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Health-IT |

Milliarden für Gesundheit, nur Minuten für Patientinnen und Patienten

Deutschland investiert mehr als fast jedes andere Land in Gesundheit. Doch ohne Interoperabilität, KI und Präzisionsmedizin geht es nicht. Der Transformationsfonds könnte die Wende bringen – wenn er richtig genutzt wird.

Gottfried Ludewig; Leiter Public Sector and Health Industry Deutsche Telekom und T-Systems; Foto: © Deutsche Telekom

Deutschland hat im vergangenen Jahr rund 538 Milliarden Euro in das Gesundheitssystem investiert, rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts – der Trend zeigt weiter nach oben. Ein Spitzenwert, der jedoch nicht automatisch Effizienz oder Qualität garantiert. Die Lebenserwartung liegt weiterhin rund 1,7 Jahre unter dem westeuropäischen Durchschnitt während Krankenkassen und Krankenhäuser unter Druck geraten: 2024 betrug das Defizit der gesetzlichen Krankenversicherung 6,2 Milliarden Euro, der für 2025 prognostizierte Zusatzbeitrag liegt bei 2,3 Prozent und steigt weiter.

 

Drei Viertel der Kliniken schreiben Verluste, der mittelfristige Investitionsbedarf für Modernisierung und Digitalisierung wird auf rund 130 Milliarden Euro geschätzt. Gleichzeitig bleibt die digitale Infrastruktur fragmentiert: Fehlende Interoperabilität, Insellösungen und langsame Umsetzung führen zu Doppeluntersuchungen, Datenbrüchen und hohen Kosten. Zugleich muss das System auch unter außergewöhnlichen Belastungen – wie zuletzt beim Stromausfall in Berlin - verlässlich funktionieren. Das verlangt „Health Security“ als Leitprinzip: digitale Melde‑ und Frühwarnketten und krisenfeste und blackout‑taugliche IT inklusive gesicherter Kommunikationskanäle.

 

Fortschritte erkennbar

Standards wie ISiK (Informationstechnische Systeme in Krankenhäusern), Fast Healthcare Interoperability Resources (FHIR) für den elektronischen Datenaustausch im Gesundheitswesen und MIOs (Medizinische Informationsobjekte) sind mittlerweile etabliert. Zudem wächst die Akzeptanz für Künstliche Intelligenz: 74 Prozent der Deutschen sehen Nutzen für Zweitmeinungen, 72 Prozent für Diagnosen. Auch Präzisionsmedizin ist verfügbar – über 140 Wirkstoffe erfordern molekulare Tests, vor allem in der Onkologie. Doch die Umsetzung stockt, weil Vergütung und Infrastruktur fehlen.

 

Transformationsfonds: Hebel für die Wende

Ein mögliches Rezept: der Transformationsfonds zur Modernisierung der Krankenhausstrukturen. Er ist das zentrale Instrument, um die stationäre Versorgung in Deutschland zukunftsfähig zu machen. Mit einem Volumen von bis zu 50 Milliarden Euro im Zeitraum von 2026 bis 2035 sollen Kliniken modernisiert, Doppelstrukturen abgebaut und die Digitalisierung konsequent vorangetrieben werden. Die Ziele sind klar: Spezialisierung der Versorgung, der Ausbau telemedizinischer Angebote und die Einführung einer leistungsfähigen elektronischen Patientenakte (ePA). Diese Maßnahmen sollen sowohl Effizienz als auch Versorgungsqualität und Patientensicherheit steigern.

 

Der Krankenhaustransformationsfonds sollte aber mehr leisten als nur bauliche und strukturelle Modernisierung. Er ist die Chance, gezielt in zukunftsfähige digitale Infrastrukturen zu investieren. Statt fragmentierter Einzellösungen sollte der Fokus auf interoperablen, skalierbaren Plattformen liegen, die wirklich Verbesserungen in die Versorgung bringen. Wenn man Ärztinnen und Ärzte fragt, was aktuell der größte Quäler in der täglichen Arbeit ist, dann kommen sehr häufig „Dokumentation“ und „administrative Tätigkeiten“ als Antwort. Um den Anteil dieser Tätigkeiten zu verringern, können wir Künstliche Intelligenz nutzen. Gleichzeitig widmen sich die Ärztinnen und Ärzte dann wieder intensiver ihren Patientinnen und Patienten und wir verbessern deren Versorgung.

 

Damit der Transformationsfonds wirklich wirkt, sollte er parallel Health‑Security‑Funktionen priorisieren: gemeinsame Lage‑/Operationsplattformen über Sektoren hinweg sowie robuste Cyberresilienz wie Zero‑Trust oder 24/7‑Monitoring. Gefragt ist nun also ein klares Bekenntnis zu ‚AI Made in Germany‘ – strategisch gefördert, verbindlich eingefordert. Nur so gelingt echte digitale Transformation und europäische Technologieführerschaft im Gesundheitswesen.

