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Medizin |

Digitalisierung und KI-Tools: Ärzt:innen sehen Nutzen und Potenzial

70 Prozent der Ärzt:innen sehen bereits Verbesserung der Effizienz oder Servicequalität

Größter Wunsch: Automatisierte Abrechnung und Kodierung

Ärzt:innen erwarten mehr Initiative von Sorftware- und IT-Anbieter

Gastkommentar von Sascha Raddatz, Geschäftsführer bvitg: Potenziale konsequent heben

Machen Digitalisierung und KI-Tools die Versorgung in Deutschland patientenorientierter und effizienter? Dazu habt die Stiftung Gesundheit niedergelassene Ärzt:innen im Rahmen der Fokus-Frage befragt. Sieben von zehn Ärzt:innen sagen „ja“ – und haben klare Wünsche für nächste Schritte.

 

70 Prozent der Ärzt:innen bestätigen Verbesserung der Effizienz oder Versorgungsqualität

Insgesamt geben mehr als 70 Prozent der niedergelassenen Ärzt:innen an, dass digitale Anwendungen bereits die Effizienz oder Versorgungsqualität in verschiedenen Bereichen ihres Praxisalltags verbessern:

  • Den größten Nutzen beobachten Ärzt:innen im Bereich Kommunikation und Datenaustausch mit anderen Leistungserbringern (37,3 Prozent).

  • Ebenfalls mehr als ein Drittel berichten von Vorteilen in der Dokumentation und Praxisverwaltung (36,4 Prozent) sowie in der Kommunikation mit Patient:innen (25,5 Prozent)

  • Mehr als ein Viertel der Ärzt:innen beschreibt eine Verbesserung der Effizienz oder Servicequalität im Bereich Terminmanagement und Patientensteuerung (28,8 Prozent).

  • Jede/r zehnte Ärztin/Arzt berichtet zudem von Verbesserungen im Bereich der Diagnostik, etwa durch KI-gestützte Befunderhebung.

 

Der Anteil der Ärzt:innen, die keinerlei relevanten Nutzen digitaler Anwendungen sehen, liegt mittlerweile unter 30 Prozent (29,2 Prozent).

 

Ganz oben auf der Wunschliste: Automatisierte Abrechnung und Kodierung

Noch größer als der bereits spürbare Nutzen digitaler Anwendungen ist aus Sicht der Ärzte das Potenzial für weitere Entlastung und Entbürokratisierung:

  • Fast jede/r zweite Ärztin/Arzt  (45,2 Prozent) befürwortet eine automatisierte Abrechnung und Kodierung, beispielsweise in Form von EBM/GOÄ-Vorschlägen oder Plausibilitätsprüfungen.

  • 44,0 Prozent der Ärzt:innen geben an, dass eine KI-gestützte Dokumentation und Spracherkennung sie entlasten würde, etwa bei Arztbriefen, Befundberichten oder der Verlaufsdokumentation.

  • 39,7 Prozent der Ärzt:innen sehen Entlastungspotenzial durch einen automatisierten Datenaustausch mit Kostenträgern und Institutionen.

  • Fast ein Drittel (29,2 Prozent) der Ärzt:innen würden eine digitale Ersteinschätzung / strukturierte Anamnese als Entlastung empfinden.

  • Mehr als ein Viertel der Ärzt:innen (27,2 Prozent) sprechen sich für ein automatisiertes Termin- Warte- und Ressourcenmanagement aus.

  • Und fast ein Viertel der Ärzt:innen (23,0 Prozent) würden datenbasierte Präventions- und Risikohinweise als Entlastung empfinden.

 

Auch bei dieser Frage liegt der Anteil der Ärzt:innen, die keinen Nutzen durch digitale bzw. KI-Funktionen erwarten, unter 30 Prozent (28,8 Prozent).

 

Ärzt:innen erwarten mehr Initiative von Software- und IT-Anbietern

Um die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzubringen, sehen Ärzt:innen vor allem Software- und IT-Anbieter in der Pflicht: Fast 60 Prozent wünschen sich von dieser Gruppe stärkere Impulse oder Initiativen – zum Beispiel indem sie praxistaugliche Lösungen anbieten und für bessere Interoperabilität sorgen.

 

45,1 Prozent erwarten mehr Initiative von Berufs- und Fachverbänden sowie Fachgesellschaften, etwa in Form von Unterstützung bei der Auswahl und Bewertung konkreter digitaler Anwendungen oder Fortbildungsangeboten zu digitalen Tools.

