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Medizin |

Digitale Prävention: Darmkrebs und mehr?

Krankenkassen bieten ihren Versicherten zunehmend App-basierte Vorsorgepfade für Darmkrebs an. Folgen bald auch Labor-Screenings?

Tasso-System: Das Device wird auf den Oberarm aufgeklebt und entnimmt über einen mikronadelbasierten Mechanismus unter leichtem Vakuum schonend eine kleine Blutmenge, die anschließend gesammelt wird. Bild: © Tasso

Screening und Früherkennung gelten als ein Weg, Bevölkerungen nicht nur gesünder, sondern Gesundheitssysteme auch finanziell nachhaltiger zu machen. Aktuell wird in Deutschland beispielsweise das Lungenkrebs-Screening für Risikogruppen – vulgo starke Raucher:innen – eingeführt. Es soll, so die Hoffnung, den Menschen nicht nur schwere Verläufe von Krebserkrankungen ersparen, sondern auch Kosten reduzieren. Denn im Rahmen eines solchen Screenings wird der Großteil der Tumore in frühen Stadien entdeckt, und die Behandlung ist dann im besten Fall kostengünstiger.

 

Umso problematischer, dass die Teilnahmeraten bei praktisch allen Früherkennungsuntersuchungen nicht optimal ist. Allenfalls beim Zervixkarzinom werden derzeit etwa 80 % erreicht. Bei anderen Indikationen sind es deutlich weniger, teilweise allerdings auch abhängig davon, wie gerechnet wird. Aktuelle Zahlen, die das DKFZ kürzlich kommunizierte, besagen, dass 22,9 % der Männer und 55,5 % der Frauen im Alter zwischen 50 und 54 Jahren mindestens einmal einen Stuhltest auf okkultes Blut gemacht haben. Die Koloskopie-Quoten sind deutlich niedriger.

 

Von Klick bis Befund in wenigen Tagen

Digitalisierung wird die Quoten nicht im Alleingang nach oben treiben, aber sie könnte dazu beitragen. Im Gespräch mit E-HEALTH-COM berichtete Dr. Michael Bonin, CSO der CKM Group und Geschäftsführer des HTS Labs in Neu-Isenburg, von den Bemühungen der Krankenkassen, die Nutzerquoten beim immunologischen Test auf Blut im Stuhl (FOBT) mit Hilfe der Krankenkassen-Apps und anderer digitaler Strategien zu erhöhen. Bonins Unternehmen ist einer der Dienstleister in diesem Bereich. Zu den Kunden gehören die AOK Baden-Württemberg und die KKH.

 

Ziel sei, es den Versicherten sehr einfach zu machen, an der Früherkennung teilzunehmen, so Bonin. Im ersten Schritt muss niemand dafür zum Arzt oder zur Ärztin gehen. Typische Angebote sehen so aus, dass die Versicherten per Klick auf eine Kachel zu einer Landing Page kommen, wo sie Kontaktdaten und ggf. Versichertennummer angeben müssen. Das war es schon, eine Anleitung samt Test-Kit zur Probengewinnung wird dann über den Dienstleister an die Heimatadresse geschickt. Nachdem die Stuhlprobe zuhause genommen wurde, geht es per Post zurück ins Labor. Einige Tage später wird der Befund dann zum Download zur Verfügung gestellt.

 

Daten zur Effektivität fehlen noch

Solche oder sehr ähnliche Prozeduren würden mittlerweile von der Mehrheit der Krankenkassen entweder schon angeboten oder befänden sich in Etablierung bzw. in Ausschreibung, so Bonin. In seinem eigenen Labor liegt die Positivrate bei den postalischen FOBTs bei 2 bis 3 Prozent. Wie es bei einem positiven Befund weitergeht, ist unterschiedlich. Manche Krankenkassenprogramme hören an dieser Stelle auf und empfehlen lediglich, Arzt oder Ärztin aufzusuchen. Andere unterstützen auch an dieser Stelle und bieten eine assistierte Terminabsprache bei gastroenterologischen Praxen an. Denn auf einen positiven FOBT-Befund folgt in der Regel folgt in der Regel eine weiterführende Abklärung, typischerweise durch eine Koloskopie.

