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Medizin |

Wenn das Gespräch vorbei ist, die Situation aber nicht

Ein KI-gestützter Reflexionsraum soll Fachkräften in der Suchthilfe ein Gegenüber bieten, wenn ein Fall nachwirkt und gerade niemand zum Austausch verfügbar ist. EIne Pilotphase wirft Fragen auf, die weit über die Technik hinausgehen.

Bild: © StockPhotoPro – stock.adobe.com, 1967152946, Stand.-Liz.

Abhängigkeitserkrankungen führen Fachpersonen in hochsensible Vertrauensräume und mitunter an die Grenzen des eigenen Verstehens: Das Gespräch ist vorbei. Aber irgendetwas daran bleibt. Vielleicht war da viel Ambivalenz. Vielleicht ist etwas in der Beziehungsdynamik gekippt. Vielleicht merkt die Fachkraft erst danach, dass sie selbst ungeduldig geworden ist, sich geärgert hat oder unsicher ist, ob ihre Einschätzung richtig war. Eigentlich wäre jetzt ein Gegenüber hilfreich. Jemand, der nicht unbedingt die Antwort gibt, sondern nachfragt. Der hilft, einen Schritt zurückzutreten, eine andere Perspektive einzunehmen oder einen Gedanken zu sortieren. Nur ist diese Person nicht immer genau dann verfügbar, wenn sie gebraucht wird.

 

Zwei Perspektiven auf dieselbe Lücke

An diesem Punkt begann für uns die Arbeit an einem KI-gestützten Reflexionsraum für Fachkräfte in der Suchthilfe. Wir kamen dabei aus unterschiedlichen Richtungen. Carolin Schürmann beschäftigt sich als Fachbuchautorin, Coach und Peer-Expertin seit vielen Jahren mit Sucht, Stigmatisierung und der Frage, welche Bedingungen Offenheit und Reflexion im professionellen Umgang mit Abhängigkeit ermöglichen. Dolf Schäffel kommt aus der Healthcare-Kommunikation und beschäftigt sich mit der Frage, wie Gespräche gestaltet sein müssen, damit aus einem technischen System tatsächlich ein hilfreiches Gegenüber werden kann.

Uns verband eine zunächst einfache Frage: Welche Rolle kann KI in professionellen Reflexionsprozessen sinnvoll übernehmen? Die Antwort darauf sollte ausdrücklich nicht lauten: menschliche Supervision, kollegialen Austausch oder professionelle Urteilskraft ersetzen. Interessanter erschien uns die Lücke dazwischen – der Moment, in dem ein Gegenüber die Reflexion unterstützen könnte, aber gerade niemand dafür zur Verfügung steht.

Ein KI-basierter Reflexionsraum: Widerspruch erwünscht

Der Reflexionsraum ist eine KI-Anwendung, mit der Fachkräfte per Sprache in einen strukturierten Reflexionsdialog treten können. Nach einer explorativen Pilotphase wird die Anwendung derzeit für den weiteren Einsatz und die Zusammenarbeit mit Einrichtungen weiterentwickelt. Beim Entwickeln wurde aus der großen Frage eine konkretere: Wie muss ein KI-System kommunizieren, damit Reflexion des eigenen professionellen Handelns entstehen kann? Daraus haben wir drei Prinzipien für die Gesprächsführung abgeleitet. Das System soll einordnen und nachfragen, Perspektiven öffnen und Muster sichtbar machen – und Bewertungen nicht reflexhaft übernehmen, sondern hinterfragen.

 

Unsere Designannahme lautet deshalb: Ein guter Reflexionsraum darf widersprechen. Nicht, um Recht zu haben. Sondern dann, wenn eine begründete Irritation die Reflexion weiterführt. Diese Haltung scheint für Fachkräfte relevant zu sein. Eine Person hob im Feedback gerade den Unterschied zu generischen KI-Systemen hervor: Positiv sei, dass der Reflexionsraum widerspreche und „klare Kante“ gebe. Ein klinischer Tester beschrieb die Rückmeldung als „wohlwollend, aber korrigierend“.

Dahinter steckt mehr als ein Sprachmodell. Die technische Basis wird mit einer kuratierten fachlichen Wissensbasis und einer eigenen Gesprächsarchitektur verbunden. Das System stellt Rückfragen, eröffnet alternative Perspektiven und prüft eingebrachte Annahmen; die fachliche Bewertung bleibt bei der Fachkraft. Ziel ist nicht ein System, das zu jeder Frage möglichst schnell eine Antwort produziert. Es soll das Gespräch so führen, dass die Reflexion bei der Fachkraft bleibt.

