Wenn Undine Tischmeyer Hausbesuche für das Hausarztzentrum Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern macht, dann wirft sie einen 12 Kilogramm schweren Rucksack in ihr Auto. Der enthält digitales diagnostisches Equipment aller Art – vom digitalen Stethoskop und Otoskop über einen digitalen Rachenspachtel und ein digitales Thermometer bis hin zu einer Kamera, einer Druckmanschette und einem EKG, außerdem Blutentnahme-Equipment, Schnelltests und vieles mehr. „Am schwersten ist die digitale Waage“, sagt Alexander Baasner, Geschäftsführer der Digitale Facharzt- und Gesundheitsversorgungsgesellschaft (DFGVG), die den Rucksack in zweijähriger Arbeit konzipiert und zur Produktreife gebracht hat.
Sieben DIHVAs auf Deutschlands Straßen
Undine Tischmeyer ist eine DIHVA, eine Digitale Hausärztliche Versorgungsassistenz. DIHVAs sind der neueste medizinische Assistenzberuf, der speziell mit Blick auf die Delegation medizinischer Leistungen durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte geschaffen wurde. Wer medizinische Vorerfahrung hat, etwa einen MFA-Hintergrund, für den dauert die DIHVA-Fortbildung 3 Wochen. Medizinisch nicht vorgebildete Personen erhalten eine etwas umfassendere Ausbildung von 3,5 Monaten. Angestellt ist Nadine Tischmeyer nicht beim Hausarztzentrum, sondern beim Ärztenetz HaffNet. Insgesamt vier Hausarztpraxen teilen sich hier zwei DIHVAs.
Das Ganze ist Teil eines neuen Pilotprojekts, dass die Techniker Krankenkasse (TK) initiiert hat, gemeinsam mit der DFGVG, hinter der unter anderem der Hausarzt Stefan Spieren steckt. „Eine kluge Aufgabenverteilung ist ein wichtiger Baustein, um die Versorgung auf dem Land zu sichern“, betonte TK-Vorstand Jens Baas kürzlich bei der Projektvorstellung in Berlin. „Wir müssen im Gesundheitswesen mehr auf Delegation setzen.“ Insgesamt gibt es deutschlandweit aktuell sieben ausgebildete DIHVAs. Fünf davon arbeiten in zwei Hausarztpraxen in Etteln und Olpe in Nordrhein-Westfalen, zwei weitere seit Juni im Ärztenetz HaffNet. Bis Ende Juni gab es in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern zusammen schon rund 1200 DHIVA-Einsätze.
Dank KI soll DIHVA soll eine Lücke füllen
So ein Einsatz dauere unter den Bedingungen am Stettiner Haff im Schnitt 20 bis 30 Minuten, berichtete DIHVA Undine Tischmeyer. Honoriert wird die DIHVA-Versorgung durch die TK aktuell mit 35 Euro pro Einsatz. Der DHIVA-Koffer kostet weitere 188 Euro im Monat. Wo genau die DHIVA angebunden werde, sei unterschiedlich, so Baasner. Sie könne bei einem Ärztenetz oder einer Arztpraxis angestellt sein, wie im HaffNet. Aber auch eine Kommune könne als Arbeitgeber fungieren.
Die entscheidende Frage ist natürlich: Braucht es wirklich einen weiteren Delegationsberuf? Reichen MTAs, VERAHs, NäPAs einerseits sowie die akademisch geschulten Physician Assistants (PA) anderseits nicht aus? Tatsächlich nimmt die DIHVA eine Art Mittelstellung ein zwischen VERAH/NäPA einerseits und PA andererseits. Es handelt sich um eine kurze Fortbildung, nicht um ein Hochschulstudium. Trotzdem kann die DIHVA vergleichsweise viel diagnostisch abarbeiten. Das wird dadurch ermöglicht, dass es nicht nur den Rucksack voller Equipment, sondern auch einen Tablet-PC gibt, auf dem ein KI-basiertes Ersteinschätzungssystem läuft. Konkret handelt es sich um Docyet, das mittlerweile auch in einigen Hausarztpraxen zum Einsatz kommt.
Diese Software leitet die DIHVA durch Anamnese und Befundung, und zwar so, dass – abhängig von der Anamnese – durch die KI vorgegeben wird, welche konkreten Untersuchungen aus dem Portfolio von 50 möglichen Untersuchungen durchgeführt werden sollten. Alle Untersuchungen sind digital und werden in einer Plattform-Software – konkret Samedi – abgespeichert und dann an den jeweils delegierenden Arzt bzw. die jeweils delegierende Ärztin verschickt. Es gibt also asynchronen Zugriff nicht nur auf ein paar Fragebögen, sondern – je nach klinischer Fragestellung – auf das komplette klinische Informationspakte, inklusive Audio-Datensatz des Stethoskops, Otoskopie-Film, Rachenfilm, Bilder bzw. Film von Wunden, EKG und/oder auf die Ergebnisse der Schnelltests.
Regelversorgung braucht Regelfinanzierung
Klar ist, dass auch ein DIHVA-Delegationsmodell nur dann funktioniert, wenn es sich finanziell rechnet. Im Rahmen des aktuellen Projekts bezahlt die TK die genannten Pauschalen, ähnlich wie VERAHs und PAs teils im Kontext hausarztzentrierter Versorgungsmodelle von den dort engagierten Krankenkassen bezuschusst werden. So richtig massentauglich werden solche Delegationsmodelle für eine Praxis aber erst dann, wenn sie nicht mehr an einzelne Krankenkassen gekoppelt sind.
Bei der Finanzierung gibt es unterschiedliche Modelle. Extrabudgetäre Pauschalen wie beim DIHVA-Projekt sind eine Möglichkeit. Denkbar ist auch, Patientenkontakte durch Delegationsprofile abrechnungstechnisch genauso zu behandeln wie ärztliche Patientenkontakte – ohne die bei der Vergütung nach EBM üblichen Zeitprofile. Das ist der Teampraxis-Ansatz der hausarztzentrierten Versorgung. Im Rahmen von ergänzenden Versorgungsmodellen wie HÄPPI werden Delegation und Digitalisierung hier sogar noch zusätzlich incentiviert. Ob solche Vergütungsansätze systematisiert und im Rahmen der Regelversorgung implementiert werden, wenn die Bundesregierung demnächst ihre Pläne für das neue Primärversorgungssystem vorstellt, ist unklar.
