Alle Welt redet über KI-Agenten. Wie stark beschäftigt das Thema die Krankenhauslandschaft?
Hendrik Riedel: KI-Agenten sind in der Krankenhauslandschaft angekommen – als Thema, aber zunehmend auch als operative Realität. Was uns in der Beratungspraxis aber immer wieder begegnet: Viele Häuser kaufen punktuell Produkte ein, ohne den notwendigen Rahmen geschaffen zu haben – strategisch, organisatorisch und technisch, einschließlich der erforderlichen Governance. Das scheitert spätestens beim Scale-up.
Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, einzelne Arbeitsschritte durch KI zu assistieren. Das eigentliche Potenzial liegt in der End-to-End-Unterstützung ganzer Prozessketten – von der Patientenaufnahme über Diagnostik und Behandlung bis zur Abrechnung. KI-Agenten können dabei in allen Schichten einer Enterprise-Architektur gleichzeitig wirken: auf der Datenebene, in der Prozesssteuerung, auf der Integrationsebene und in den nutzerseitigen Anwendungen. Die Kombination dieser Wirkungsebenen ist es, die zu wirklich hohen Effizienz- und Qualitätsgewinnen führt.
Damit das gelingt, muss KI in eine orchestrierte Gesamtstrategie eingebettet sein – Unternehmensstrategie, Digitalstrategie, Datenstrategie, KI-Strategie und IT-Strategie als Einheit. Wir begleiten Krankenhäuser genau dabei: KI-Potenziale und Reifegrade erfassen, Zielarchitektur ableiten, organisationsverträgliche Maßnahmen und Transformationspfade definieren. Denn demografischer Wandel, Fachkräftemangel und wachsende Daten- und Regulierungskomplexität machen viele Herausforderungen ohne KI schlicht nicht mehr lösbar.
Das Meeting am Mountain beschäftigt sich im Juni schwerpunktmäßig mit KI im Krankenhaus und in Versorgungsverbünden. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit KI-gestützte Prozesse sinnvoll eingesetzt werden können?
Hendrik Riedel: Es braucht zwei Dinge gleichzeitig: eine tragfähige operative Grundlage und eine klare strategische Richtung – beides muss gemeinsam entwickelt werden. Technisch ist eine moderne Enterprise-Architektur Pflicht. Entscheidend ist dabei eine klare Trennung zwischen stabilen Kernschichten – für Datenhaltung, Interoperabilität und Prozesssteuerung – und darauf aufsetzenden, dynamisch weiterentwickelbaren Systemkomponenten und Applikationen – inkl. KIS. Standards wie HL7 FHIR und openEHR sind dabei keine optionalen Ergänzungen, sondern strukturelle Grundlage.
Was dabei oft unterschätzt wird: KI-Agenten entfalten ihre größte Wirkung nicht, wenn sie punktuell in eine Schicht eingefügt werden, sondern wenn sie schichtenübergreifend zusammenwirken. Ein Agent auf der Datenebene bereitet klinische und administrative Daten auf. Ein Agent auf der Prozessebene steuert und automatisiert Abläufe. Ein Agent auf der Präsentations- oder Datenerfassungsebene (z.B. über Sprache) unterstützt den Anwender kontextgenau. Erst die Kombination dieser Ebenen – entlang eines durchgängigen Prozesses – erzeugt die Wirkungsgrade, die Häuser heute benötigen.
Strategisch beginnt alles mit einem strukturierten KI-Readiness-Assessment über Datenqualität, Prozessreife und organisatorische Veränderungsfähigkeit. Daraus entsteht eine priorisierte Roadmap, die schnelle Wirkungserfolge mit der mittelfristigen Plattformtransformation verbindet.
Wie sieht es mit den rechtlichen und regulatorischen Voraussetzungen aus?
Hendrik Riedel: Die regulatorische Dimension wirkt in zwei Richtungen – das wird oft übersehen. Einerseits schafft sie Pflichten, die je nach Anwendungsbereich sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Klinische KI-Systeme – etwa in der Diagnostik, der Therapieunterstützung oder der Medikationssicherheit – gelten unter dem EU AI Act als Hochrisikosysteme. Sie erfordern lückenlose Validierung, Konformitätsnachweise und ein dauerhaftes Clinical AI Governance Framework, das Model Drift erkennt und Verantwortlichkeiten klar regelt. Administrative KI-Anwendungen dagegen unterliegen deutlich geringeren regulatorischen Anforderungen – was sie zu strategisch attraktiven Einstiegspunkten macht.
