Videosprechstunde – bald normaler Versorgungsalltag?

Hans Peter Bröckerhoff

Skypen gehört schon lange zum Alltag vieler, auch älterer Menschen. Jetzt beginnt – endlich – die Zeit, in der es auch möglich und bald wahrscheinlich sogar normal sein wird, mit seinem Arzt per Videochat zu kommunizieren.

 

Pilotprojekt: Videochat mit dem Hautarzt“, so titelte die F.A.Z. Mitte Oktober 2016 und fuhr fort: „In Usingen und Selters bieten zwei Hautarztpraxen Videosprechstunden an. Das erleichtert die Nachsorge für Ärzte und Patienten.“ Eigentlich eine simple Alltagsnachricht. Das, worüber berichtet wurde, klang logisch, sinnvoll und einleuchtend – im besten Sinne normal und alltäglich. All diejenigen aber, die sich seit Jahren mit dem Thema Telemedizin beschäftigen, wissen, dass diese simple Meldung ein Zeichen für etwas wirklich Neues ist. Telemedizin, hier in einer Basisanwendung als Gespräch zwischen Arzt und Patient per Videochat, wird Teil des normalen Alltags und die „normalen“ Medien (wie eben die F.A.Z.) nehmen sich der Thematik an.


Logisch, sinnvoll und einleuchtend erschien Telemedizin schon von Anfang an. Im Kern geht es meist um die Überwindung von Zeit und Raum, besser: um die Überwindung von Zeitaufwand und räumlicher Distanz – mit fast immer verblüffend positiven Effekten. Ich persönlich hatte vor 15 Jahren, als ich eine Reportage über ein Telemedizinprojekt in Italien schrieb, zum ersten Mal den Eindruck: „Oh, wie einfach und wie sinnvoll!“. Dieser Eindruck hat sich in der Folge bei vielen Telemedizinprojekten wiederholt. Aber in den Versorgungsalltag haben es die meisten Projekte in all den Jahren nicht geschafft. Es ging fast immer, um Bertolt Brecht zu bemühen, um „das Einfache, das schwer zu machen ist“.


Bleiben wir bei der Videosprechstunde. Seit Jahren ist es normal, dass Großmütter mit ihren weit entfernt lebenden Enkeln skypen. Wenn aber eine dieser Großmütter zu einem einfachen Nachsorgegespräch zum Arzt muss, dann muss sie den Bus nehmen, in die Stadt fahren und im Wartezimmer sitzen, nur um schließlich drei Minuten mit dem Arzt reden zu können. Warum kann sie nicht schon seit Langem mit ihrem Arzt genauso einfach Kontakt halten wie mit ihren Enkeln, nämlich per Videochat? Da ist es wieder: das Einfache, das so schwer zu machen ist.


Aber jetzt geht es nicht mehr darum, diesen Zustand zu beklagen. Jetzt geht es – endlich – darum, festzustellen, dass das Einfache eben doch zu machen ist. Die von der F.A.Z. beschriebenen Videosprechstunden in Hessen sind nicht die einzigen. Zur gleichen Zeit berichtete ­E-HEALTH-COM  online von einem ähnlichen Projekt mit HNO-Ärzten in Nordrhein-Westfalen. Und es werden weitere folgen, bis es ganz normal ist, dass eine Arztpraxis einen Teil der Zeit für die virtuelle Sprechstunde reserviert.


Entscheidend für diesen Durchbruch ist nicht die Technologie, sondern das veränderte Bewusstsein und ein neues Herangehen der Beteiligten. Wobei die Krankenkassen eine zunehmend wichtige Rolle zu spielen scheinen (s. auch Meldung S. 7 dieser Ausgabe). Bei beiden Videosprechstunden-Projekten war es die Krankenkasse, hier die TK, die das so einfach Scheinende endlich auch umsetzbar machte.
Mit dieser neuen Rolle der Krankenkassen hat sich auch eine andere große Tageszeitung, die Süddeutsche Zeitung, intensiv beschäftigt. Sie hat dem Thema Digitalisierung und Gesundheit sogar einen eigenen Kongress gewidmet – auch ein Zeichen, dass die gesamte Thematik aus der Fachecke heraus in die breite Öffentlichkeit tritt. Eine Diskussionsrunde bei dem Kongress hieß „Neue digitale Kommunikationstechnologien – welche Potenziale ergeben sich für Krankenkassen?“. Ich hatte das Vergnügen, diese Runde zu moderieren, und konnte dabei feststellen, dass zunehmend eine mitgestaltende (und nicht nur eine zahlende) Rolle der Kassen gesehen und erwartet wird.


Das lässt hoffen, dass nicht nur die Videosprechstunde bald zum normalen Versorgungsalltag gehören wird, sondern noch vieles mehr. Und dann dürften F.A.Z. und Co. noch viel öfter so simpel erscheinende Meldungen bringen – vom Einfachen, das früher so schwer zu machen war.


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