Eine Optimierung der Arzneimitteltherapie mittels Pharmakogenomik ist eines der ältesten klinischen Versorgungsversprechen des Genomzeitalters. Die Umsetzung freilich gestaltet sich auch zwei Jahrzehnte nach dem Humangenomprojekt noch schwierig. Insbesondere die IT-gestützte, präventive Pharmakogenomik gab es in Deutschland bisher gar nicht. Bei dieser Implementierungsart werden Patient:innen vorab genetisch untersucht, und die Informationen werden dann so in der elektronischen Dokumentation hinterlegt, dass die bei Arzneimittelverordnungen automatisch abgerufen werden können.
Im Rahmen einer klinischen Studie wurde dieses Szenario am Robert-Bosch-Campus in Stuttgart zumindest temporär Realität. Die Wissenschaftler:innen um Roman Tremmel vom Institut für klinische Pharmakologie am Universitätsklinikum Tübingen haben davon jetzt in der Fachzeitschrift Clinical Pharmacology & Therapeutics berichtet. Die Pharmakogenomik war Teil eines breiter aufsetzenden, IT-gestützten Arzneimitteltherapiesicherheitsprojekts, das zusätzlich auch Arzneimittelinteraktionen bewertete.
Auf Seiten der Pharmakogenomik kam ein Gen-Panel zum Einsatz, das sechzig genetische Varianten berücksichtigte. Im Einklang mit den Empfehlungen des Clinical Pharmacogenetics Implementation Consortium (CPID) und der Dutch Pharmacogenetics Working Group (DPWG) wurden diese genetischen Informationen in der elektronischen Patientenakte des Health Campus hinterlegt, sodass sie bei Arzneimittelverordnungen für Checks zur Verfügung standen. Zusätzlich wurden sie den jeweiligen Patient:innen über eine mobile oder webbasierte Anwendung zugänglich gemacht.
Untersucht wurde, wie sich der Check und die Mitteilung der Ergebnisse des Checks auf das Verordnungsverhalten der Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus auswirkte. Außerdem wurde untersucht, inwieweit die nachbehandelnden Hausärztinnen und Hausärzte die veränderten Verordnungen bei entsprechender schriftlicher Mitteilung zum Grund der Medikationsänderung beibehielten. Insgesamt 255 Patient:innen nahmen teil, die von Hausärztinnen und Hausärzten an die Klinik überwiesen worden waren, überwiegend wegen onkologischer Diagnosen. Fast alle der 255 Patient:innen, konkret 95 Prozent, hatten zumindest eine Genvariante, die pharmakogenomisch relevant hätte werden können. In der Regel waren das Varianten, die Statine, 5-Fluor-Uracil, Irinotecan oder Pantoprazol betrafen.
Insgesamt detektierte das IT-Tool 57 klinisch signifikante Arzneimitteliteraktionen, es wurde also bei etwas über 20 % der Patient:innen Alarm geschlagen. Rund ein Fünftel dieser Alarme betrafen pharmakogenomische Interaktionen, und diese führten während der Betreuung durch das Krankenhaus in über 75 % der Fälle zu einer Anpassung der Medikation. Nach Entlassung wurden diese im Entlassbrief kommunizierten Änderungen in 77 Prozent der Fälle von den niedergelassene Kolleg:innen beibehalten. Tatsächlich sprach etwa eine:r von zehn Patient:innen die pharmakogenomische Interaktion im Gespräch mit den niedergelassenen Ärzt:innen auch aktiv an. Von Letzteren wiederum kamen sehr positive Rückmeldungen auf die Optimierungsvorschläge des Krankenhauses. Wiederholt wurden auch um Fortbildungen zum Thema Pharmakogenomik gebeten.
Weitere Informationen
Roman Tremmel und Kolleg:innen; Clinical Implementation of Pharmacogenomics and Drug-Drug Interaction Screening in a German Academic teaching Hospital and Outpatient Follow-up. Online im Volltext zugänglich:
https://ascpt.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cpt.70083
