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06.10.16

Fachsymposium „Innovationen durch Digitalisierung“
5. Oktober 2016

Von Start-Ups, verbesserter Versorgungsstruktur und einem gewissen Bauchgefühl


Am Gesundheitsmarkt ist eine Dynamik zu spüren, die vor allem junge Start-Ups mit innovativen Konzepten erzeugen. „Wir stehen schon längst nicht mehr vor der Frage, ob die Digitalisierung des Gesundheitswesens kommt, wir können nur noch entscheiden, wie wir sie umsetzen.“ Mit dieser Aussage sprach Techniker Krankenkassen Vorstand Jens Baas im Interview mit dem Handelsblatt das aus, was schon lange augenscheinlich ist. Die übergeordnete Frage, die sich Krankenkassen bei der Bewertung innovativer Konzepte durch Digitalisierung stellen müssen, ist, ob der so erreichte Fortschritt zur Verbesserung der Versichertenversorgung beitragen kann. Zur Beantwortung dieser Fragestellung trafen sich am 5. Oktober 2016 Vertreter aus Krankenversicherungen, Medizin und IT zum zweiten Fachsymposium „Innovationen durch Digitalisierung“ in der Konferenzetage der Gesundheitsforen Leipzig.

 

In Blitzlichtrunden stellten sich Start-Ups aus dem Gesundheitswesen den Teilnehmern der Veranstaltung vor. Durch die Aufteilung in kleine Gruppen konnte den innovativen Konzepten der nötige Raum für Erläuterungen und Nachfragen gegeben werden. Während sich die Sonovum AG und das Surgical Process Institute bei den Gesundheitsforen Leipzig bereits auf dem Fachlehrgang „Manager Internetmedizin“ im Juni 2016 vorstellten, waren andere Start-Ups zum ersten Mal zu Gast. Dazu gehörte mit „Dr. Heart“ ein Portal auf dem in kurzen Videos von einem Kardiologen nützliche Tipps zur Vor- und Nachsorge von Herzerkrankungen gezeigt werden. Ebenfalls eingeladen war die HiDoc Technologies UG, die mit „Cara“ eine Selbstmanagement-Anwendung zur Behandlung von chronischen Verdauungsproblemen entwickelte. Zudem präsentierten das Potsdamer Unternehmen Metabolomic Discoveries GmbH und die PREVENTICUS GmbH ihre innovativen Lösungen. Erstere bieten mit der App „Kenkodo“ die Möglichkeit, die Auswirkungen der eigenen Lebensgewohnheiten auf den Körper anhand von Stoffwechselanalyse sichtbar zu machen. Auch PREVENTICUS ist als App-Anbieter aktiv, der mittels Smartwatches und Smartphones die objektive Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes ermöglicht.


Die Lücke zwischen Versorgungsbedarf und begrenzten Kapazitäten schließen

Insbesondere im Bereich der Psychotherapie ist die digitale Unterstützung der Behandlung aber immer noch mit Skepsis, jedoch auch mit großem Potential verbunden. Eine Verbesserung der gegenwertigen Situation ist angesichts alarmierender Zahlen zu depressiven Störungen aber nötig. Circa vier Millionen Menschen leiden in Deutschland jährlich an Depressionen, wovon aktuell nur zehn Prozent therapiert werden. Vor allem wegen der damit einhergehenden Arbeitsunfähigkeit tragen Depressionen wesentlich zur finanziellen Last im Gesundheitswesen bei. Onlinebasierte Therapieformen können die so entstehende „Lücke zwischen Versorgungsbedarf und begrenzten Kapazitäten“ schließen, so Prof. Dr. Dr. Michael Bauer, Direktor der Klinik und Polyklinik für Psychiatrie am Universitätsklinikum Carl-Gustav-Carus Dresden. Er stellte in diesem Zusammenhang internetbasierte Interventionsansätze vor, die die Psychotherapie gezielt unterstützen und zu nachweislicher Verbesserung der Therapie führen können. Doch selbst beim individualisierten und interaktiven Online-Programm „deprexis 24“, das auf Methoden kognitiver Verhaltenstherapie beruht und im internetbasierten Dialog Informationen zum und Strategien zur Bewältigung des Krankheitsbildes liefert, ist gute Beratung unerlässlich.

