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Vernetzung |

Fachgesellschaften sehen Verbesserungsbedarf bei ePA & Co.

Die AWMF begrüßt den European Health Data Space und hält auch die ePA für eine gute Sache. Sie hadert aber mit der Datenqualität.

Bild: © nmann77 – stock.adobe.com, 1202015957, Stand.-Liz.

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) ist der Dachverband aller wichtigen medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland. Bekannt ist sie in erster Linie für ihre Leitlinien, die von individuellen Fachgesellschaften oder von Gruppen von Fachgesellschaften herausgegeben werden und die sich mit dem AWMF-Logo schmücken dürfen, wenn sie bestimmten methodischen Regeln folgen.

 

AWMF hadert mit der Datenqualität

Die AWMF trifft sich einmal im Jahr zum Berliner Forum, und in diesem Jahr stand dieses Forum unter dem Motto „Europäisch vernetzt heißt besser versorgt“. AWMF-Präsident Prof. Dr. Rolf-Detlef Treede nutzte die Gelegenheit, um im Rahmen einer Pressekonferenz unter anderem zum Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) Stellung zu nehmen. Dieser wird grundsätzlich begrüßt, insbesondere mit Blick auf eine Einbettung der elektronischen Patientenakte (ePA) in einen breiteren, europäischen Kontext: „Über europäische Grenzen hinweg Einheitlichkeit zu schaffen, kann in verschiedenen Versorgungsszenarien wichtig sein. Wir sehen hier allerdings ein wenig die Gefahr, dass das schlecht implementiert wird.“

 

Ein Punkt, mit dem die AWMF hadert, ist die Qualität der Daten. Medizinisch-inhaltlich sei die bisherige ePA unter anderem deswegen suboptimal, weil die medizinische Dokumentation in Deutschland generell stark auf Erlösrelevanz optimiert sei. Damit seien Inhalte der ePA tendenziell verzerrt. In erster Linie betrifft das natürlich die Abrechnungsdaten in der ePA, aber auch die medizinische Dokumentation ist nicht frei von einem Abrechnungs-Bias – zumal wenn auch für medizinische Dokumentationszwecke ein Codierungssystem wie die ICD-10 genutzt wird, die stark abrechnungsbezogen ist.

 

Warten auf die ICD-11

Tatsächlich ist die ICD-10 im Prinzip Geschichte. Aber sie wird in Deutschland weiterhin genutzt wird. Zwar steht der Umstieg auf die inhaltlich modernere und medizinisch bessere ICD-11 an. Dieser für die digitale Dokumentation medizinischer Diagnosen extrem wichtige Umstieg werde in Deutschland aber weiterhin verschleppt, so Treede. Die ICD-11 lebt in Deutschland im Wesentlichen als eine online zugängliche Übersetzung beim BfArM. Eingesetzt wird sie so gut wie gar nicht. Das macht gerade mit Blick auf den EHDS nicht zuletzt den Austausch mit anderen Ländern schwieriger, die in Sachen ICD-11 teilweise schon deutlich weiter sind.

 

Dass sich die ICD-11 derartige verzögere, so Treede, sei umso bedauerlicher, als Deutschland dieses Thema aus guten Gründen bis 2019, kurz vor der Pandemie, maßgeblich mit vorangetrieben habe. Dann standen plötzlich andere Dinge im Vordergrund, und dem für die ICD-11 mitverantwortlichen BfArM wurden zahlreiche weitere Aufgaben übertragen. „Die Pandemie hat uns da zurückgeworfen“, so Treede, der hier enormen politischen Handlungsbedarf sieht: „Wenn die Ministerin hier ein Datum setzen würde, dann müssten sich alle bemühen. Wir sollten da endlich vorankommen. Im Moment scheuen sich alle vor Veränderungen, weil die Arbeit machen.“

 

Bremst die Bürokratie den Fortschritt aus?

Auch Dr. Stefanie Weber, die beim BfArM für Kodiersysteme und Register und damit auch ür die ICD-11 zuständig ist, sähe es gern, wenn es bei der ICD-11 schneller voranginge. Sie wies aber auch auf die gewachsenen Strukturen im deutschen Gesundheitswesen hin, die den Umstieg komplex machten. Die ICD-10 sei im deutschen Gesundheitswesen unter anderem bei der ambulanten Abrechnung, bei den DRGs, beim morbiditätsbezogenen Risikostrukturausgleich, in den GBA-Richtlinien und bei den Mindestmengenregelungen fest verankert.

 

„Den Umstieg auf die ICD-11 müssen wir sorgfältig orchestrieren, damit nicht ganze Systeme hinten runterfallen“, so Weber. Allein der Morbi-RSA benötige Daten über fünf Jahre und könne deswegen nicht von heute auf morgen umgestellt werden. Gerade das Beispiel Morbi-RSA illustriert allerdings auch, warum viele Mediziner:innen und auch viele, die sich von der ePA eine raschere semantische Digitalisierung der medizinischen Dokumentation erhoffen, zunehmend verschnupft sind: Weil die Gesundheitspolitik die ICD-10 für das Umverteilen von Geldern braucht, verzögern sich sinnvolle Fortschritte in der medizinischen Dokumentation, die wegen der bei modernen Kodierungssystemen höheren Datenqualität nicht zuletzt auch patientenrelevant sind. Nicht so gut.