In deutschen Krankenhäusern entstehen täglich enorme Datenmengen – von Laborwerten und Bildgebungen bis zu Arztbriefen und Pflegedokumentationen. Doch ihr Potenzial bleibt weitgehend ungenutzt. Dabei könnten Real-World-Daten (RWD) die Versorgung und Wirtschaftlichkeit gleichermaßen verbessern: Sie ermöglichen fundiertere Therapieentscheidungen, effizientere Abläufe und eine gezieltere Ressourcenplanung. Durch die Nutzung anonymisierter oder pseudonymisierter Routinedaten lassen sich Doppeluntersuchungen vermeiden, Patientenpfade optimieren und Forschungsprojekte unterstützen – ein Gewinn für Versorgung und Forschung.
Blick in die USA: Best Practices für den Einsatz von RWD
Ein Blick in die Vereinigten Staaten zeigt, wie RWD strategisch genutzt werden können. Dort sind Daten aus digitalen Patientenakten, Laboren und Bildgebungssystemen systematisch in klinische Studien und Versorgungsforschung integriert. Die FDA unterstützt den Einsatz von RWD aktiv, stellt Leitlinien bereit und fördert standardisierte Analysen. Dies führt zu schnelleren Studienstarts, niedrigeren Kosten und robusteren Forschungsergebnissen. Kliniken können mithilfe von RWD schneller geeignete Patientinnen und Patienten für Studien identifizieren – ein entscheidender Faktor, der in Deutschland häufig zu Verzögerungen führt.
Ein anschauliches Beispiel für den Nutzen vernetzter Gesundheitsdaten ist ONENESS – die Oneness Research Solution (ORS) der University of Miami. Sie verknüpft die bislang getrennten KIS-Systeme von UHealth, der Universitätsmedizin der University of Miami, und dem Jackson Health System, einem der größten öffentlichen Klinikverbunde der USA. Durch die Zusammenführung anonymisierter bzw. pseudonymisierter Patientendaten erhalten Forschende und Ärzte eine gemeinsame Datengrundlage, um Trends zu erkennen, Patientengruppen gezielt zu selektieren und die Erreichbarkeit von Rekrutierungszielen für klinische Studien besser zu bewerten. Mit wenigen Klicks lassen sich Patientenkohorten nach Kriterien wie Alter, Erkrankung oder Wohnort eingrenzen – ohne doppelte Einträge zu riskieren. ONENESS hilft, das Tempo, die Intensität und die Kontrolle der klinischen Forschung zu beschleunigen. Gleichzeitig verfügt das System auch über einen „Reidentifizierungsprozess“, der es ermöglicht, Teilnehmer an klinischen Studien wieder zu identifizieren, um sie über verfügbare Behandlungen zu informieren.
Zulassungsprozesse beschleunigen
Technologien, die den Aufbau interoperabler Datenplattformen und die Erstellung longitudinaler Patientenakten ermöglichen, leisten einen entscheidenden Beitrag zur Beschleunigung von Zulassungsprozessen. Durch die Zusammenführung realer Versorgungsdaten in interoperablen Systemen können Aufsichtsbehörden und Forschungseinrichtungen auf qualitativ hochwertige Real-World-Daten zugreifen, um Wirksamkeit, Sicherheit und Langzeitverläufe von Therapien evidenzbasiert zu bewerten. In einer Welt, in der die Kostenwirksamkeit von Gesundheitsinterventionen zunehmend an Bedeutung gewinnt, ermöglichen RWD die Erhebung verlässlicher Real-World-Evidence, um sowohl die Effektivität als auch die Kosteneffizienz neuer Therapien nachzuweisen. Interoperabilitäts-Plattformen fördern ein besseres Verständnis des Behandlungskontexts und erlauben es, regulatorische Entscheidungen auf ein breiteres, repräsentativeres Datenspektrum zu stützen, weit über die Grenzen klassischer klinischer Studien hinaus.
Gesundheitsversorgung verbessern
Initiativen wie „Gaps in Care“ von Healthix zeigen, wie RWD im alltäglichen Versorgungsmanagement genutzt werden können. Healthix, eines der größten Gesundheitsinformationsnetzwerke in den USA, stellt eine Plattform bereit, die Daten aus hunderten Einrichtungen zusammenführt und analysiert. Mit dem Service „Gaps in Care“ können Gesundheitsorganisationen Diskrepanzen zwischen den besten klinischen Praktiken und der tatsächlich erbrachten Versorgung erkennen.
Insgesamt zeigt der US-amerikanische Ansatz, dass RWD weit über die reine Forschung hinaus einen strategischen Wert für Kliniken besitzen: Sie helfen, Prozesse zu optimieren, klinische Entscheidungen fundierter zu treffen und wirtschaftliche Potenziale zu heben. Deutschland könnte von solchen Strategien profitieren, indem es seine Dateninfrastrukturen stärker vernetzt und den Einsatz von RWD konsequent in Forschung und Versorgung integriert.
