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Health-IT |

„Digitalisierung muss mitgedacht werden“

Der Krankenhaustransformationsfonds (KHTF) nimmt Fahrt auf. Worauf zu achten ist, wenn auch digitale Lösungen gefördert werden sollen, sagt Dr. Viola Henke, Mitglied der Geschäftsleitung bei DMI und stellvertretende Vorstandsvorsitzende beim Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg e.V.).

Dr. Viola Henke ist Mitglied der Geschäftsleitung bei DMI und stellvertretende Vorstandsvorsitzende beim Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg e.V.). Foto: © privat

Die Krankenhäuser durchleben finanziell schwierige Zeiten. Was ist Ihr Eindruck aus IT-Industrie-Perspektive, wie ist die Stimmung mit Blick auf 2026?

Die zentralen Herausforderungen wie der demographische Wandel und der zu finanzierende medizinische Fortschritt werden sich auch 2026 nicht ändern. Dazu kommen Vorgaben für die personelle Ausstattung und die Infrastruktur der Krankenhäuser. Das wird dazu führen, dass die finanzielle Situation der Krankenhäuser auch in diesem Jahr sehr angespannt sein wird. Gleichzeitig sind gerade digitale Lösungen und Services der Schlüssel zur Effizienzsteigerung und Kosteneinsparung, wenn dafür verlässliche finanzielle Rahmenbedingungen geschaffen werden.   

 

Nach dem weitgehenden Ende der KHZG-Projekte steht jetzt mit dem KHTF ein neues Förderinstrument zur Verfügung, das langfristig angelegt und extrem umfangreich ist. Welche digitalen Lösungen lassen sich in der KHTF-Förderung abbilden?

Sehr viele, wenn diese dazu dienen, die grundsätzlichen Ziele des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes (KHVVG) zu erfüllen. Das wird aufgrund der inhärenten strategischen Komponente digitaler Lösungen oftmals der Fall sein. In den nächsten zehn Jahren soll sich die Krankenhauslandschaft so verändern, dass Effizienzreserven gehoben werden können, bei gleichbleibender Qualität der erbrachten Leistungen. Förderfähig sind folglich Projekte wie eine Zusammenlegung von stationären Versorgungskapazitäten mit dem Ziel, Qualitätskriterien zu erfüllen oder Mindestvorhaltezahlen zu erreichen. Förderfähig ist auch die Bildung regionaler Krankenhausverbünde, um Doppelstrukturen abzubauen, auch beispielsweise der Aufbau telemedizinischer Netzwerke. Werden diese strategischen Fördertatbestände erfüllt, können neben der Medizintechnik auch digitale Lösungen gefördert werden – unter der Prämisse, dass ein Schwerpunkt auf Interoperabilität und Informationssicherheit gelegt wird.

 

Wo sehen Sie explizit Anknüpfungspunkte an KHZG-Projekte? Manche kommunizieren den KHTF ja als eine Art Fortsetzung des KHZG.

Das sehe ich differenzierter. Das KHZG hatte einen ausschließlichen Digitalisierungsfokus mit dem Ziel, den Digitalisierungsgrad in den Krankenhäusern durch eindeutig – teilweise schon produktbezogen – ausformulierte Fördertatbestände zu erhöhen. Natürlich gibt es „Nachwehen“, etwa die fehlende Folgefinanzierung der Betriebskosten, und an der einen oder anderen Stelle auch die Erkenntnis, dass lediglich der Kauf eines Systems ohne eine Prozessanpassung meistens nicht zum Ziel führt. Das KHZG war richtig und wichtig, um das Thema Digitalisierung prominent bei Krankenhausentscheider:innen zu platzieren und in der breiten Fläche in die Umsetzung zu kommen.

 

Wie kann die KHTF-Förderung darauf aufsetzen?