 

Von Mai bis August 2026 haben wir den Reflexionsraum in einer explorativen, qualitativen und naturalistischen Pilotphase mit Early Adopters getestet. Dabei haben wir bewusst keine Fälle oder Nutzungsszenarien vorgegeben. Die Fachkräfte entschieden selbst, worüber sie sprechen wollten.

 

Die Teilnehmenden wurden auf der Landingpage darüber informiert, dass Gespräche in der Pilotphase ausschließlich zu Forschungs- und Entwicklungszwecken ausgewertet werden. In der Pilotphase entstanden insgesamt 40 Gesprächstranskripte. Für die vertiefende systematische Auswertung wurde ein Korpus von 35 Gesprächen codiert und analysiert. Ergänzend wurden strukturierte Feedbacks erhoben. Die Ergebnisse sind ausdrücklich explorativ. Sie dienen der Hypothesenbildung und sind kein Wirksamkeitsnachweis.

Was passiert, wenn man die Nutzung nicht vorgibt?

Im Zentrum der Auswertung stand zunächst eine einfache Frage: Wofür nutzen Fachkräfte einen solchen Raum, wenn niemand ihnen sagt, wofür sie ihn nutzen sollen? Die deutlichste Antwort: für konkrete Fälle. 57 Prozent der ausgewerteten Gespräche waren Fallreflexionen. Methodenfragen machten 17 Prozent aus, die emotionale Verarbeitung 11 Prozent. Weitere 9 Prozent betrafen Systemfragen, 6 Prozent waren Grenztests des Systems. Auffällig war außerdem, dass mehrere Gespräche am Abend oder in der Nacht geführt wurden. Daraus lässt sich nicht ableiten, warum die Fachkräfte gerade zu diesen Zeiten den Reflexionsraum nutzten. Es passt aber zu jener Ausgangssituation, aus der das Projekt entstanden ist: Reflexionsbedarf hält sich nicht zwangsläufig an Besprechungszeiten.

Diese ersten Beobachtungen wurden am 23. September 2026 auf dem Deutschen Suchtkongress in Hamburg präsentiert und zur Diskussion gestellt. Der Beitrag war Teil des gemeinsam mit Dr. Christian Lorenz von der Schweizer Forel Klinik und Johannes Senesi von den Psychiatrischen Diensten Aargau (PDAG) entwickelten Symposiums „Integrative Suchtbehandlung im Wandel“. Lorenz leitet den Medizinisch-Therapeutischen Bereich der Forel Klinik, Senesi ist Psychologe und Studienkoordinator am Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der PDAG. Das Symposium nahm Bruchstellen in der Versorgung aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick – von Peer Assistance und integrativer Suchttherapie über Intensive Case Management bis zum KI-gestützten Reflexionsraum für Fachkräfte.

 

Aus einer Frage wird Sparring

Wir haben uns auch angeschaut, wie sich die Gespräche entwickelten. In 80 Prozent der systematisch ausgewerteten Gespräche entstand im Gesprächsverlauf das, was wir als Sparring beschreiben. Wie dieses Sparring aussieht, hängt vom eingebrachten Kontext ab. Bei einer allgemeinen Frage – etwa „Wie gehe ich mit Ambivalenz um?“ – ordnet das System zunächst ein, konkretisiert und versucht, zum konkreten Fall zu führen.


Bringt die Fachkraft dagegen bereits eine Beziehungsdynamik mit – etwa: „Er will, dass ich es für ihn löse“ –, kann das System unmittelbar ein Muster benennen und die Frage zurückgeben. In einem Test wurde genau diese Entwicklung als Unterschied zu einem generischen LLM beschrieben: Dort entstehe nicht nur eine Zusammenfassung bereits vorhandener Gedanken. Das Gespräch entwickele sich weiter und eröffne Abzweigungen. Unsere derzeitige Arbeitsthese lautet deshalb: Professionelle Reflexion mit KI braucht nicht mehr Antworten, sondern kontextabhängiges Sparring.


„Ich bin so fasziniert.“

Manche Momente in der Pilotphase lassen sich mit Prozentwerten nur unzureichend beschreiben. In einem Gespräch brachte eine Fachkraft einen komplexen Rückfall nach längerer Abstinenz ein. Während des Gesprächs verließ die Fachkraft plötzlich die Fallebene und sagte spontan: „Ich bin so fasziniert“. In einem anderen Test ging es um die Frage nach funktionalem Cannabiskonsum und möglicher psychischer Abhängigkeit. Statt die Konsumfrage vorschnell aufzulösen, verschob das System den Blick auf die Mutter-Sohn-Dynamik und öffnete damit eine weitere Perspektive auf den Fall. Bemerkenswert war gerade dieses Nicht-Vereinfachen.