Andererseits schafft Regulierung auch Chancen: KI-Agenten können aktiv dabei helfen, regulatorische Anforderungen zu erfüllen – aus nationalen Digitalstrategien ebenso wie aus europäischen Rahmenbedingungen wie der EHDS-Verordnung, die die Sekundärnutzung klinischer Daten europaweit neu ordnen wird. Wer Governance nicht von Anfang an als strategischen Bestandteil verankert, baut auf unsicherem Fundament.
Was sind konkrete Einsatzszenarien, die heute schon über Pilotprojekte hinausgehen?
Hendrik Riedel: Hier ist u.a. die Unterscheidung zwischen klinischen und administrativen Anwendungen entscheidend – nicht nur regulatorisch, sondern auch strategisch. Administrative KI-Systeme sind der smartere Einstieg: Sie sind weniger reguliert, schneller einführbar und liefern messbaren ROI in kurzer Zeit. Automatisierte Kodierung und DRG-Optimierung, KI-gestützte Pflegedokumentation per Spracheingabe und wandlung in strukturierte und kontextbezogen Datenobjekte, intelligentes Terminmanagement und Patientensteuerung – all das lässt sich heute mit überschaubarem Validierungsaufwand in den Regelbetrieb bringen. Und es geht dabei nicht nur um Assistenz: Ein KI-Agent kann einen Abrechnungsprozess vollständig von der Kodierung über die Prüfung bis zur Einreichung begleiten – End-to-End, ohne manuellen Eingriff an jedem Schritt.
Klinische KI-Systeme erfordern mehr Vorlaufzeit oder andere Rahmenbedingungen, entfalten dafür aber höhere Wirkung an kritischen Versorgungspunkten. Klinische Entscheidungsunterstützung bei Sepsis-Früherkennung oder Medikationschecks, KI-gestützte Befundpriorisierung in der Radiologie – diese Anwendungen verbessern Versorgungsqualität dort, wo Personalaufwuchs nicht möglich ist. Die höchsten Wirkungsgrade entstehen, wenn beide Bereiche strategisch verknüpft werden: administrative Systeme als Fundament und schnelle Wirkungsnachweise, klinische Systeme als mittelfristiger Qualitäts- und Differenzierungshebel. Das Universitätsklinikum Magdeburg und das Universitätsklinikum Leipzig zeigen auf dem Meeting Beispiele in Richtung systemischer KI-Integration.
Wie ist es mit der ambulanten Versorgung in MVZs und Klinikambulanzen?
Hendrik Riedel: Die ambulante Versorgung war lange ein „blinder Fleck“ – auch in der KI-Diskussion. Das ändert sich, weil MVZs und Klinikambulanzen wirtschaftlich immer entscheidender werden. Wer hier nicht konsequent digitalisiert, verliert Marktanteile. Auch hier gilt: Administrative Prozesse sind der natürliche Einstieg. Terminoptimierung, automatisierte Vorbereitung von Patientenkontakten, KI-gestützte Nachsorgekommunikation – das sind Bereiche mit schnell realisierbarem Nutzen und geringem regulatorischem Aufwand. In der ambulanten Chirurgie und der Primärversorgung kommen dann schrittweise klinische Komponenten hinzu.
Das Grundprinzip bleibt dasselbe wie im stationären Bereich: Nicht das Tool entscheidet, sondern die Qualität der zugrunde liegenden Daten, der Prozesse und der Gesamtarchitektur. In vielen MVZs und Ambulanzen müssen genau dort noch grundlegende Voraussetzungen geschaffen werden. Das ist kein Hindernis, sondern der definierte Startpunkt – und er erinnert uns an das, was erfolgreiche Transformation im Krankenhaus im Kern ausmacht: Sie entsteht dort, wo Strategie, technologische Möglichkeiten und operative Exzellenz und Menschen zusammengebracht werden.
Das Interview führte Philipp Grätzel. Der 20. Digitalisierungs- und Führungskräftekongress der Digital Avantgarde findet als Meeting am Mountain 2026 vom 9. bis 11. Juni 2026 am Tegernsee statt.
