Besser vorbereitet ins Arztgespräch? Viele Patient:innen setzen das schon heute um, indem sie die ihnen zur Verfügung stehenden und für sie oft kryptischen medizinischen Befunde in einen Chatbot wie ChatGPT oder Claude einfüttern, um sie sich erläutern zu lassen. Ideal sei das nicht, so der Neurochirurg PD Dr. Witold Polanski vom Universitätsklinikum Dresden im Gespräch mit E-HEALTH-COM. Zwar seien die initialen Erklärungen, die konventionelle Chatbots generieren, in sehr vielen Fällen mehr oder weniger korrekt. Sobald die Patient:innen aber nachfragen, fange der Bot doch häufiger an zu halluzinieren. Am Ende ist die Verwirrung mitunter größer als vorher.
KI-Agenten überprüfen sich gegenseitig
Hier setzt das Unternehmen Simply Onno an, das Polanski mitgegründet hat. Die Simply Onno Anwendung nutzt Sprachmodelle, um medizinische Befundberichte und andere medizinische Textdokumente in laienverständliche Sprache zu übersetzen. Von konventionellen Chatbots grenzt sich das Angebot zum einen dadurch ab, dass keine Nachfragen möglich sind, was das Risiko von Halluzinationen reduziert. Zum anderen gibt es bei jedem generierten Dokument automatische Kontrollen, bevor der Patient oder die Patientin es zu Gesicht bekommt.
Konkret überprüfen fünf andere KI-Agenten, denen jeweils unterschiedliche KI-Modelle zugrunde liegen, die laienverständliche Zusammenfassung des ersten KI-Modells auf Fehler. „Nur wenn keine Fehler gefunden werden, geht das Dokument raus“, betonte Polanski. Das Ganze ist natürlich auch datenschutzkonform: Die Cloud-Verarbeitung erfolgt gemäß EU-Recht. Nutzer:innen werden gebeten, persönliche Informationen abzudecken, bevor die Dokumente eingescannt werden. Zusätzlich gibt es auch noch eine technische Anonymisierung.
Gespräche werden kürzer und besser
Wie sich solche KI-Übersetzungen auf Arzt-Patienten-Gespräche auswirken, das haben Polanski und seine neurochirurgischen Kolleg:innen aus Dresden jetzt in der randomisierten, monozentrischen AI-INFOCARE Studie überprüft, die aktuell in der Fachzeitschrift NEJM AI veröffentlicht wurde. Das Szenario war das einer neurochirurgischen Erstkonsultation: Patient:innen hatten wegen entsprechender Symptome oder eines entsprechenden Verdachts eine Diagnostik, meist eine Schädel-MRT, erhalten. In der Folge war ein erstmaliger Termin in der neurochirurgischen Ambulanz vereinbart worden, um den Befund und das weitere Vorgehen zu besprechen.
„Das waren ganz unterschiedliche Patientinnen und Patienten“, so Polanski. „Am häufigsten waren Wirbelsäulenprobleme, Hirntumore, Aneurysmen und unklarer Kopfschmerz.“ Bei der Einschreibung für die Studie mit Terminvereinbarung für die neurochirurgische Konsultation erfolgte eine Randomisierung: Die Hälfte der insgesamt 300 Patient:innen erhielt vorab eine mittels Simply Onno KI-generierte Übersetzung ihres Befunds in die Hand gedrückt mit der Bitte, sie vorab zu lesen. Die andere Hälfte kam unvorbereitet in den Termin bzw. blieb diesbezüglich sich selbst überlassen. Tatsächlich, so Polanski, hätten rund zwei Drittel der Studienteilnehmer:innen beider Gruppen im Nachgang angegeben, dass sie vor dem Gespräch selbst im Internet recherchiert haben.
Primärer Endpunkt der AI-INFOCARE Studie war der FAPI-Score, ein Fragebogen, mit dem Patient:innen die Qualität der Arzt-Patienten-Interaktion bewerten. Sekundär wurde u.a. die Konsultationsdauer gemessen. Im Ergebnis bewerteten die per KI-Übersetzung vorbereiteten Patient:innen die Gespräche signifikant besser. Und gleichzeitig war die Gesprächsdauer mit im Mittel 25 statt 33 Minuten rund ein Fünftel kürzer, auch das war signifikant.
Die Ärztinnen und Ärzte wurden ebenfalls mit standardisierten Fragebögen danach gefragt, wie sie die Gespräche erlebt hätten. „Es war schon so, dass die Gespräche mit vorbereiten Patientinnen und Patienten als anstrengender empfunden wurden,“, so Polanski, „wahrscheinlich, weil tiefgründiger nachgefragt wurde. Am Ende waren die Gespräche aber trotzdem effizienter und kürzer. Das hatte ich so nicht erwartet.“
Investoren gesucht für den nächsten Schritt
Was die Umsetzung in der Versorgung angeht, setzen die Dresdener bisher auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Aktuell werden pro Tag 200 bis 300 medizinische Befunde zusammengefasst bzw. laienverständlich übersetzt. Dies ist in der Basisversion über die Simply Onno Webseite derzeit kostenlos, wer ausführliche Erläuterung möchte, zahlt einen kleinen Betrag. Auf diese Weise seien die Betriebskosten abgedeckt, so Polanski, mehr aber auch nicht.
Gespräche mit Krankenkassen und auch Universitätskliniken zu möglichen institutionellen Kooperationen laufen, spruchreif ist aber noch nichts. Aktuell suchen die Dresdener nach Investoren, um ihre Anwendung weiterzuentwickeln. Aus dem webbasierten Übersetzungs-Service soll ein App-basierter Patient Companion werden, der deutlich mehr leistet als eine reine Befundübersetzung – und der dann auch jene interaktiven Chat-Funktionen anbieten soll, um die bisher noch ein Bogen gemacht wird.
Weitere Informationen:
Originalpublikation der AI-INFOCARE Studie
