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Plattform meets Pharma

Digitalisierung muss Spaß machen – auch in der Medizin. In Berlin traf eine Managerin von Meta auf eine solche von MSD. Es ging um Digitalpolitik, mangelnde Usability und das Metaverse.

Bild: © ipopba – stock.adobe.com, 468095203, Stand.-Liz.

„Haben wir wirklich schon begriffen, worum es geht?“ – Guter Anfang für einen Kaminabend zur digitalen Gesundheit, bei dem sich in Berlin Angelika Gifford, Vizepräsidentin EMEA bei dem Plattformgiganten Meta, ehemals Facebook, und Chantal Friebertshäuser, Geschäftsführerin bei dem Pharmakonzern MSD Deutschland, gegenübersaßen. Auf den ersten Blick sehe es ganz gut aus mit der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens, sagte Gifford. Zumindest Videosprechstunden seien im medizinischen Portfolio angekommen. So weit sind mach andere Branchen noch nicht. Klar sei aber auch: „Wir haben im Bereich Gesundheitsdaten Schätze im Keller liegen, die wir heute noch nicht nutzen.“

 

Wo ist die Booster-Impfung auf einen Klick?

Beim Stichwort Gesundheitsdatennutzung dreht die Ampel-Koalition bekanntlich mit ihrem geplanten Gesundheitsdatennutzungsgesetz an einem großen Rad. Die digitale Forschung an riesigen Datenmengen ist für Friebertshäuser aber eher der zweite oder dritte oder vierte Schritt. Viel geholfen wäre dem Gesundheitswesen schon, wenn Menschen sich in ihm zwanglos digital bewegen könnten. Dazu braucht es nicht so sehr hoch standardisierte, strukturierte Daten, jedenfalls nicht am Anfang. Um medizinische Digitalisierung greifbar zu machen, würde es schon reichen, wenn eher einfache Dinge umgesetzt würden. Eine durchgehende digitale Präventionskette bei den Covid-Boostern wäre ja schon mal was: Erinnerung der Zielgruppe, für die ein Booster ansteht, direkt Terminvereinbarung auf einen Klick – und das alles in der kompletten Breite der Versorgung. Das geht auch fantasievolle FHIR-Tools für digital Fortgeschrittene.

 

MSD ist eines der Pharmaunternehmen, die sich der Digitalisierung unter anderem über das Thema Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) nähern. Ein aktuelles Steckenpferd dabei ist eine App für die Therapiebegleitung bei Krebspatient:innen: „Wir wissen aus Studien, dass Krebspatient:innen, die während der Therapie eine professionelle Begleitung erhalten, am Ende länger leben“, so Friebertshäuser. Dieses Konzept will das Pharmaunternehmen bei den mit seinen Krebsmedikamenten behandelten Patient:innen umsetzen – mit dem Ziel, die Behandlungsergebnisse und vor allem auch die Lebensqualität zu verbessern.

 

DiGAs: Das Kreuz mit den Datenschutzvorgaben

Das Beispiel zeigt freilich auch die Probleme vor denen digitale Innovatoren in Deutschland weiterhin stehen. Die DiGAs gelten als ein Feld, auf dem Deutschland anderen voraus ist. Allerdings sind die Beschränkungen, die Apps auferlegt werden, wenn sie den DiGA-Weg gehen wollen, doch erheblich. Aus Sicht von MSD geht es dabei nicht so sehr um Evidenz und Studien, auch nicht um Vermarktung in Richtung Leistungserbringer. Das ist Brot-und-Butter-Geschäft für Big Pharma. Das Problem ist eher, dass letztlich datenschutzbedingte Beschränkungen bei der Gestaltung der Apps dazu führen, dass interaktive, intuitive Mobilanwendungen gar nicht so ohne weiteres möglich sind – schon weil bestimmte Funktionen der Mobilplattformen von Apple und Google schlicht nicht genutzt werden dürfen.

 

Angelika Gifford sieht das Problem auch: Was helfe, sei Dialog. Immer wieder. „Wir müssen einen rechtlichen Rahmen schaffen, der die Dinge ordnet, aber auf keinen Fall Innovation behindert.“ Meta/Facebook hat bei diesem Dialog zwangsläufig exzessive Erfahrungen – die Moderation von Inhalten und das durch die Schrems-Urteile omnipräsente Megathema transatlantischer Datenaustausch sind nur die prominentesten Beispiele für solche Dialogfelder. Gifford wies noch darauf hin, dass das in anderen Branchen gar nicht so anders ist: Es müsse überall ein Modus Operandi gefunden werden, der funktioniere. Beispiel Autobranche und Schrems II: „Wenn BMW in South Carolina nicht mehr mit BMW in Bayern Daten austauschen kann, dann müssen wir das ändern. Dann braucht es Regelungen, die das ermöglichen.“

 

Alles meta oder was?

Wer mit einer Vertreterin von Meta redet, der muss auch über das Metaversum reden. Metaversum, das sei schlicht und einfach der Begriff für die nächste Generation Internet, so Gifford, jenes neue Internet, in das die Menschen immersiv eintauchen. „Das Metaversum ist kein Produkt von Meta“, stellte die Managerin klar, und weiter: „Wir sind überzeugt, dass sich die Technologie in diese Richtung entwickelt. Es geht beim Metaversum nicht um mehr Zeit online, sondern um ein besseres Erlebnis für die Online-Zeit.“

 

Was die konkreten Inhalte des Metaversums angeht, blieb auch diese Diskussion vage. Schulklassen, die virtuell durch Paris laufen, statt die Stadt live zu besuchen, dürften nicht ganz reichen, um den Aufwand zu rechtfertigen. Und die von Gifford genannten, virtuellen Trainingsräume für Chirurg:innen gab es schon, bevor es den Begriff Metaversum gab. Aber man wird ja wohl mal träumen dürfen.

 

„Ein bisschen unambitioniert“

Zu einem Kamingespräch gehören Wünsche an die Politik, und die gab es sowohl von Gifford als auch von Friebertshäuser. Gifford findet den Koalitionsvertrag der Ampel-Koalition in Sachen Digitalisierung „ein bisschen unambitioniert“. Insbesondere die Potenziale der Digitalisierung in der Bildung müssten mehr adressiert werden. „Wir sollten auch genauer hinschauen, was Digitalisierung im Bereich Umwelt und Klimawandel tun kann. Wenn wir stärker digitalisieren, können wir den CO2-Ausstoß senken, da gibt es dezidierte Daten zu.“

 

In Sachen Medizin und Gesundheit wünscht sich Friebertshäuser, dass die Politik weg kommt von primär technologischen Diskussionen. Eher sollten ambitionierte Gesundheitsziele formuliert werden, etwa eine Verringerung der Krebsfälle, um dann auf dieser Basis zu diskutieren, wie Digitalisierung konkret zu diesen Zielen beitragen kann. Im nahezu letzten Satz von Friebertshäuser kam dann auch die elektronische Patientenakte zu ihrem Recht: „Die ePA sollten wir bitte einfach machen. Mit Opt-out. Jetzt.“