Eine Umfrage unter mehr als 460 Mediziner:innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zur Nutzung von KI-Tools im ärztlichen Alltag zeigt ein deutliches Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf: Während Ärzt:innen vor allem medizinische Evidenz bei KI-basierten Antworten auf medizinische Fragestellungen wichtig ist, nutzen sie mehrheitlich frei verfügbare KI-Anwendungen, die diese Anforderung meist nicht erfüllen. Und je nach Land greifen Ärzt:innen dabei zu sehr unterschiedlichen Tools.
Dass Ärzt:innen KI-Tools nutzen, ist bekannt. Weniger bekannt ist, was sie dabei wirklich erwarten und wie weit die verfügbaren Anwendungen von diesen Erwartungen entfernt sind. Eine aktuelle Umfrage von FOMF – Forum für medizinische Fortbildung unter Ärzt:innen im deutschsprachigen Raum (n = 462) liefert dazu aufschlussreiche Daten:
50 Prozent der befragten Ärzt:innen nennen gezielte, evidenzbasierte Antworten auf medizinische Fragen als wichtigstes Kriterium beim Einsatz von KI. 39 Prozent fordern, dass KI-Tools ausschließlich auf validierten Wissensquellen basieren – etwa geprüften Studien, aktuellen Leitlinien und peer-reviewten Publikationen. Die weitestgehende Reduktion von Halluzinationen ist ebenso für 41 Prozent zentral.
Evidenz ist das Maß aller Dinge
Noch deutlicher wird der Stellenwert von Evidenz bei der Frage nach den wertvollsten Funktionen: 62 Prozent der Befragten nennen die evidenzbasierte Hilfestellung für Diagnostik und Therapie als wichtigste Funktion eines KI-Tools – weit vor der schnelleren Aufarbeitung komplexer Fragen (42 Prozent) und der Zeitersparnis bei Dokumentation (40 Prozent) oder Administration (33 Prozent). Datensicherheit rangiert mit 30 Prozent erst auf dem vierten Platz der Anforderungen, obwohl die ärztliche Schweigepflicht bei der Nutzung von KI-Tools überdurchschnittlich hohe Ansprüche an Berufsgeheimnisträger stellt – gewiss eine von Ärzt:innen unterschätzte rechtliche Herausforderung.
Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Schatten-KI führt in der Nutzung
Umso bemerkenswerter ist der Befund zur tatsächlichen KI-Tool-Nutzung, die von allgemeinen, frei verfügbaren Modellen dominiert wird. Unter den Ärzt:innen, die ungestützt konkrete Angaben dazu machten, welche KI-Tools sie für medizinische Fragestellungen nutzen, führt ChatGPT mit deutlichem Abstand: 36 von 76 inhaltlichen Nennungen entfallen auf das allgemeine Sprachmodell von OpenAI. Mit deutlichem Abstand folgen für medizinische Zwecke konzipierte KI-Systeme wie OpenEvidence (15 Nennungen) – welches offiziell in der EU gar nicht mehr verfügbar ist – sowie weitere generische KI-Systeme und klinische Portale (Claude, Gemini, Microsoft Copilot, Perplexity, Amboss).
ChatGPT wie auch die weiteren genannten allgemeinen KI-Tools wurden jedoch nicht speziell für den medizinischen bzw. klinischen Einsatz entwickelt. Demzufolge basieren sie nicht ausschließlich auf validierten medizinischen Quellen und können medizinische Sachverhalte fehlerhaft – bzw. basierend auf veralteten Forschungsständen zum Zeitpunkt des Modelltrainings (bei dem aktuellem ChatGPT-Modell z.B. nur bis Juni 2025) darstellen. Dennoch sind Tools wie ChatGPT diejenigen, die Ärzt:innen am häufigsten zur Unterstützung bei medizinischen Fragen und Entscheidungen einsetzen.
Deutschland vs. Schweiz: Datensicherheit unterschiedlich wichtig
Der Blick auf die Länderdaten zeigt einen bemerkenswerten Unterschied in der Wahl von KI-Tools. In Deutschland dominiert ChatGPT klar: Von den deutschen Befragten, die ein Tool nannten, griffen 24 von 46 auf ChatGPT zurück. In der Schweiz hingegen führt OpenEvidence: Neun von 24 Schweizer Nennungen entfielen auf das auf medizinische Quellen spezialisierte Tool – ChatGPT kam lediglich auf zwei Nennungen.
Das spiegelt sich auch in den Prioritäten wider: Datensicherheit ist für 39 Prozent der Schweizer Befragten ein zentrales Kriterium – überraschenderweise sind es in Deutschland nur 24 Prozent. Bei den Kernanforderungen Evidenzbasierung und Halluzinationsreduktion sind sich die Befragten in den verschiedenen Ländern dagegen nahezu einig: In beiden Ländern nennen rund 50 Prozent evidenzbasierte Antworten als wichtigstes Kriterium, in Deutschland priorisieren 45 Prozent die Reduktion von Halluzinationen, in der Schweiz 37 Prozent.
Die Nutzungsintensität unterscheidet sich kaum: In Deutschland setzen 66 Prozent der Befragten KI-Tools mehrmals pro Woche oder täglich ein, in der Schweiz sind es 65 Prozent.
KI ist im Arzt-Alltag angekommen
Die Umfrage zeigt, wie selbstverständlich KI-Tools inzwischen von Ärzt:innen eingesetzt werden: 38 Prozent der Befragten nutzen entsprechende Anwendungen mehrmals pro Woche, 23 Prozent täglich. Nur acht Prozent verzichten bislang vollständig darauf.
Am häufigsten werden KI-Tools für die allgemeine Recherche zu medizinischen Themen eingesetzt (39 Prozent), gefolgt von der medizinischen Dokumentation (29 Prozent) sowie der evidenzbasierten Hilfestellung bei Diagnostik und Therapie (16 Prozent).
Quelle: FOMF
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