Deutschland im internationalen Vergleich
In Deutschland ist die Nutzung von RWD aber noch ausbaufähig. Fragmentierte IT-Landschaften, uneinheitliche Dokumentationsstandards und begrenzte Ressourcen bremsen den Einsatz. Gleichzeitig steigt das Datenvolumen kontinuierlich, während dem medizinischen Personal immer weniger Zeit bleibt, diese Daten auszuwerten. Die Folge: Viele wertvolle Informationen bleiben ungenutzt und Chancen für eine wirtschaftlich und medizinisch effizientere Versorgung gehen verloren.
Die größte Herausforderung bleibt der rechtliche und regulatorische Rahmen. Der strenge Regulierungsansatz, der zwar das deutsche Rechtssystem respektiert, stellt eine erhebliche Hürde für den Datenaustausch und die Datennutzung dar. Andererseits wird erwartet, dass die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) und das Inkrafttreten der kürzlich verabschiedeten EHDS-Verordnung eine positive Rolle beim Datenaustausch spielen werden.
Wirtschaftliche Chancen und Patientennutzen durch Real-World-Daten
Eine aktuelle Studie der Universität Würzburg zeigt, wie datengetriebenes OP-Management Effizienzgewinne von über 35 % bei Wartezeiten und Überstunden erzielen kann. Durch prädiktive Analysen und optimierte OP-Zuweisung lassen sich Ressourcen gezielter einsetzen, Bettenkapazitäten entlasten und Überversorgungskosten senken. Kliniken könnten durch systematische Nutzung von RWD nicht nur Abläufe verbessern, sondern auch die Arzneimittelentwicklung unterstützen und Patientengruppen gezielter für Studien auswählen – ein Vorteil, den die USA längst nutzen.
Strategien für Deutschland als Top-Standort
Deutschland verfügt über exzellente Forschungsinstitute, Kliniken und Fachkräfte, hat im internationalen Wettbewerb jedoch Boden verloren: Die Anzahl pharmaindustrieller klinischer Prüfungen sank in Deutschland von 683 im Jahr 2015 auf 589 im Jahr 2021 – ein Rückgang von etwa 14 %. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein Wandel: Einer aktuellen Deloitte-Umfrage zufolge ist erstmals mehr als die Hälfte der Deutschen bereit, ihre Gesundheitsdaten zu teilen. Diese neue Offenheit schafft ideale Voraussetzungen, um klinische Forschung und pharmazeutische Innovationen zu stärken und Deutschland wieder zu einem führenden Standort zu machen. Dafür sind beschleunigte Genehmigungsverfahren, reduzierte bürokratische Hürden, interoperable und standardisierte Datenplattformen sowie Pilotprojekte zur Vertrauensbildung bei Mitarbeitenden erforderlich. Nationale Initiativen wie die Medizininformatik-Initiative (MII) und das Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) schaffen bereits die Grundlage, um Real-World-Daten effizient zu nutzen. Durch konsequente Digitalisierung könnten Kliniken schneller Patientengruppen identifizieren, individualisierte Therapien entwickeln und Studien effizienter durchführen – mit klaren Vorteilen für Patientinnen und Patienten sowie wirtschaftlichen Chancen für die deutsche Gesundheitswirtschaft.
Technologie als Enabler
Technologiepartner wie InterSystems bieten Lösungen, um RWD effektiv zu konsolidieren, strukturieren und analysierbar zu machen. Sie integrieren unterschiedlichste Datenquellen, unterstützen Standards wie FHIR und schaffen eine konsistente Datenbasis für Analysen, KI-gestützte Auswertungen und Machine-Learning-Anwendungen. In Ländern wie Finnland und Dänemark zeigen zentrale Plattformen wie Findata und das dänische National Patient Register, wie Routinedaten für Forschung, Arzneimittelanalysen und Versorgungssteuerung genutzt werden können. In Deutschland entstehen erste Leuchtturmprojekte: Ein Universitätsklinikum optimiert OP-Säle mittels KI-gestützter Modelle, das WIdO analysiert Abrechnungsdaten zur Berechnung von Qualitätsindikatoren.
Fazit
Real-World-Daten markieren den Beginn einer neuen Entwicklungsphase im Gesundheitswesen – hin zu einer Medizin, die auf Evidenz, Präzision und Vernetzung basiert. Wenn Kliniken ihre Daten künftig nicht nur erfassen, sondern aktiv nutzen, entsteht ein Kreislauf aus Erkenntnis, Innovation und wirtschaftlichem Fortschritt. Damit könnten sich Krankenhäuser von reinen Leistungserbringern zu aktiven Gestaltern einer lernenden, forschungsnahen Versorgung entwickeln.
Für Deutschland eröffnet sich damit die Chance, den Übergang von fragmentierten Strukturen hin zu einem vernetzten, digital kompetenten Gesundheitsökosystem zu schaffen. Mit klaren gesetzlichen Rahmenbedingungen, interoperablen Plattformen und einer wachsenden Datenakzeptanz in der Bevölkerung kann der Standort zu einem europäischen Vorreiter für datengetriebene Gesundheitsinnovationen werden – zum Nutzen von Patientinnen, Patienten und einer zukunftsfähigen Gesundheitswirtschaft.
