Notizblog # 4

Debattieren wir über unser Ende!


Ein Tag voller Wow-Momente. Das VUD Frühjahrsforum hatte in diesem Jahr einiges zu bieten – große, internationale Namen, tolle Projekte aus dem In- und Ausland, Vernetzung von Forschung und Versorgung wohin das Auge schaute. Selbst die Video-Live-Schalte mit Professor John Halamka von der Harvard Medical School klappte. Technik, die begeistert.

Natürlich ging es um die (internationale) Vernetzung des medizinischen Wissens, die Nutzung der gesammelten Daten zum Wohle vieler, Artificial Intelligence, Computerprogramme, die schlauer sind als der Mensch – die Digitalisierung der Medizin als Heilsversprechen. Na gut, das ist vielleicht dann doch ein wenig übertrieben. Dennoch – es konnte der Eindruck entstehen, dass alles gut werden könne, wenn Informationstechnologien nur gezielt und nutzenstiftend eingesetzt würden.

Dann gab es aber doch noch einen leisen Moment, als Heyo Kroemer, Präsident des Medizinischen Fakultätentags, gefragt wurde, wohin uns der ganze Fortschritt führt. Werden wir älter und sterben gesünder? Wird die Versorgung durch all die Transparenz, Qualität und evidenzbasierten, personalisierten Behandlungsentscheidungen günstiger, demokratischer? Vermutlich nicht, antwortete Kroemer nach einigem Zögern. Und ganz sicher werden sich die skizzierten neuen Möglichkeiten nicht jedem gesetzlich oder auch privat versicherten Patienten erschließen können.

Bevor die schöne neue Welt der iDoctors uns allen von Nutzen sein kann, müssen wir als Gesellschaft wohl noch ein paar Antworten auf Fragen finden, die heute – zwangsweise – tagtäglich von Medizinern beantwortet werden müssen. Fragen, die sich mit der letzten Phase unseres Lebens beschäftigen und damit, was uns als Gesellschaft wichtig ist. Was rechtfertigt eine hunderttausend Euro teure Therapie für ein letztes Jahr im Krankenhaus? Wie wollen wir die letzten Monate unseres Lebens gestalten? Und wollen wir, dass das finanziell von der Solidargemeinschaft getragen wird?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich sage nicht, dass 63-jährige nichtsportelnde WeintrinkerInnen kein Recht auf neue Knie haben oder dass ich wüsste, wie ich in so einer Situation handeln würde. Ich sage auch nicht, dass medizinischen Wundern nicht auf die Sprünge geholfen werden darf. Ich sage nur, dass Ärzte mit diesen Entscheidungen nicht alleine gelassen werden dürfen.

Das Problem in der GesundheitsWIRTSCHAFT ist genau das: die Beteiligten sehen ihre Tätigkeit v.a. unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Das ist ihnen nicht vorzuwerfen, da unser gesamtes gesellschaftliches System derzeit nichts anderes hergibt. Über ethische Aspekte wird nur in Grenzbereichen gesprochen, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt.

Während die Literatur zum Thema „Wann beginnt menschliches Leben?“ meterhohe Regalwände füllt und Mittelpunkt vieler hitzig geführter Parlamentsdebatten war und ist, wird die Frage „Wie wollen wir sterben?“ zurückhaltend gestellt und nicht öffentlich diskutiert. Doch genau eine solche gesellschaftspolitische Diskussion braucht es. Breit geführt, offen, ehrlich und tabulos. Was ist medizinisch sinnvoll? Was ist wirtschaftlicher Irrsinn?

Und ja, womöglich kommt dabei heraus, dass wir nichts unversucht lassen wollen, dass jeder Tag zählt, dass Geld nicht alles ist. Und, wenn dem so ist, müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass das was kostet.

Kommen wir aber zu einem anderen Ergebnis, dürfen wir den nächsten Schritt nicht scheuen: Die Leistungserbringer von den wirtschaftlichen Zwängen freizustellen. Ihnen die Möglichkeit geben, gemeinsam mit ihren Patienten individuelle Einzelfallentscheidungen zu treffen, die den Wünschen und Vorstellungen des jeweiligen Patienten gerecht werden. Denn jeder Patient hat seinen eigenen Weg.

In all diesen Fragen kann/darf/muss man pathetisch werden, denn Pathos kommt von Leiden(schaft)...

Vive le discours!

Claudia Dirks
Freie Journalistin, Berlin