 

Solide Daten dazu, wie effektiv die digital abgewickelte Früherkennung im Vergleich zu klassischen Programmen ist, gebe es bisher noch keine, gab Bonin zu: „Die Daten werden aktuell erst aufgebaut. Was wir aber schon klar sehen: Digitale Angebote erreichen Menschen, die bislang kaum an Vorsorge teilnehmen – also genau die klassischen Vorsorgemuffel. In unseren Programmen zeigt sich beispielsweise eine Beteiligung über alle Altersgruppen hinweg, mit einem Schwerpunkt bei Menschen zwischen 40 und 60 Jahren. Auffällig ist auch, dass wir deutlich mehr Männer erreichen als in klassischen Vorsorgeprogrammen. Das bestätigt unsere zentrale These: das Problem der Prävention ist nicht die fehlende medizinische Evidenz, sondern der Zugang. Wenn man Vorsorge einfach, niedrigschwellig und digital verfügbar macht, dann wird sie auch genutzt.“

 

Bald auch laborwertbasierte Prävention per App?

Spannend wird das Thema digitale Prävention und Früherkennung, wenn man es über den Darmkrebs hinausdenkt. „Wir sehen zum Beispiel bei HPV oder auch Chlamydien interessante Möglichkeiten“, so Bonin. Das wären in diesem Fall genitale Abstrichtests, aber Bonin und andere denken durchaus auch in Richtung blutbasierte Laborwerte.

 

Das Lipoprotein (a) wäre hier ein aus Präventionssicht naheliegender Kandidat. Man könnte aber auch an Leberparameter, Serumkreatinin, LDL-Cholesterin oder den PSA-Wert denken. „Ich denke, es gibt ein gutes Portfolio an prinzipiell möglichen, laborbasierten Präventionsmaßnahmen. Wir sind dazu im Austausch mit mehreren Krankenkassen, das ist aber noch in einem frühen Stadium“, betonte Bonin.

 

Tasso-System schafft viele Messungen auf einmal

Technisch gibt es bei den blutbasierten Biomarkern zwei Möglichkeiten, ein digitales Screening ohne Arztpraxisbesuch umzusetzen. Das eine ist die klassische Lanzettenmethode, bei der Kapillarblut gewonnen wird. Die andere Option sind die etwas teureren, aber sehr viel spannenderen Self-Draw- oder Easy-Draw-Devices. Das bekannteste ist das Tasso-System. Das Device wird auf den Oberarm aufgeklebt und entnimmt über einen mikronadelbasierten Mechanismus unter leichtem Vakuum schonend eine kleine Blutmenge, die anschließend gesammelt wird. 

 

Das Tasso-System hat einige Vorteile. Zum einen ist es schmerzfrei. Zum anderen wird das Blut weniger mechanisch bearbeitet als bei der Kapillarblutentnahme. Das für die Kapillarblutgewinnung nötige Drücken und Pressen kann einige Messwerte verfälschen. Ein weiterer Vorteil von Tasso ist, dass prinzipiell ein ganzer Katalog an Werten bestimmt werden kann. Je nach Szenario könnten mit dem halben Milliliter Blut, der vom Tasso-System entnommen wird, fünf bis zehn unterschiedliche Parameter bestimmt werden, so Bonin. Ein Postversand ist zumindest teilweise möglich, das hängt von der Art der gemessenen Parameter ab. Wie verändert bleibt jedoch die labormedizinische Logik: Die Differenzierung nach Probenmaterialien - etwa Serum, EDTA- oder Heparin-Blut - setzt weiterhin Grenzen für die gleichzeitige Bestimmung beliebiger Werte aus einer einzelnen Probe.