Bunt sind je-he-tzt die Wälder!

Philipp Grätzel
Blogbeitrag von Philipp Grätzel

Wer in der gesundheitspolitischen Szene unterwegs ist, der weiß, was Föderalismus bedeutet. Jede Kassenärztliche Vereinigung (KV) kratzt der anderen die Augen aus. Das sagt nicht der Autor dieser Zeilen, sondern der Chef einer großen Kassenärztlichen Vereinigung. Man kann die Sache aber auch ins Positive drehen: Wenn sich nicht alle für bundeseinheitliche Projekte vereinnahmen lassen, führt das im allerbesten Fall zu einem produktiven Wettlauf um gute Lösungen.

 

Ob das bei der Online-Anbindung der Ärzte wirklich so klappt, ist noch nicht ausgemacht. Tatsache ist mittlerweile aber, dass die föderale Landschaft wirklich angemessen bunt wird in Sachen Online-Anbindung deutscher Arztpraxen. Eine monochromatische KV SafeNet-Republik ist definitiv nicht im Entstehen.

 

Wesentlich dazu beigetragen hat die KV Bayerns, die Anfang des Jahres zunächst zur allgemeinen Erheiterung ein PIN/TAN-Verfahren (KV Ident) eingeführt hat, mit dem die Ärzte sich beim Online-Portal ihrer KV anmelden können. Die Sache kostet 20 Euro alle zwei Jahre, und wenn man Notarztwagen fährt, kostet es gar nichts. Zum Vergleich: Bei zwei Jahren SafeNet landet man inklusive Router im deutlich dreistelligen Bereich.

 

Dass die Miterfinderin des KV SafeNet plötzlich zu so etwas „Reaktionärem“ wie einem PIN/TAN-Verfahren greift, hat, wie gesagt, nicht wenige amüsiert. Mittlerweile lacht aber keiner mehr: Die KV Bayerns hat mit ihrem PIN/TAN-Verfahren innerhalb weniger Wochen fast 3000 Ärzte dazu gebracht, sich für die Onlinefunktionen des KV-Portals anzumelden. Das ist mehr als das KV SafeNet in Bayern in mehreren Jahren zustande gebracht hat.

 

Auch andere KV-Bezirke bieten Alternativen zum KV SafeNet an, um das Ziel, wonach im Jahr 2011 alle Arztpraxen in Deutschland online zu seien haben, auf den letzten Metern irgendwie doch noch zu erreichen. In Rheinland-Pfalz bietet die KV jetzt – ähnlich wie die Zahnärzte das schon länger tun – ein Login-Verfahren per MediSign-Karte an. Die Rationale ist dieselbe: Kein Router, weniger Kosten, wenngleich nicht ganz so wenige wie drunten in Bayern.

 

Eine zu diskutierende Frage ist die des Datenschutzes. Es gibt ein von TeleTrust in Auftrag gegebenes Gutachten von Professor Georg Borges, RUB, wonach es gute Gründe gebe, das Chipkarten-Verfahren bei Portalen für Heilberufler der Variante Nutzername/Passwort beziehungsweise Softzertifikat vorzuziehen. Hier dürfte es noch Diskussionen geben, die augrund ihrer Komplexität nicht Gegenstand dieses Blogbeitrags sein können.

 

Die andere Frage ist, wohin das politisch führt. Die bundeseinheitliche KV SafeNet-Landschaft, die in Einklang mit den auf das KV SafeNet zugeschnittenen Empfehlungen von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Bundesärztekammer steht, ist damit jedenfalls in weite Ferne gerückt. „Das KV SafeNet ist tot“, ist ein Satz, der in der Branche durchaus zu hören ist. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass es weiterlebt, als ein Standard unter mehreren, ein Standard, der vor allem von Power-Nutzern der KV-Funktionen gewählt wird.

 

Nicht ganz unbedeutend dürften diese Entwicklungen auch für die Telematikinfrastruktur sein. Zwar geht es vordergründig um KV-Funktionen und damit gewissermaßen um „interne“ Kommunikation. Klar ist aber auch, dass kartenlose Ansätze wie KV Ident dem elektronischen Heilberufsausweis (HBA) das Leben schwerer machen. Schon richtig, wenn die medizinischen Funktionen der eGK kommen, wird der HBA ohnehin nötig. Allerdings kommen diese bekanntlich langsam und sie kommen freiwillig. Die Chance, über die Online-Projekte der KVen den HBA auszurollen, wurde nicht in dem Maße ergriffen, wie das möglich gewesen wäre.

 

Aber sehen wir die Sache mal positiv: Bunte, föderale Lösungen verzögern tendenziell national-einheitliche Infrastrukturen. Sie fördern aber praktikable Anwendungen auf der Mikroebene. Letztlich könnte das derzeitige Tutti Frutti damit durchaus zu einem ansehnlichen Obstkorb werden. Die langfristige Vision sollte jedenfalls eine per HBA zugängliche Infrastruktur bleiben.