Editorial

Mut zu Europa


Für deutsche Gesundheitspolitiker ist die EU oft eher ein Feindbild als ein Verbündeter. Dass die Gestaltung des Gesundheitswesens gemäß EU-Verträgen Sache der Mitgliedsstaaten ist, wird in Berlin mitunter so interpretiert, als sei jede Erwähnung des Begriffs „Health“ durch die EU-Kommission eine Art Majestätsbeleidigung. Deutlich wurde das einmal mehr bei der Erö…nung des Deutschen Ärztetags in Erfurt, wo Ärztepräsident Montgomery Beifall heischend wie wild auf die EU-Kommission eindrosch, nur weil die – völlig zu Recht – das auch für eHealth-Anwendungen zunehmend relevante Health Technology Assessment vereinheitlichen möchte.

DEUTSCHLAND UND DIE EU: CLEVER IST ANDERS
Ein Nebenprodukt der deutschen EU-Skepsis beim Thema Gesundheit ist ein demonstratives Desinteresse an gesundheitsbezogenen Digitalisierungsprojekten. Deutschland hat bei der Etablierung von europäischem Patient Summary und E-Rezept nur zugesehen, obwohl in diesen Projekten viele Dinge vorweggenommen werden, bei denen ohnehin jedem klar ist, dass auch Deutschland daran auf Dauer nicht vorbeikommen wird.

Die jetzt vorgelegte Mitteilung der EU-Kommission zum Gesundheitswesen in der digitalen Gesellschaft liest sich entsprechend deprimierend. Acht bis neun europäische Staaten starten 2018 mit dem  Austausch von Patient Summaries und E-Rezepten. Deutschland ist nicht dabei, und unter den 22 Ländern, die bis zum Jahr 2020 dazukommen sollen, steht Deutschland nur, weil jemand beide Augen zugedrückt hat. Als nächstes wird die EU-Kommission ein europäisches Austauschformat elektronischer Patientenakten spezi˜zieren. Eines ist klar: Irgendwelche deutschen Selbstverwaltungsstandards  werden das nicht sein.

Dabei wäre es relativ einfach. Die EU zwingt niemanden, bei ihren Bemühungen um eHealth  mitzumachen, sie bietet sich vielmehr als eine Art „positiver Sündenbock“ an: Dinge, die national  schwer durchsetzbar sind, können mit Verweisen auf die EU vorangetrieben werden.  Gesundheitspolitiker können die EU also nicht nur inhaltlich, sondern auch psychologisch für die IT- Modernisierung nutzen. Das kapiert in Deutschland nur keiner. Stattdessen wird überall, wo Populismuspünktchen zu erzielen sind, auf Brüssel eingedroschen. Und nachher wundern sich alle, dass rings um uns herum alle schneller sind.


Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM
redaktion@e-health-com.eu