Editorial


Das eRezept rockt den Apothekenmarkt“, titelten die geschätzten Kollegen von apotheke adhoc dieser Tage in einem Kommentar anlässlich der Ankündigung der Apothekerverbände, in Sachen elektronische Verordnungen (endlich!) Nägel mit Köpfen machen zu wollen. Dank eRezept stehe der Medizin- und Apothekenmarkt vor den „vermutlich größten Veränderungen der letzten Jahrzehnte“. Übertrieben? Nicht unbedingt. Ein Rezept auf einer Karte oder, schicker, in einer App, erlaubt Patienten einen viel direkteren Zugang zu viel mehr Apotheken. Es könnte gut sein, dass die bei einigen immer noch populären Ideen eines Versandhandelsverbots für rezeptpflichtige Medikamente digital überholt werden. Es geht aber um mehr als um den Medikamentenversand. Das extrem lukrative und oft kritisierte Geschäftsmodell mit pseudonymisierten Verordnungsdaten steht zur Disposition. Was wäre zum Beispiel, wenn jemand auf die Idee käme, ein Gesetz zu schreiben, das jene Datensätze, die Apothekenrechenzentren heute mit viel Aufwand zusammenstellen und danach für viel Geld verkaufen, unter Beachtung der datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen einfach transparent macht? Das würde nicht nur die Forschung freuen, sondern stünde einem modernen Staat und Gesundheitswesen auch sonst gut zu Gesicht. 

Die wahren Rocker sind die Akten

Ein bisschen Wasser in den Wein des großen Aufbruchs gießen wollen würde ich aber schon. Selbst wenn die ABDA Ernst macht, reden wir von Modellprojekten mit gescannten Rezepten im Jahr 2020, und bevor neben allen Ärzten auch alle Apotheken mit Konnektoren ausgestattet sind, muss das deutsche Gesundheitswesen über echte, ungescannte flächendeckende eRezepte nicht ernsthaft reden. Unmittelbar bevor steht die Rezeptrevolution in Deutschland also noch nicht. Was im Moment wirklich das deutsche Gesundheitswesen rockt, sind die elektronischen Patientenakten, denen wir in diesem Heft ein Schwerpunktthema widmen. Wir nehmen uns dabei redaktionell weitgehend zurück und lassen die wichtigsten Akteure zu Wort kommen, von der KBV über die AOK und die Techniker Krankenkasse bis hin zum Geschäftsführer von Vivy. Es lohnt sich!
 

Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM
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