Population Health Management

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05.11.18 · 

Auch für Unternehmen wird der Markt für Population Health Management (PHM) interessant, denn er wächst. So schätzt das amerikanische Marktforschungsunternehmen Grand View Research, Inc. den globalen Markt 2016 auf einen Wert von 16,4 Milliarden US-Dollar. Als Grund für das Wachstum gab das Unternehmen den Wandel der Gesundheitssysteme weg von einem papierbasierten hin zu einem digitalisierten System an, was eine Steigerung der Nachfrage nach IT-Dienstleistungen im Gesundheitswesen zur Folge hat.

 

Darüber hinaus hat die steigende Nachfrage nach Lösungen zur Unterstützung der wertgestützten Versorgung durch Akteure des Gesundheitswesens zu einer Verlagerung von Gebührendienstleistungen (Fee-For-Service) zu Modellen für wertbasierte Zahlungen (Value Based Payments) geführt. Das PHM ermöglicht Datenaggregation, Risikostratifizierung, Pflegekoordination und Patientenkommunikation. Aufgrund der zunehmenden Komplexität von Pflege- und Bezahlmodellen sowie der klinischen Bedürfnisse bestehe ein aktueller Bedarf für PHM-Programme mit mehreren Funktionalitäten, die klinische, finanzielle und operative Daten verarbeiten können, um die Effizienz und Patientenversorgung zu verbessern, so das Fazit des Marktforschungsunternehmens.

Digitale Diabetesprävention

Die Patientenversorgung zu verbessern, ist auch das Ziel von Prof. Dr. Martin Hrabě de Angelis. Er ist Vorstandsmitglied des Deutschen Zen­trums für Diabetesforschung (DZD), Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Genetik an der TU München und fordert die Einrichtung eines digitalen Diabetes-Präventionszentrums (DDPC). Ziel ist, die Prävention zu stärken und die Entwicklung neuer, moderner Versorgungsformen voranzutreiben. Das Zentrum soll vorhandene Gesundheits- und Forschungsdaten aus verschiedenen Quellen sammeln, ordnen und mittels moderner IT-Technologien analysieren.

 

„Wir erhoffen uns dadurch neue Einsichten, zum Beispiel das Erkennen von Mustern, die man ohne die Auswertung großer Datenmengen derzeit nicht erkennen kann“, so Hrabě de Angelis. Das hätte möglicherweise eine stärkere Subklassifizierung von Diabetikern oder auch von Prädiabetikern zur Folge, für die dann individualisierte Therapie- und Präventionsansätze erarbeitet werden könnten. Die mathematische und informationstechnische Expertise soll das Helmholtz Zentrum München einbringen.


Habrě de Angelis: „Wir wollen ein Präventionszentrum einrichten, bei dem es um verschiedene Aspekte der Prävention geht. Einmal soll verhindert werden, dass ein Prädiabetiker überhaupt in den Typ-2-Diabetes rutscht. Es sollen aber auch Komplikationen, die bei Diabetes auftreten, wie Neuropathien oder kardiovaskuläre Probleme vermieden werden.“ Auf der anderen Seite gibt es Patienten, die solche Komplikationen nicht entwickeln. Durch die Auswertung von Gesundheitsdaten könnten Forscher herausfinden, woran das liegt, so Hrabě de Angelisʼ Hoffnung. „Doch dazu brauchen wir große Datenmengen, und zwar nicht nur die von Betroffenen oder Personen, die kurz davor sind, an Diabetes zu erkranken, sondern auch von ganz gesunden Menschen.“


Um eine ausreichende Datenmenge zu erhalten, müsste das Präventionszentrum Informationen aus unterschiedlichen Quellen erhalten. Daten von Krankenkassen, Patienten, Ärzten oder Krankenhäusern wären natürlich wichtig. Ebenso sind Informationen zu Umwelteinflüssen und weiteren Lebensstilfaktoren für die Forscher von Interesse. „Eine Idee ist, dass von vielen Menschen – das können sogar Millionen sein – eine limitierte Zahl von Parametern untersucht wird. Dazu gehören beispielsweise Bewegungstracking oder Ernährungstracking. Sollten zum Beispiel Auffälligkeiten auftreten, könnte man bei kleineren Gruppen in die Tiefe gehen und beispielsweise metabolische Profile, Transkriptionsprofile oder Proteinprofile erstellen“, sagt Hrabě de Angelis.


