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Medizin |

Ein Jahr E-Mental-DiGAs

Evolution oder Revolution? Beim DGPPN-Kongress gab es eine Zwischenbilanz zu einem Jahr DiGAs gegen Depression und Co.

Bild: © methaphum – stock.adobe.com</spa

Der hybride Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) stand in diesem Jahr unter dem Leitthema "Digitale Transformation und psychische Gesundheit", Unter anderem wurden die breiten Einsatzmöglichkeiten der digitalen Psychotherapie diskutiert.

 

Mit Beginn der COVID-19-Pandemie hat sich der Einsatz digitaler Versorgungsangebote im Bereich psychischer Erkrankungen einer aktuellen Erhebung zufolge um mehr als 90% im Vergleich zum Zeitraum Oktober bis Dezember 2019 erhöht [1]. Die Digitalisierung in der Medizin komme nicht nur in Form virtueller Videosprechstunden der Arzt-Patienten Kommunikation zugute, sondern in Form von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs) auch der Psychotherapie und der Begleitung der Patient:innen, so Prof. Dr. Dieter F. Braus, Direktor der Vitos Kliniken Rheingau und Eichberg. Das ist wichtig, denn die ambulante Psychotherapie via Videosprechstunde erreicht etwa ein Drittel der Patien:innen nicht [2].

 

Was dem breiten Einsatz jedoch in den letzten Jahren im Weg stand, waren unzureichende Evidenz, erhebliche Qualitätsunterschiede und Vergütungsfragen, sagte Prof. Dr. Michael Landgrebe, Chefarzt kbo-Lech-Magfall-Kliniken. Diese initialen Hürden seien zumindest bei einigen DiGAs inzwischen aus dem Weg geräumt. Folgerichtig hebt die DGPPN in einer Stellungnahme hervor, dass internetgestützte Interventionen die Chance böten, die aktuelle Versorgungssituation zu verbessern - vorausgesetzt sie basieren auf wissenschaftlich anerkannten Verfahren und erfüllen die Sicherheitsstandards [3].

 

DiGA-Verzeichnis gibt Überblick über zertifizierte, rezeptierbare Anwendungen

Seit dem Inkrafttreten des digitalen Versorgungsgesetzes (DVG) Ende 2019 gibt es erstmals klar festgelegte Qualitätsstandstandards für internetbasierte Interventionen. Die aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen als wirksam bewerteten Apps werden - entweder vorläufig oder dauerhaft - in das DiGA-Verzeichnis des BfArM [4] aufgenommen. Sie können dann von Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen auf Rezept verordnet werden. Dauerhaft gelistete DiGA haben den Nachweis der Wirksamkeit anhand von klinischen Studien bereits erbracht, vorläufig gelistete müssen diesen innerhalb eines Jahres anhand zusätzlicher Studien erbringen. Dauerhaft gelistet sind derzeit vier Programme, darunter deprexis in der Indikation Depression, außerdem Apps zur Behandlung bei nichtorganischer Insomnie, Angststörungen und Alkoholabhängigkeit.

 

Der Bedarf für Online-Therapien im Bereich der Depression sei besonders groß, so Landgrebe. Mit knapp 20 Wochen ist die durchschnittliche Wartezeit auf einen ersten Termin in der Richtlinienpsychotherapie lang [5]. In ländlichen Gebieten sind zeitaufwändige Anfahrtswege ein weiteres Hindernis für eine adäquate psychotherapeutische Versorgung. Internetbasierte Anwendungen können bestehende Versorgungslücken schließen, sofern die Evidenz stimmt. Beispiel deprexis: Eine aktuelle Metaanalyse aus zwölf randomisierten Studien mit insgesamt 2901 Teilnehmer:innen bestätigte signifikante und klinisch relevante Effekte auf depressive Symptome - sowohl bei Anwendung mit als auch ohne Begleitung durch einen Therapeuten (durchschnittliche Effektstärke 0,51) [6].

 

Einsatzspektrum von Online-Therapien bei Depression

Für den Einsatz von Online-Therapieprogrammen bei Depressionen bieten sich laut Landgrebe sich zahlreiche Einsatzmöglichkeiten an:

 

  • zur Verringerung des Fortschreitens der Depression während der Wartezeit,
  • zur Vorbereitung auf und/oder Ergänzung zu einer Psychotherapie,
  • als Zugang zu einer Therapie für Personen in unterversorgten und ländlichen Gebieten,
  • als Zugangsalternative für Patient:innen mit Hemmung gegenüber einem persönlichen Gespräch mit Therapeut:innen,
  • gegebenenfalls als Ersatz einer Psychotherapie (z.B. in unterversorgten Gebieten)
  •  bei Patient:innen, die berufstätig und zeitlich eingeschränkt sind,
  • in der stationären Nachsorge im Rahmen des Entlassmanagements als Brücke zwischen der ambulanten und stationären Versorgung.
  • zur Überbrückung von Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz

 

Erfahrungen im Versorgungsalltag

Dipl.-Psych. Otto Willich, Wilhelmshaven, berichtete über seine Erfahrungen mit der Online-Anwendung von Servier bei rund 90 Patient:innen mit Depression im tagesklinischen Bereich. Das interaktive Therapieprogramm geht flexibel auf die Reaktionen des Nutzers ein. Es besteht aus 10 verschiedenen Modulen, überwiegend aus dem Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie. Möglich sei eine enge Verknüpfung der digitalen Psychotherapie mit der Face-to-Face-Therapie, was die Qualität der Versorgung steigern könne, so Willich. Der Psychologe hat auch die Erfahrung gemacht, dass sich die Therapeuten-Patienten-Bindung verbessert. "Die Patient:innen erleben es als eine besondere Art von Zuwendung, wenn der Therapeut zusätzlich zu den anderen Maßnahmen das Therapieprogramm als Ergänzung empfiehlt und in die Behandlung integriert."

 

Beitrag mit Material von Servier über das DGPPN-Satellitensymposium "E-Mental Health: Erfahrungen aus einem Jahr BfArM-DiGA-Verzeichnis", 26. November 2021

 

 

Weitere Informationen:

[1] Zachrison KS et al. JAMA Network Open 2021; 4: e2129973

[2] Ghaneirad E et al. Psychotherapeut 2021; 66: 240-246

[3] https://www.dgppn.de/schwerpunkte/e-mental-health.html

[4] Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM); verfügbar

unter: https://diga.bfarm.de/de

[5] Studie der Bundestherapeutenkammer 2018; https://ots.de/GI7vvI

[6] Twoney et al. PLosOne 2020; 15: e0228100