenzusteuern: „Das ist nicht die Verantwortung der aktuellen Bundesregierung.“ Es gelte jetzt, sich dem „brutalen Wettlauf mit proprietären Plattformen“ zu stellen: „Ich glaube, wir sind viel, viel zu langsam.“

 

Kritik am TI-Transformationsplan

Brenya Adjei von der gematik wollte das ganz so pauschal nicht stehenlassen. Sie wies darauf hin, dass die ePA in der aktuellen Iteration erst etwas mehr als ein Jahr alt sei, und dass die Pflichtnutzung im ambulanten Bereich erst seit Herbst 2025 existiere. Dafür sei mit über 70 Millionen angelegten ePAs und knapp 130 Millionen eingestellten Dokumenten schon eine ganze Menge erreicht worden. In Sachen neuer TI-Architektur seien die wesentlichen Komponenten – Zero-Trust, Proof-of-Patient-Presence und auch mobile Szenarien – bereits auf den Weg gebracht. Die erweiterten Ausschreibungsrechte der gematik, die der GeDIG-Entwurf vorsehe sowie das am Freitag unter dem Stichwort „Transformationsplan 2030“ verabschiedete, neue TI-Konzept der gematik-Gesellschafterversammlung, seien im Hinblick auf TI-Modernisierung und Erhöhung der TI-Stabilität positiv zu sehen.

 

In diesem Punkt gab es gestern freilich auch andere Äußerungen: Der Bundesverband Gesundheits-IT bvitg äußerte sich zu den Beschlüssen vom Freitag ausgesprochen kritisch: „Statt auf die Weiterentwicklung eines wettbewerblich organisierten Ökosystems zu setzen, sieht das Konzept eine weitreichende Zentralisierung von Beschaffung, Betrieb und Verantwortung bei der gematik vor. Damit würde ein grundlegender ordnungspolitischer Kurswechsel eingeleitet, der Wettbewerb, Innovationskraft und Investitionssicherheit im Gesundheitswesen gefährdet“, so der Verband in einer Stellungnahme.