Die Idee ist sinnvoll, doch wie so oft stellt sich die Frage, wie die Forscher an die dazu benötigten Daten kommen sollen. Ein Problem, mit dem Population-Health-Projekte immer wieder konfrontiert werden, ist die oft unzureichende Vernetzung der einzelnen Akteure im Gesundheitswesen. Das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung ist jedoch gut mit Krankenhäusern und anderen Akteuren, die Daten liefern könnten, vernetzt, so Hrabě de Angelis. Darüber hinaus hofft er auf die Bereitschaft vieler gesunder Menschen, ihre Daten der Forschung zur Verfügung zu stellen. Damit die Daten jedoch verwertbar sind, müssen sie standardisiert werden. Das DZD arbeitet bereits an entsprechenden Vorgaben, mit denen die Wissenschaftler am besten arbeiten können.


Sind erst einmal ausreichend Daten gesammelt und analysiert worden, sollen auf dieser Grundlage Präventionsmaßnahmen und effektivere Therapien erarbeitet werden. Damit diese jedoch wissenschaftlichen Standards gerecht werden, müssen sie zunächst verifiziert und validiert werden. Dass so ein Projekt nicht ohne finanzielle Unterstützung durch die Politik durchführbar ist, ist offensichtlich. Hrabě de Angelis rechnet mit etwa 80 Mil­lionen Euro Kosten pro Jahr. Der Forscher befürwortet eine stärkere öffentliche Förderung von Population-Health-Management-Projekten.

Erfolgsbeispiel Portugal

Dass Systeme, die dem Population Health Management dienen, erfolgreich sein können, berichtete Henrique Martins, Präsident von Shared Services im portugiesischen Gesundheitsministerium, bei der „Digitalen Versammlung“ der EU-Kommission im Juni in Sofia und verwies auf Portugals Diabetes-Screening-Tool. Das Land hat ex­trem hohe Zuwachsraten für Diabetes. Darum wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Erkrankung so früh wie möglich und auch Personen mit einem hohen Erkrankungsrisiko zu erkennen. Dazu wurde das Online-Screening-Programm etabliert. Es ist online frei verfügbar. Nutzer beantworten eine Reihe von Fragen zu ihrer körperlichen Konstitution, familiären Vorerkrankungen sowie ihren Lebensgewohnheiten. Aus den Antworten wird das Risiko für eine Diabeteserkrankung errechnet. „Wenn die Ergebnisse auffällig sind, sendet Ihnen ein Hausarzt eine E-Mail und schlägt Ihnen einen Termin vor“, so Martins und fährt fort: „Mehr als 45 000 Menschen haben diesen Service schon genutzt und uns geholfen, 178 Patienten mit Diabetes zu identifizieren, die vorher nicht bekannt waren.“

Unternehmen erkennen die Zeichen der Zeit

Das Online Tool ist nur ein Teil einer nationalen Strategie gegen die Erkrankung. In Deutschland sind solche Population-Health-Management-Systeme noch nicht wirklich auf der  Regierungsebene angekommen. Auch vonseiten der Industrie wurde das Thema Population Health in Deutschland bisher eher stiefmütterlich behandelt. Doch inzwischen haben die ersten Unternehmen die Zeichen der Zeit erkannt und entwickeln Geschäftsmodelle. So zum Beispiel Cerner.