 

Was jetzt zählt

An erster Stelle steht die Stärkung der Resilienz und Ausfallsicherheit klinischer Systeme, um die Versorgung auch in Krisensituationen sicherzustellen. Ebenso wichtig ist die Implementierung von Telemedizin‑Netzen, die eine sektorenübergreifende Versorgung ermöglichen und insbesondere in ländlichen Regionen Versorgungslücken schließen können. Vernetzte Medizin kann nur dann ihr volles Potenzial entfalten, wenn sie Diagnostik auch aus der Ferne ermöglicht. Moderne Telemedizin, KI‑gestützte Bildanalyse und Remote‑Expertisen schaffen Zugang zu Spitzenmedizin – unabhängig davon, ob man in der Großstadt lebt oder 100 Kilometer vom nächsten Maximalversorger entfernt. Niemand muss neben einer Uniklinik wohnen, um bestmöglich versorgt zu werden.

 

Sichere und souveräne Cloud

Für eine moderne, vernetzte Versorgung braucht es zudem sichere, souveräne Cloud‑Infrastrukturen, die Daten zuverlässig, performant und DSGVO‑konform verarbeiten. Nur so können Krankenhäuser, Forschung und Versorgung skalieren, ohne in neue Insellösungen abzurutschen. Cloud ist dabei kein Selbstzweck – sondern Fundament für flexible Kapazitäten, resiliente IT und klinisch nutzbare Datenräume. Souveräne Cloud ist zugleich der Datenraum für Gesundheitskrisen: standardisierte Schnittstellen (FHIR, MIOs), Terminologieserver, hohe Datenqualität und vollständige Protokollierung sichern die schnelle, zweckgebundene Datennutzung – ohne Insellösungen und mit belastbarer Interoperabilität.

 

Darüber hinaus sind offene, zertifizierte Cloud‑Gesundheitsplattformen, semantische Interoperabilität über FHIR und Terminologie‑Server sowie ein konsequentes Datenmanagement nötig, das klinische Daten für Versorgung und Forschung verfügbar macht. Und Fortschritt braucht Messbarkeit – Transparenz über Standards wird unverzichtbar. KI‑Anwendungen wie Bildanalyse, Triage oder Entscheidungsunterstützung müssen aus Pilotprojekten in die Fläche.

 

Soforthilfen und klare Governance

Der Transformationsfond umfasst telemedizinische Netzwerke, robotische Telechirurgie, sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen und Präzisionsmedizin. Studien prognostizieren Milliardenpotenzial durch ePA, E‑Rezept und automatisierte Prozesse. Wichtig ist, dass er richtig genutzt wird: Soforthilfen wurden politisch in Aussicht gestellt, Qualitätskriterien und Mindestfallzahlen treiben Spezialisierung voran. Telemedizinische Netzwerke stärken insbesondere ländliche Regionen, robotische Telechirurgie erlaubt komplexe Eingriffe über Distanzen.

 

Für außergewöhnliche Lagen braucht es zusätzlich einen klaren Rechts‑ und Governance‑Rahmen (Notfallzugriff, Zweckbindung, Transparenz) und regelmäßige sektorübergreifende Übungen, um Resilienz messbar zu steigern. Digitale Prozesse wie eVerordnung und automatisierte Abrechnung können laut Analysen bis zu zehn Prozent Verwaltungskosten einsparen. Governance‑Instrumente wie ein Interoperabilitäts‑Score könnten Investitionen gezielt an Standards koppeln.

 

Fazit

Wir geben weit über eine halbe Billion Euro aus – und leisten uns immer noch Daten‑Silos. Der Transformationsfonds ist mehr als Finanzierung: Er ist Motor einer patientenzentrierten, digitalen, effizienten Versorgung. Digitale Frühwarnketten, Echtzeit‑Lagebilder, starke Cyberresilienz und sektorübergreifende Koordination sind die Schlüsselfaktoren, damit Versorgung auch in außergewöhnlichen Lagen – wie zuletzt in Berlin – stabil bleibt – und Investitionen messbar Wirkung zeigen. 2026 muss außerdem der Startzeitpunkt für verbindliche Interoperabilität, alltagstaugliche KI, souveräne Cloud‑Infrastrukturen und flächendeckende Tele‑Diagnostik werden. Denn kleine, konsequent umgesetzte Stellschrauben entscheiden darüber, ob Digitalisierung endlich Patientenzeit schafft – und Milliarden spart.