Telemedizin, wat nu?

Philipp Grätzel
Blogbeitrag von Philipp Grätzel

Durch die rosarote Brille betrachtet läuft in Sachen Telemedizin alles rund in Deutschland. Die Bundesärztekammer will sich des Themas (endlich) annehmen und bringt über 30 arztgetriebene Projekte an einen Tisch. In Berlin-Brandenburg startet in diesen Tagen mit CardioBBEAT die zweite Ernst zu nehmende Telemedizin-Großstudie unter Beteiligung namhafter Krankenkassen und der Unternehmen Philips und T-Systems. Sogar ein Vertreter des Gemeinsamen Bundesausschuss hat in der letzten E-HEALTH-COM-Ausgabe signalisiert, dass ihn die Telemedizin nicht ganz so kalt lässt, wie anfangs befürchtet.

 

Auf den zweiten Blick freilich wird die gute Stimmung etwas getrübt. Die BKK Gesundheit hat die noch von ihrer Rechtsvorgängerin Taunus BKK mit SHL Telemedizin abgeschlossenen Telemedizin-Verträge „vorsorglich gekündigt“, wie die Krankenkasse mitteilt. Sie sieht sich gleichzeitig von KV-Seite Rückforderungen gegenüber, weil Zweifel daran bestehen, ob die als integrierte Versorgung abgeschlossenen Telemedizinverträge tatsächlich integriert versorgt haben. Letzteres ist allerdings kein telemedizinspezifisches Problem. Inwieweit die Bedingungen für die integrierte Versorgung erfüllt sind, wenn zwar nicht sektorübergreifend, wohl aber fachdisziplinenübergreifend versorgt wird, ist Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen.

 

Unabhängig davon kann die Frage, wie es weitergeht mit der Telemedizin in Deutschland, derzeit als durchaus offen bezeichnet werden. Für den Moment laufen die alten Taunus-Verträge wie gehabt weiter. Sie werden aber neu verhandelt. Seitens der BKK Gesundheit werden administrative Gründe im Zusammenhang mit der kürzlich erfolgten Kassenfusion als Grund für die Kündigung angegeben. Wie plausibel das ist, mögen andere beurteilen. Klar ist, dass die finanziellen Diskussionen um die Telemedizin noch lange nicht zu Ende sind. Viele Krankenkassen haben ihre Telemedizinaktivitäten entweder lautlos wieder eingestellt oder zumindest auf einen Feigenblatt-Betrieb heruntergefahren. Von einem Run auf die Telemedizin in der GKV kann nicht die Rede sein. Interessant ist auch die Zurückhaltung der privaten Krankenversicherung beim Thema Telemedizin. Das kommt nicht von ungefähr.

 

Weil den Taunus-Verträgen – wie den meisten anderen Verträgen in diesem Bereich – die nötige Transparenz fehlte, setzt diese Episode durchaus ein Fragezeichen hinter das Modell „Telemedizin als integrierte Versorgung“. Die alte Taunus BKK hat jahrelang Erfolgszahlen zu ihren Telemedizinprojekten vorgelegt. Je nach Indikation und Untersuchung lagen die Einsparungen bei den Krankheitskosten pro Patient teilweise bei mehreren tausend Euro pro Jahr. Das Problem an diesen Zahlen waren immer die unklaren Kosten für die telemedizinische Betreuung. Callcenter müssen sich finanzieren. Eine vom Krankenhausbetrieb abgekoppelte Facharztbereitschaft rund um die Uhr kostet hohe sechsstellige Beträge im Jahr. Das nicht-ärztliche Personal kommt on top.

 

In Zukunft werden alle bei der Telemedizin ehrlicher rechnen müssen. Der Beweis dafür, ob sich die Einführung eines weiteren Leistungserbringers namens telemedizinisches Callcenter in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland gesundheitsökonomisch rechnen lässt, steht weiterhin aus. Dass mit CardioBBEAT jetzt eine weitere Telemonitoring-Studie mit explizit ökonomischem Fokus startet, die zudem von den drei Krankenkassen-Schwergewichten DAK, Techniker und Barmer-GEK unterstützt wird, kann vor diesem Hintergrund nur gut sein.