 

Auch Krankenversicherungen sollten sich aus Sicht der Ärzt:innen stärker einbringen, beispielsweise durch klare Anreize, digitale Versorgungsmodelle und vereinfachte Prozesse.

 

Gut ein Viertel der Ärzt:innen wünscht sich mehr Impulse aus Forschung und Wissenschaft, etwa durch eine evidenzbasierte Evaluation digitaler Anwendungen.

 

Neben den Forderungen an andere Akteur:innen zeigen sich die Ärzt:innen aber auch selbstkritisch: Fast ein Viertel von ihnen gibt an, dass sich der eigene Berufsstand stärker einbringen sollte – zum Beispiel durch eine grundsätzliche Bereitschaft zur Digitalisierung oder die Teilnahme an Pilotprojekten und Evaluationen.

 

 

Gastkommentar: Potenziale konsequent heben

Sascha Raddatz, Geschäftsführer des Bundesverbands Gesundheits-IT (bvitg e.V.)
Sascha Raddatz, Geschäftsführer des Bundesverbands Gesundheits-IT (bvitg e.V.); Foto: © bvitg e.V.

Digitale Anwendungen sind in der Versorgung angekommen – aber ihr Potenzial bleibt vielerorts noch nicht vollständig ausgeschöpft. Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage zeichnen ein klares Bild: Der größte Mehrwert entsteht dort, wo Kommunikation, Datenaustausch und Dokumentation ineinandergreifen. 

 

Genau hier setzen unsere Mitgliedsunternehmen seit Jahren an – mit Lösungen für sektorenübergreifenden Datenaustausch, strukturierte Dokumentation und integrierte Kommunikationswege. Mit der weiterentwickelten elektronischen Patientenakte, einem digital gestützten Medikationsprozess und Funktionen wie der Volltextsuche wird dieser Nutzen künftig noch greifbarer.

 

Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass vorhandene Potenziale in der Breite noch stärker gehoben werden können: Rund 30 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sehen derzeit keinen relevanten Nutzen digitaler Anwendungen. Das ist kein Akzeptanzproblem, sondern ein klarer Auftrag. Er muss dort ansetzen, wo viele Ärztinnen und Ärzte konkrete Entlastungsmöglichkeiten sehen – etwa bei automatisierter Abrechnung oder strukturierten Anamneseprozessen. Diese Anwendungen sind technologisch vielfach bereits verfügbar und werden kontinuierlich weiterentwickelt. Entscheidend ist nun, ihre Nutzung im Versorgungsalltag weiter zu erleichtern und bestehende Prozesse konsequent darauf auszurichten.

 

Auch beim Blick auf Künstliche Intelligenz bestätigt sich dieses Muster. Besonders in administrativen Prozessen – etwa bei Kodierung und Dokumentation – wird ein hohes Entlastungspotenzial gesehen. KI wird dort akzeptiert, wo sie Routineaufgaben übernimmt und Freiräume in Krankenhäusern und Arztpraxen schafft. Damit diese Potenziale gehoben werden können, braucht es jedoch einen klaren, innovationsfreundlichen regulatorischen Rahmen. Gerade bei KI-Anwendungen ist entscheidend, dass Vorgaben Planungssicherheit schaffen, ohne die Entwicklung und Implementierung praxistauglicher Lösungen auszubremsen.

 

Die Ergebnisse machen zudem deutlich, dass die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt ist. Neben Politik und Selbstverwaltung sehen viele Ärztinnen und Ärzte insbesondere Software- und IT-Anbieter in der Pflicht, praxistaugliche Lösungen bereitzustellen. Ebenso gefragt sind Verbände, Kassen und Wissenschaft – etwa durch Orientierung, Anreize und evidenzbasierte Evaluation. Und auch die Ärzteschaft selbst spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, digitale Prozesse aktiv in den Alltag zu integrieren und weiterzuentwickeln. In dieser Komplexität liegt die eigentliche Herausforderung – und zugleich die größte Chance.

 

Für uns als Verband ist klar: Die Industrie ist Teil der Lösung. Moderne Praxis- und Kliniksysteme können ihr Potenzial aber nur entfalten, wenn sie auf stabiler Infrastruktur und verlässlichen regulatorischen Rahmenbedingungen aufbauen.

 

Quelle: Stiftung Gesundheit