Editorial


Es gibt viele englischsprachige Ausdrücke, die sich zwar irgendwie ins Deutsche übersetzen lassen, die bei der Übersetzung aber deutlich an Kraft und inhaltlicher Breite verlieren. „Think big“ ist so ein Ausdruck. „Groß denken“ klingt trivial und erzeugt im Deutschen nicht die Resonanzräume des englischen Originals. „In großen Maßstäben denken“ ist sprachlich schöner, trifft den Kern aber nur teilweise. „Think big“ hat zwar schon mit großen Maßstäben zu tun, aber es hat auch mit Neuheit und Innovationskraft zu tun. Der Ausdruck „große Gedanken“ deckt diese Dimension des Wörtchens „groß“ im Deutschen so ein bisschen mit ab, aber als Übersetzung ist er wiederum viel zu vergeistigt: Bei „think big“ geht es immer auch um praktische Umsetzung.

In dieser Ausgabe
der E-HEALTH-COM denken wir groß und schauen in zahlreichen Artikeln über den nationalen Tellerrand hinaus, nach China, Israel, Eritrea und – bei den Themen Künstliche Intelligenz und Vorhofflimmern-Screening – unter anderem in die USA. Dieser Blick in die Ferne ist in Zeiten, in denen die Gefahr besteht, dass Patientenakten in Deutschland eine rein selbstverwaltungsinterne Angelegenheit werden könnten, sicher angebracht. Die Bemühungen des Bundesgesundheitsministeriums um raschen Fortschritt bei der Digitalisierung sind aller Ehren wert. Aber wenn dieser rasche Fortschritt um der schieren Geschwindigkeit Willen ausschließlich an den in Bundesmantelvertragskonsensen erprobten Linien des geringsten politischen Widerstands entlang ausgerichtet wird, besteht die Gefahr, dass sich das deutsche Gesundheitswesen am Ende doch wieder international isoliert.

Es mag schon sein
, dass sich die Selbstverwaltung unter neuer politischer Führung jetzt zügig auf Smartphone-Safes für PDF-Dokumente verständigt. Aber das ist nun wirklich nicht mehr das, worüber sich innovative Gesundheitssysteme im Jahr 2018 Gedanken machen. Bei denen, die wirklich vorne mitspielen, geht es um Daten, und wer mit Daten hantieren will, braucht Datenpolitik. Die fehlt in Deutschland an allen Ecken und Enden, und speziell im Gesundheitswesen geht sie weit über das Thema Abrechnungsdaten und damit den Kompetenzbereich der Bundesmantelvertragspartner hinaus. Es ist nicht so, dass die Politik das nicht sieht. Die mit viel Täterätä gestartete Hightech-Strategie der Bundesregierung will bekanntlich Versorgungs-ePAs auch für die Forschung nutzbar machen. Wenn jetzt noch die Erkenntnis reift, dass das ohne übergreifende Datenpolitik nie und nimmer funktionieren wird, dann und erst dann wären wir einen echten Schritt weiter. Bisher sind wir noch bei den „großen Gedanken“. Von „think big“ sind wir noch weit entfernt.
 

Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM
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