 

Messung innovativer Ideen anhand medizinischer Outcomes

Angesichts der 29 Prozent aller Deutschen, die Gesundheits-Apps auf ihrem Handy installiert haben und 53 Prozent aller Onliner, die im Internet nach Gesundheitsinformationen suchen, spielt die digitale Strategie der Krankenkassen längst eine große Rolle. Neben dem Kosteneinsparungspotenzial und dem erleichterten Zugang zu medizinischer Versorgung zeigen sich aber auch Risiken. Deshalb muss bei der Identifizierung guter digitaler Konzepte vor allem der Patientennutzen und die Integration in den bestehenden Versorgungsprozess bedacht werden. Die BARMER GEK hat in diesem Zusammenhang einen Kriterienkatalog entwickelt, den E-Health-Konzepte erfüllen müssen. Resultate daraus sind beispielsweise das onlinebasierte Anti-Depressions-Training „Pro Mind“, das sich zuletzt in der „Jama-Studie“ bewährte oder das videospielbasierte Präventivtraining für Senioren „Memore Box“. Beide Konzepte wurden vom Leiter für Versorgungsmanagement und –produkte der BARMER GEK, Michael Sammet, vorgestellt.


Skepsis gegenüber app-basierter Behandlung

Die Techniker Krankenkasse hat in einer Studie eigene Versicherte zu ihrer Meinung über das digitalisierte Gesundheitswesen befragt und sich so ebenfalls dem Thema angenommen. Die Ergebnisse zeigen einmal mehr das große Potential, das in diesem Thema steckt. So hat selbst in der Altersgruppe der 50- bis 70-Jährigen jeder Zweite ein Smartphone und 75 Prozent glauben, dass app-basierte Behandlung von Krankheiten in Zukunft Gang und Gebe sein wird. Beim therapeutischen Ärztegespräch bestätigt sich in der Smart-Health-Studie allerdings die Skepsis, die Prof. Dr. Dr. Bauer beschrieben hat. Zwar denkt eine Vielzahl, dass sich diese Therapieform durchsetzen wird, knapp 70 Prozent sind demgegenüber aber eher negativ eingestellt. Die Leiterin für Versorgungsmanagement-Entwicklung der Techniker Krankenkasse, Dr. Susanne Klein, stellte in diesem Zusammenhang teletherapeutische Konzepte wie das Videotelefonie-basierte Ärztegespräch oder app-gestützte Behandlungsmethoden wie „Tinnitracks“ vor, die diese Skepsis aufweichen könnten.

 

Bürokratischer Zeitfresser: „Kostenträgerkommunikation“

Dass Digitalisierung nicht gleich Digitalisierung ist, beweisen Zahlen, die Umweltschützer aufhorchen lassen dürften. Im Austausch zwischen Heilmittelerbringer und Krankenkassen befinden sich circa 40 Millionen Verordnungen in Umlauf und das in Papierform. Praxen beklagen schon länger den bürokratischen Zeitfresser „Kostenträgerkommunikation“, der insbesondere auf fehlende Kataloge und Plausibilitätsprüfungen zurückzuführen ist, sodass bereits zu Beginn der Prozesskette Fehler gemacht werden. Frank Schmalfuß, Leiter Strategischer Unternehmensentwicklung bei der gevko GmbH, stellte deshalb ein Konzept zur IT-Unterstützung vor, das insbesondere mit der Möglichkeit zur systembasierten Ausstellung von Verordnungen, elektronischen Leistungskatalogen und intelligenten Regelprüfungen punkten kann. Damit verbunden ist die Digitalisierung von kompletten End-to-End Prozessen, so HMM Deutschlands Geschäftsführer Istok Kespret. Die gewonnenen digitalen Verordnungsdaten werden zwischengespeichert und können über Codeeingabe vom Heilmittelbringer aufgerufen und über digitale Unterschrift elektronisch an die Krankenkasse übermittelt werden.

 

Bauchgefühl spielt bei der Bewertung von Start-Ups eine Rolle

Auch die großen Kassen zeigten sich im Zuge der Digitalisierung also durchaus innovationsfreundlich und offen für die Konzepte von Start-Ups. In der Diskussion zwischen beiden Parteien wurde aber deutlich, dass es keine festen Größen gibt, anhand derer sich die Start-Ups orientieren können, wenn sie auf der Suche nach Förderung durch die Krankenkassen sind. Deshalb räumte Dr. Susanne Klein auf Nachfrage nach Kriterien für die Förderung von Start-Ups durch die TK ein, dass neben der Übereinstimmung mit dem Versorgungsansatz der Krankenkasse und den Erfahrungen von Medizinern auch ein gewisses Bauchgefühl eine Rolle bei der Bewertung der Start-Ups spielt.

 

Quelle: Gesundheitsforen Leipzig GmbH