Solche Einzelbeobachtungen sind kein Beleg für Wirksamkeit. Aber sie helfen zu verstehen, welche Elemente Fachkräfte in diesen Gesprächssituationen als relevant erlebten: nicht eine fertige Lösung, sondern Einordnung, Gegenposition und die Entwicklung des eigenen Gedankens.

Die vielleicht interessantere Beobachtung

Bei der Analyse fiel noch etwas auf. In 74 Prozent der ausgewerteten Gespräche wurden Themen identifiziert, die in einem kollegialen Rahmen möglicherweise schwerer anzusprechen wären: eigene Überforderung, Unsicherheit gegenüber Kolleginnen und Kollegen oder eigene emotionale Reaktionen. Das ist aus unserer Sicht einer der interessantesten Befunde der Pilotphase – gerade weil wir noch nicht wissen, wodurch er zustande kommt.

 

Trägt die besondere Gesprächssituation mit einer KI dazu bei, dass solche Themen angesprochen werden? Spielen wahrgenommene Sicherheit oder fehlende soziale Bewertung eine Rolle? Verändert sich Selbstoffenbarung, wenn das Gegenüber kein Mensch ist? Oder sehen wir vor allem einen Effekt der selbstselektierten Gruppe, die bereit war, ein solches System überhaupt auszuprobieren?

 

Interesse ist noch keine Nutzung

Die Rückmeldungen aus der Pilotphase zeigen eine hohe Bereitschaft, den Reflexionsraum erneut zu nutzen. Gleichzeitig haben wir eine zweite Beobachtung gemacht: Interesse und tatsächliche Nutzung sind nicht dasselbe. Ein klinischer Tester, der den Reflexionsraum nach mehreren Testläufen selbst weiter nutzen würde, beschrieb für Kolleginnen und Kollegen eine sehr alltägliche Hürde: das „Hamsterrad“ des Klinikalltags. Der Reflexionsraum wurde intern vorgestellt und stieß auf Interesse – trotzdem entstand daraus nicht automatisch der Schritt zum eigenen Ausprobieren.

 

Damit rückt für die weitere Entwicklung eine andere Frage in den Vordergrund: Was braucht es, damit aus Interesse tatsächliche Nutzung wird? Unsere bisherige Hypothese: Eine mögliche Hürde liegt bereits vor dem ersten Gespräch – beim Schritt vom grundsätzlichen Interesse zur Bereitschaft, einen eigenen konkreten Fall tatsächlich mit einer KI zu reflektieren. Für die weitere Entwicklung wird deshalb nicht nur entscheidend sein, wie der Reflexionsraum funktioniert, sondern auch, wie er sich sinnvoll in Situationen und Strukturen des Arbeitsalltags integrieren lässt.

 

Zwei Fragen bleiben

Nach der ersten Pilotphase stehen deshalb zwei Fragen im Mittelpunkt. Zum einen: Was begünstigt professionelle Offenheit in dieser besonderen Gesprächssituation? Welche Rolle spielen Selbstoffenbarung, wahrgenommene Sicherheit und die Tatsache, dass das Gegenüber eine KI ist? Zum anderen geht es um die Anwendung: Wie kommt ein KI-gestützter Reflexionsraum sinnvoll in die Versorgung? In welchen Situationen entsteht tatsächlicher Bedarf – und welche Zugänge, Rahmenbedingungen und Formen der Implementierung braucht es, damit daraus ein tatsächlich genutztes Instrument wird?

Deshalb suchen wir den Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ebenso wie mit Fachkräften und Einrichtungen aus der Praxis, die den weiteren Einsatz des Reflexionsraums mit uns gestalten und diese Fragen gemeinsam weiterentwickeln wollen. Denn vielleicht beginnt die interessanteste Rolle von KI in der professionellen Suchtarbeit nicht dort, wo sie eine bessere Antwort kennt. Sondern dort, wo sie dabei hilft, eine bessere Frage zu stellen.

 

 

Autor:innen:

Dolf Schäffel, Gründer Accelerator Collective

E-Mail: dolf.schaeffel(at)accelerator-collective.com   

 

Carolin Schürmann

Strategist, Accelerator Collective; Gründerin Gerty Nuss

E-Mail: caro(at)gertynuss.de

 

Weitere Informationen:

Website zum KI-gestützten Reflexionsraum mit Möglichkeit zum Testzugang: www.reflexionsraum.ai