Große Sprachmodelle (large language models, LLM) sind aus der Krebsversorgung bald nicht mehr wegzudenken, das wurde beim 37. Deutschen Krebskongress deutlich, der Mitte Februar in Berlin stattfand. Dies gelte auf mehreren Ebenen, sagte Prof. Dr. Nikolas Kather, Oberarzt in der Onkologie und Professor of Clinical AI an der TU Dresden. Kather war maßgeblich an der weltweit ersten Leitlinie für LLMs in der Onkologie beteiligt, der Ende 2025 publizierten „ESMO-Guidance on the Safe Use of LLMs in Oncology Practice“ der European Society of Medical Oncology (ESMO).
In dieser Leitlinie werden drei Szenarien separat diskutiert, nämlich an Patient:innen gerichtete Chatbots, KI-Systeme zur Entscheidungsunterstützung für Angehörige von Heilberufen und Hintergrundsysteme, die KI nutzen, um zum Beispiel Alerts zu generieren oder Daten zu analysieren. Insbesondere beim zweiten Szenario sieht Kather Handlungsbedarf auf Seiten der medizinischen Einrichtungen. Denn LLM-basierte Tools wie ChatGPT würden von Ärztinnen und Ärzten mittlerweile regelmäßig genutzt, meist auf privaten Handys. Krankenhäuser stünden in der Verantwortung, sichere und inhaltlich solide LLM-basierte Tools aktiv zur Verfügung zu stellen, um die Potenziale solcher Tools für die Krebsversorgung zu heben und gleichzeitig Risiken zu minimieren.
Die Zukunft der professionellen Krebs-KI sieht Kather, keine Überraschung, in agentenbasierten LLM-Systemen, mit denen sich ganze Prozessketten in der Krebsversorgung KI-basiert optimieren lassen. Die Dresdener haben das im vergangenen Jahr anhand eines Agentensystems für Tumor-Boards vorexerziert. Dieses Agentensystem bildet eine Reihe typischer Prozesse im Rahmen von Tumor-Boards ab und sorgt dort, wo das möglich und sinnvoll ist, für eine Automatisierung und damit Entbürokratisierung. Die Technik funktioniere, so Kather, woran jetzt gearbeitet werden müsse, sei die Implementierung in die onkologischen Versorgungsprozesse.
Aus Patient:innenperspektive sieht Alexandra von Korff von der Patienteninitiative „patients today“ KI als eine riesige Chance für mehr Gesundheitskompetenz in Sachen eigener Krebsdiagnose. Sie selbst hätte sich rückblickend gewünscht, zum Zeitpunkt ihrer eigenen Krebsdiagnose im Jahr 2017 schon KI-Tools zur Verfügung gehabt zu haben: „KI ist Dolmetscher, Strukturierungshilfe und Navigator im Dschungel der Möglichkeiten.“ LLM-Tools hätten keinen Zeitdruck. Sie seien auch nachts um drei ansprechbar. Und da moderne Tools zunehmend mit Quellenangaben arbeiteten, seien Patientenfragen an die KI auch ein optimaler Ausgangspunkt für die weitergehende Lektüre. „KI sollte aber keine Therapieentscheidungen treffen“, so von Korff. „Patientinnen und Patienten brauchen immer noch Empathie. Sie brauchen immer noch klinische Erfahrung.“
Weitere Informationen
Wong YET, Kather JN et al. ESMO-Guidance on the Safe Use of LLMs in Oncology Practice; Annals of Oncology 2025; 36(12):1447-57
https://www.annalsofoncology.org/article/S0923-7534(25)04698-8/fulltext
