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Health-IT |

„Kostensenken allein ist keine Lösung“

Zum Jahresende erinnert die Gesundheits-IT-Industrie daran, dass sie in Zeiten des Strukturwandels nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung ist.

Diskussionsrunde beim Politischen Abend 2025 des bvitg; Bild: © bvitg

Wer im Moment gesundheitspolitische Diskussionen in Deutschland aus „digitaler Perspektive“ verfolgt, der hat wenig zu lachen. Denn Digitalisierung passiert politisch nur noch am Rande. Gesundheitskosten sind Thema der Stunde – und Besitzstandswahrung, aber das war schon immer Thema.  

 

Kakophonie zum Jahresende

In Sachen Besitzstandswahrung hat die Ärzteschaft kurz vor Weihnachten nochmal gezeigt, was sie kann. Das politische Anliegen, die Versorgung unter Einbeziehung der Apotheken zu flexibilisieren, produzierte eine eindrucksvolle Ablehnungsphalanx: Innerhalb von fünf Minuten erhielten Journalist:innen am Dienstag nach dem dritten Advent rund ein halbes Dutzend Mal die identische, von neun sonst oft genug konträren Ärzteverbänden signierte Pressemeldung mit dem Ruf nach einer „Notbremse“. Botschaft: Wenn in Apotheken geimpft wird, fährt das deutsche Gesundheitswesen gegen die Wand. Ernsthaft jetzt?

 

In Sachen Gesundheitskosten legte KBV-Chef Andreas Gassen im Gespräch mit der Rheinischen Post seine Sicht der Dinge dar. Einer der Vorschläge: Die GKV-Erstattung von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) einfach streichen, denn die seien ohnehin nicht gut evidenzbasiert. Die 250 Millionen Euro, die das jährlich einsparen würde, könnten dann ja in gut evidenzbasierte orthopädische Therapien investiert werden. Letzteres sagte Gassen nicht. Aber man wünschte sich beim Lesen, das die Journalistin die Chance genutzt hätte, an dieser Stelle des Gesprächs mit dem Orthopäden Gassen etwas tiefer in die Evidenzbasis der Orthopädie einzusteigen.

 

Maschinen tun lassen, was Maschinen tun können

In einer solchen Atmosphäre konstruktiv über Digitalisierung zu sprechen, ist nicht ganz einfach, aber beim politischen Jahresausklang des Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) wurde das versucht – in Abwesenheit weiter Teile der Bundespolitik allerdings, denn es liefen Anhörungen zum Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG). Im Fokus des Abends stand die Versorgung im ländlichen Raum, und bvitg-Chef Matthias Meierhofer stellte als Motto voran, was eigentlich jedem klar ist, aber in Vergessenheit zu geraten droht: „Kostensenkung allein ist keine Lösung.“

 

Für Inspiration aus Kanada sorgte Prof. Daniel Baumgart, im Hauptberuf Chef der Gastroenterologie am Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam. Seit 2017 ist er außerdem Professor of Computing Science an der University of Alberta, wo er bis 2022 auch klinisch tätig war – die personalisierte Schnittstelle zwischen Versorgung und Digitalbranche also. Auch Baumgart kritisierte den reinen Kostendiskurs deutlich. Viel problematischer am derzeitigen Strukturwandel als die Kosten sei der Mangel an Fach- und sonstigen Arbeitskräften. Entsprechend müssten alle Anstrengungen unternommen werden, um denen, die noch arbeiten, den Job einfacher zu machen: „Wir müssen versuchen, die Aufgaben, die man auf Maschinen übertragen an, auf Maschinen zu übertragen.“

 

Deutsche ePA „allerkleinste Entwicklungsstufe“

Die Provinz Alberta ist ein Digital-Health-Pionier, von dem in Sachen ländlicher Versorgung einiges gelernt werden kann. Denn dort leben fünf Millionen Leute auf einer Fläche, die zweimal so groß ist wie Deutschland. Noch ländlicher ist nur die Antarktis. Alberta pflege im Gesundheitsbereich eine offene Datenkultur, so Baumgart, über deren Details durchaus auch im Parlament diskutiert werde. Herzstück ist eine elektronische Patientenakte, die kein PDF-Safe ist, sondern eine umfassende, mit leitliniengemäßen Behandlungspfaden hinterlegte Versorgungsplattform für alle an der Versorgung beteiligten Akteure.

 

Von der deutschen ePA in ihrer derzeitigen Iteration sei das meilenweit entfernt, so Baumgart: „Das, was in Deutschland ePA heißt, ist ein Hundertstel von dem, was ein elektronisches Krankenaktensystem leisten muss. Die deutsche ePA ist schon ein guter Start. Aber im Moment ist das die allerkleinste Entwicklungsstufe.“ Das Argument, dass der Föderalismus einer rascheren Digitalisierung im Weg stehe, lässt Baumgart nur bedingt gelten. Kanada sei extrem föderal, in Provinzen wie Ontario herrsche digital ein Chaos, das dem hiesigen ähnele. Das deutsche Problem, mit anderen Worten, ist weniger der Föderalismus per se als ein Mangel an Bundesländern mit dem Ehrgeiz Albertas – und natürlich das deutschlandtypische Geflecht aus Bundes- und Landeszuständigkeiten in allen Bereichen.

 

Diagnostik an Apotheken? Warum nicht?

Letztlich, so Baumgart, müsse es darum gehen, nicht nur digitale Anwendungen aufzubauen, sondern die Denkweise im Gesundheitssystem zu ändern. Und da ist man dann mittendrin in den derzeitigen Strukturdiskussionen im deutschen Gesundheitswesen: „Wir müssen in Zukunft dafür sorgen, dass für einen großen Teil der Menschen das Gesundheitswesen zu ihnen kommt“, so Baumgart. Gesundheitseinrichtungen als universelle Dienstleister – und nicht primär als physische Einrichtung, das wäre so ein Mindshift, der in Deutschland allenfalls gerade beginnt.

 

Das Thema Erstattung schnitt Baumgart ebenso an, auch hier tut ein Mindshift not: „Die für Präventivmedizin nötige intellektuelle Leistung ist maximal untervergütet, die prozedurale Leistung maximal überbewertet. Solange das so ist, werden sich manche Verzerrungen im deutschen Gesundheitswesen nicht auflösen.“

 

Dass im ländlichen Raum Versorgungsstrukturen neu gedacht werden müssen, um die medizinische Versorgung hochwertig und damit nicht zuletzt das Wohnen auf dem Land attraktiv zu halten, ist für Baumgart ohnehin selbstverständlich: „Das ist dann auch mehr als Telemedizin.“ Dezentrale, aber gut vernetzte Diagnostik – dritter Mindshift – sei genauso wichtig, von EKG bis einfache Labordienstleistungen. Und natürlich seien die Apotheken für solche Dienstleistungen naheliegende Kandidaten. Sagt ein Arzt, keine Ärztefunktionär.