 

„Wir müssen einen Paradigmenwechsel anstreben. Ein erster Schritt ist die Abkehr von reaktiver Patientenversorgung, um präventive Gesundheitssteuerung zu fördern“, sagt Axel Meineke, Leitung Center of Competence Innovations & Clinicals, Cerner Deutschland. Die Firma hat die PHM-Lösung HealtheIntent bereits in den USA etabliert und weitet das Angebot nun auf andere Länder wie Kanada, Australien, UK und Schweden aus. An das System wurden bis heute mehr als 30 Fremd-Krankenhausinformationssysteme angebunden. Darüber hinaus wurden diverse Arztinformationssysteme und Consumer Device Systems bzw. Medical Devices über IoT-Plattformen konnektiert, um den longitudinalen Ansatz abzudecken.

 

„Die offene Plattformarchitektur von HealtheIntent ermöglicht unseren Kunden, durch die verschiedenen Datenquellen eine kritische Masse zu erreichen, um aus Big Data strukturierte Daten zu machen und daraus Erkenntnisse zu ziehen, von denen der einzelne Patient und somit auch die gesamte Population profitiert“, so Meineke. Eine Grundvoraussetzung dafür seien jedoch offene Systeme. „Um diesen salutogenetischen Ansatz eines Population Health Management realisieren zu können, ist es für Unternehmen unabdingbar, dass sie offene Systeme kreieren und ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln. Weg von proprietären Systemen hin zu einer offenen Struktur, in der unsere Kunden Owner der Daten bleiben.“


Auch bei Philips sieht man das so. Die Firma hat im letzten Jahr Vital­Health erworben. Das Unternehmen wurde 2006 durch die Mayo Clinic (USA) und die Noaber-Stiftung (Niederlande) aus der Taufe gehoben. VitalHealth entwickelt unter anderem cloud-basierte eHealth-Lösungen mit dem Schwerpunkt auf der Versorgung von Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, COPD, CHF, Depression, Krebs und Alzheimer. So bietet die Firma beispielsweise mit VitalHealth Collaborative Health Management (CHM) ein multidisziplinäres Informationssystem für die integrierte medizinische Versorgung. Die Lösung soll mittels Multi-Disease-Management gezielt die Behandlung von Patienten mit chronischen Erkrankungen unterstützen.

 

Die Übernahme von VitalHealth ist für Philips nicht die erste Akquisition eines Unternehmens, das sich auf Population Health Management konzentriert. 2016 wurde bereits Wellcentive erworben. Die Firma bietet Cloud-basierte IT-Lösungen für den Import, die Aggregierung und Analyse von ­klinischen, Schaden- und Finanzdaten aus diversen Quellen des Krankenhaus- und Gesundheitssystems. „Gesundheitssysteme haben in anderen Ländern, wie z.B. den USA oder den Niederlanden, bereits vor Jahren damit begonnen, sich in Richtung einer wert­orientierten Versorgung umzustellen. Wir sind davon überzeugt, dass die Ansätze von PHM auch in Deutschland Einzug finden werden. Für ein Gesundheitstechnologieunternehmen, das seine Strategie entlang des Health Continuums ausgerichtet hat, ist die Ausweitung der Aktivitäten im Bereich PHM ein weiterer konsequenter Schritt“, erklärt Gerrit Schick, Business Group Manager Healthcare Informatics Solutions and Services Philips DACH, die Übernahme der Firma.


Wenn Deutschland international im Population Health Management mithalten will, muss sich im Gesundheitssystem selbst aber noch einiges tun. Bisher bildet es keinen Ansatz ab, der das Thema Gesundheit ganzheitlich für eine komplette Bevölkerungsgruppe betrachtet. Durch die existierenden, unterschiedlichen Vergütungsstrukturen setzt Versorgung in vielen Fällen erst dann ein, wenn eine Krankheit Symptome zeigt. Folglich optimieren Leistungserbringer im stationären wie im ambulanten Bereich und andere Kostenträger in der Gesundheitsversorgung ausschließlich für ihren Bereich und denken noch zu selten übergreifend. Und auch das finanzielle Anreizsystem fördert zu wenig präventive Gesundheitsmaßnahmen. An dieser Stelle ist letztlich auch die Politik gefragt, sich stärker einzubringen und rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die den notwendigen
Paradigmenwechsel fördern.


Text: Miriam Mirza, E-HEALTH-COM