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BtM goes Blockchain: „Zentrale Superbehörde ist unwirtschaftlich“

Irina Hardt und Dr. Christian Sigler (l.): Gewinner des BMG-Ideenwettbewerbs zu Blockchain im Gesundheitswesen, Foto: BMG

Wird das Betäubungsmittelrezept zur Killer-Anwendung für die Blockchain in der Medizin? E-HEALTH-COM hat bei den Siegern der Zukunftswerkstatt Blockchain des Bundesgesundheitsministeriums nachgefragt.

 

Ende Februar wurden die Sieger des seit Herbst 2018 laufenden Ideenwettbewerbs Blockchain im Gesundheitswesen des BMG auf einer Zukunftswerkstatt prämiert. Auf den ersten Platz gewählt wurde dabei das Projekt eBTM von Irina Hardt, einer Beraterin bei McKinsey, und Dr. Christian Sigler von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie der Charité Berlin.

 

Die Beraterin und der Arzt schlagen vor, die bisher rein papierbasierten Prozesse bei der Verschreibung von Betäubungsmitteln mit Hilfe einer Blockchain zu digitalisieren. In einem derartigen dezentralen Netzwerk kann jeder Teilnehmer – Arztpraxen, Apotheken, Aufsichtsbehörden – jeden anderen kontrollieren, so dass keine zentrale Kontrollinstanz mehr notwendig ist. Die Nutzdaten können trotzdem vertraulich verwaltet und damit die Privatsphäre der Patienten geschützt werden.

 

Alle Teilnehmer im Netzwerk weisen sich durch digitale Signaturen zweifelsfrei aus. Patienten werden durch Gesundheitskarte oder Personalausweis identifiziert, und das abzugebende Medikament wird mit Hilfe eines Barcodes erfasst. Die Ausgabe der Packung wird nach dem Scannen des Barcodes manipulationssicher in der Blockchain gespeichert, so dass kein zweites Einlösen desselben Rezepts möglich ist.

 

„Eine zentrale Superbehörde ist unwirtschaftlich“

Warum könnte die Blockchain-Technologie ausgerechnet bei der Verordnung von Betäubungsmitteln Sinn machen? Und wie kommt man überhaupt auf so eine Idee? Ein Interview mit den beiden Siegern der Zukunftswerkstatt Blockchain des Bundesgesundheitsministeriums.

 

Wie sind Sie beide in Kontakt mit der Blockchain-Technologie gekommen?

Als Wirtschaftsinformatikerin mit Fokus auf eGovernment arbeitet Irina an technologischen Antworten für gesellschaftliche Herausforderungen. Aktuell promoviert sie am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik in Regensburg zum Thema eGovernment und beschäftigt sich unter anderem mit Explainable AI. In ihrer Arbeit als Beraterin bei McKinsey hat sie sich auf Cybersicherheit fokussiert und hier Erfahrungen mit der Blockchain-Technologie gesammelt. Christian hatte vor der Ausschreibung keinen beruflichen Kontakt mit Blockchain, aber ist durch seine Arbeit in der Onkologie auf das Anwendungsfeld im Betäubungsmittelbereich gestoßen.

 

War eBtM Ihre erste Projektidee?

Ja, tatsächlich, und unsere Motivation, bei der Ausschreibung mitzumachen. Wir haben die Zukunftswerkstatt eher zufällig entdeckt und sind sehr schnell auf den Anwendungsfall im Betäubungsmittelbereich gekommen. Diese Idee hat uns begeistert und zur Teilnahme bewegt. Daher arbeiten wir jetzt auch direkt an der Konzeptumsetzung.

 

Die Bundesopiumstelle hat für die BtM-Rezepte schon 2003 ein digitales Verfahren gefordert. Warum gibt es das auch 2019 noch nicht?

Leider hinkt Deutschland besonders im Bereich digitale Gesundheit weit hinterher. Im Betäubungsmittelverkehr kommt hier vielleicht noch das Problem einer ungenügenden Datenlage über die Anzahl an Missbrauchsfällen hinzu.

 

Was sind die Vorteile der von Ihnen vorgeschlagenen Lösung gegenüber einer zentralisierten Lösung, die z.B. von der Bundesopiumstelle kontrolliert würde?

Wenn wir Substanzen kontrollieren wollen, die jeden von uns süchtig machen können, kann keiner zentralen Instanz und keinem Einzelakteur vertraut werden. Das scheint auch die Intention des Gesetzgebers zu sein, ein dezentrales Verfahren zu etablieren. Neben den Sicherheitsbedenken erscheint es auch unwirtschaftlich, die Bundesopiumstelle als zentrale Superbehörde auszubauen. Ein dezentrales Netzwerk, gesichert durch das Datenmodell der Blockchain-Technologie, kann den Prozess am sichersten und effizientesten auf eine digitale Ebene bringen.

 

Den Text schrieb und das Interview führte E-HEALTH-COM-Autorin Dr. Christina Czeschik. Sie war auch Mitglied der Jury bei der BMG-Zukunftswerkstatt.

 

Dr. Christina Czeschik