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Krankenhäuser zwischen KI, KHTF und globalen Krisen

Beim diesjährigen Meeting am Meer stehen die Zeichen einmal mehr auf Wandel. Wie positionieren sich Krankenhäuser an der Schwelle zur großen Krankenhausreform? Und wie können KI-gestützte Prozesse helfen?

Bettina Geißler-Nielsen Foto: © Fotostudio Hirch

Die deutschen Krankenhäuser haben schwieriger Jahre hinter sich. Wie ist die aktuelle Situation?

Sie hat sich zumindest nicht zum Positiven verändert. Dazu kommt, dass jetzt auch das globale Geschehen für das Gesundheitswesen spürbar wird. Davon können wir uns nicht frei machen, das hat unter anderem eine finanzielle Dimension. „Immer teurer“ wird beim Gesundheitswesen nicht mehr gehen.

 

Wir stehen an der Schwelle einer großen Krankenhausreform. Ist das schon zu spüren?

Absolut. Das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz hat die Weichen gestellt. Der Krankenhaustransformationsfonds (KHTF) schließt an die Förderung nach Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) in gewisser Weise an. Das ist eine große Chance für die Häuser, auch wenn Nina Warken angekündigt hat, mit einem Krankenhausreform-Anpassungs-Gesetz (KHAG) nochmal an die Reform ranzugehen. An den großen Themen wie etwa dem Fachkräftemangel hat sich nichts geändert. Und speziell beim Thema Digitalisierung hat sich die Situation für die Häuser zuletzt eher noch verschärft, weil das Tempo zunimmt und auch – damit wären wir wieder bei der Weltpolitik – die digitale Bedrohungslage.

 

Wie klar ist den Krankenhäusern, was da auf sie zukommt?

Der Mehrheit der Häuser ist das schon sehr klar, denke ich. Es geht jetzt darum, sich strategisch klug aufzustellen: Welche Kooperationen müssen wir eingehen? Welche Leistungsgruppen können wir abbilden? Das sind die Fragen, und damit wird sich intensiv beschäftigt. Was ich schon auch glaube: Es wird nochmal Bewegung in Richtung Merger & Acquisition geben, und in dem Rahmen wird es auch zu Umwidmungen kommen. Einfach weil einige Häuser erkennen werden, dass die jetzt anstehenden Änderungen sie überfordern. Es ist gut, dass der KHTF auch für einen solchen Umbau der Versorgungsstrukturen Mittel zur Verfügung stellt. Es gibt ja acht Fördertatbestände im KHTF, und einer davon greift genau dieses Thema auf, die Umwidmung eines Hauses in eine andere Versorgungsform, Stichwort Level 1i-Häuser, oder wie sie am Ende auch heißen werden. Das ist schon der richtige Weg, um Versorgung in der Fläche sicherzustellen und gleichzeitig die Qualität in der Patientenversorgung sicherzustellen.

 

Die versorgungspolitische Strategie ist das eine. Wie sieht es mit der digitalen Strategie aus?

Hier hat das KHZG ja die Weichen gestellt. Häuser, die im Rahmen der KHZG-Förderung nicht nur Produkte gekauft, sondern sich strategisch aufgestellt haben, sind jetzt im Vorteil. Telemedizin, Telekooperation, Interoperabilität, Cybersecurity, auch Telerobotik, das sind die großen Themen, zu denen ein Haus sich verhalten muss. Wer es geschafft hat, eine interoperable Systemlandschaft einschließlich Patientenportal aufzubauen, der hat es jetzt leichter, wenn es darum geht, sich mit anderen Einrichtungen, Hausärzten oder Pflegediensten zu vernetzen. Ich sehe da große Chancen, wenn diese Themen strategisch angegangen werden.

 

Stichwort Strategie: Beim diesjährigen Meeting am Meer Mitte Oktober wird es wieder einen Strategie-Workshop geben. Was wird da der Fokus sein?

Wir werden uns auf ein Thema konzentrieren, das alle stark bewegt, nämlich die Frage, wie künstliche Intelligenz (KI) strategisch genutzt werden kann – für bessere Versorgungsplanung, effizientere Prozesse, mehr Versorgungsqualität. Das wird nicht nur im Workshop, sondern auch beim Kongress selbst beleuchtet – aus der Sicht der Wissenschaft, der Praxis und der Industrie. Was könnten im Zusammenhang mit KI sinnvolle Strategien sein? Wie können Krankenhäuser KI in ihrer jeweiligen Systemlandschaft nutzen? Wo macht das wirklich einen Unterschied? Lässt sich Mehrwert für die Patienten generieren? Lässt sich vielleicht sogar der Fachkräftemangel entschärfen? Aber auch: Wo sind die Grenzen von Machine Learning? Da gibt es viele spannende Fragen, und die wollen wir adressieren. Und es gibt natürlich auch viele interessante Anbieter, die wir, wie auch in den letzten Jahren, vorstellen wollen.

 

Abgesehen von KI: Welche Themen werden in Heiligendamm noch auf der Agenda stehen?

Die Digitalstrategie ist traditionell das große Thema des Meetings am Meer, die werden wir auch in diesem Jahr wieder beleuchten, aus der Perspektive eines Krankenhausvorstands. Der KHTF und die Möglichkeiten, die er bietet, werden breiten Raum einnehmen. Seit dem 1. Juli können ja Anträge gestellt werden. Das betrifft Themen wie die IT-Architektur, die Systemlandschaft, die Datennutzung, die Datensicherheit und einiges mehr.

 

Wir die elektronischen Patientenakte auch ein Thema?

Ja, und da bin ich selbst gespannt. Die ePA wird in Krankenhäusern bisher kaum genutzt, aber das wird nicht so bleiben. Für die Krankenhäuser stellen sich da gar nicht so sehr technische, sondern vor allem prozessuale Fragen. Auf Ebene aller medizinischen Einrichtungen geht es auch um die generelle Motivation, die ePA zu nutzen, und natürlich ist die ePA auch ein gesamtgesellschaftliches Thema. Wir werden da sehr aktuell sein, denke ich. Auch bei anderen Themen natürlich, Nachhaltigkeit zum Beispiel. Das ist auch so ein Thema, bei dem die globalen Entwicklungen unmittelbar auf die Krankenhäuser einwirken. Das zu ignorieren, können sich Krankenhäuser bzw. können wir uns als Gesellschaft schlicht nicht mehr leisten.

 

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz

 

Weitere Informationen

Bettina Geißler-Nielsen war insgesamt 16 Jahre bei der AGAPLESION gAG in Führungspositionen tätig, als Geschäftsführerin und Leiterin der Zentralen Dienste Prozess- und Qualitätsmanagement und Integrationsmanagement (Post Merger). Sie war bis Ende 2024 Projektleiterin KHZG für den Konzern. Sie ist heute freie Beraterin und unter anderem Projektverantwortliche für das Meeting am Meer der Digital Avantgarde vom 15. bis 17. Oktober 2025 in Heiligendam.

www.meeting-am-meer.de