Was beim KHZG zwar Erwähnung fand, aber kaum in die Umsetzung kam, ist die Interoperabilität. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass Clinical Data Repositories (CDR), Interoperabilitätsplattformen (IOP) und ähnliche Ansätze eine zentrale Rolle dabei spielen, Patientendaten in einer Single Source of Truth verfügbar zu machen und Einspeisung sowie Zugriff durch Applikationen zu ermöglichen. Im KHTF finden wir nun erneut eine Argumentationsbasis, solche Lösungen zu implementieren. Beim KHTF geht es um die Finanzierung der Transformation der Krankenhauslandschaft mit dem Fokus, Effizienzreserven zu heben und die Qualität zu verbessern. Diese Transformation wird nur erfolgreich sein, wenn Digitalisierung mitgedacht, integriert und bei Bedarf angepasst wird. Änderungen in den baulichen Strukturen bedingen auch Änderungen oder Anpassungen im Bereich der IT. Neben der Medizinstrategie, die die Frage der strategischen Positionierung des Krankenhauses und damit auch die Auswahl des Fördertatbestandes begründet, spielt die Digital- und Datenstrategie eine wichtige Rolle, um mit Hilfe digitaler Lösungen die strategischen Ziele zu erreichen.

 

Seit Herbst können konkrete KHZTF-Förderanträge gestellt werden. Merken Sie, merkt die IT-Industrie davon schon etwas?

Wir haben unsere Kund:innen schon relativ früh auf die neuen Fördermöglichkeiten aufmerksam gemacht. Inzwischen bemerken wir, dass das Thema am Markt angekommen ist: Unsere Kund:innen sprechen uns proaktiv auf die neue Fördermöglichkeit an und nutzen unsere Expertise, um gemeinsam mit uns Datensouveränität als maßgeblichen Bestandteil einer nachhaltigen digitalen Transformation zu integrieren. Im letzten Jahr sind 342 Anträge zum KHTF beim Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) eingegangen. Ich gehe davon aus, dass spätestens mit Verabschiedung des Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) auch die Förderrichtlinie seitens des BAS veröffentlicht wird. Diese wird als Grundlage für die Länder dienen, ggf. landesspezifische Förderrichtlinien zu verabschieden. Spätestens dann wird die Anzahl der Anträge deutlich ansteigen. Einige Länder haben bereits heute Verfahren etabliert, um die Interessensbekundungen der Krankenhäuser strukturiert aufzunehmen, z.B. Schleswig-Holstein.

 

Wie sollten Krankenhäuser vorgehen, um das Maximale aus der Förderung herauszuholen? Und wo kann die IT-Industrie in der Planungs-/Antragsphase unterstützen?

Es geht um Strategie. Krankenhäuser sollten sich frühzeitig mit der Frage der eigenen zukünftigen Positionierung auseinandersetzen: Wo steht das heutige Leistungsspektrum? Wie sieht die wirtschaftliche Komponente aus? Welche möglichen Änderungen werden sich aus Zuweisungen ergeben, werden Leistungsgruppen gestrichen oder sind Kooperationen gefordert? Sobald dies klar ist, sollte die Unternehmens- und Medizinstrategie zwingend mit der Digital- und Datenstrategie verknüpft werden. Gerade das Thema Datenstrategie ist für viele Krankenhäuser relativ neu – aber essentiell. Nicht nur, weil die die Sicherstellung der eigenen Datensouveränität Unabhängigkeit bedeutet, sondern auch vor dem Hintergrund der sich entwickelnden europäischen Vorgaben zum Beispiel im Rahmen des European Health Data Space (EHDS). Als IT-Dienstleister mit Krankenhauskunden aus unterschiedlichen Versorgungsstufen kennen wir die Herausforderungen und die entsprechenden Lösungsmöglichkeiten – und können mit unserer Expertise bei der Strategiefindung wertvoll unterstützen. Wir arbeiten aber auch mit kompetenten, unabhängigen Berater:innen zusammen, die als strategische Schnittstelle zwischen Leistungserbringern und Anbietern agieren. So verbinden wir Strategieexpertise und technologische Umsetzungskompetenz mit externer Perspektive und stellen sicher, dass Strategie und operative Umsetzung konsistent ineinandergreifen.

 

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz