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» Mit dem jetzigen EBM nicht umzusetzen «

E-HEALTH-COM im Gespräch zum geplanten Primärversorgungssystem mit Susanne Müller, Geschäftsführerin des Bundesverbands Medizinische Versorgungszentren –  Gesundheitszentren – Integrierte Versorgung, BMVZ e. V.

Susanne Müller, BMVZ-Geschäftsführerin; Foto: © BMVZ e.V.

 

Wie ist aktuell der Stellenwert von hausärztlichen MVZs und Großpraxen für die Aufrechterhaltung der hausärztlichen Versorgung?
Groß. In dem Maße, wo die Einzelniederlassung auch in der hausärztlichen Medizin an Attraktivität verliert, sind größere Strukturen – MVZs, Großpraxen und Praxen mit mehreren Standorten – auch Auffangbecken. Es ist nicht so, dass Ärztinnen und Ärzte nicht ambulant arbeiten wollen. Sie wollen auch durchaus selbstständig arbeiten, nur nicht alleine. Das Feedback, das wir als Verband bekommen, geht in die Richtung, dass es gerade die Größe ist, die für viele insbesondere jüngere Ärztinnen und Ärzte attraktiv ist. Viele wollen in Teams arbeiten, nicht in einer Einzelpraxis und auch nicht in einer klassischen Zweier-Gemeinschaftspraxis. Es ist auch nicht so, dass wir diese großen Strukturen nur in den großen Städten sehen, im Gegenteil: Größere Praxisstrukturen mit fünf bis zehn Ärztinnen und Ärzten finden sich sowohl auf dem Land als auch in den Städten. Wahrscheinlich sind sie auf dem Land sogar ein bisschen häufiger.

Wie wichtig sind digitale Lösungen bei diesen größeren ambulanten Strukturen?
Ohne geht es nicht. Umso größer und komplexer die Organisationsstruktur, umso mehr Menschen und unterschiedliche Berufsgruppen zusammenkommen, umso mehr sind die Betreiber oder Gründer bestrebt, das effizient und schlank abzubilden. Das gilt für interne, administrative IT-Lösungen, aber natürlich auch für die standortübergreifende Anbindung von Zweigpraxen und Satellitenpraxen. Hier ist der Druck, effizient zu arbeiten, noch mal größer, und wenn eine Struktur umfangreich mit Delegation arbeitet, dann gilt das noch mehr. Mein persönlicher Eindruck ist auch, dass diejenigen, die den Nukleus großer ambulanter Versorgungsstrukturen bilden, häufig schon von vornherein etwas digital affiner sind als andere. Das hilft natürlich. Außerdem kann man in größeren Strukturen arbeitsteilig arbeiten: Ein Arzt oder eine Ärztin ist vielleicht besonders IT-affin und spezialisiert sich auf das Thema Digitalisierung. Unter Umständen wird sogar jemand für die IT angestellt. Das geht nur bei einer gewissen Größe, denn es muss ja auch refinanziert werden.

Wie sind größere ambulante Strukturen gesundheitspolitisch repräsentiert?

Wenn man Repräsentation definiert als ein politisch Gesehenwerden, dann sind sie fast gar nicht repräsentiert. Der Fokus sowohl der Politik als auch der Selbstverwaltung liegt ganz klar immer noch auf klassischen Einzelpraxen oder kleinen Gemeinschaftspraxen. Das Wissen darüber, dass es in 5 000 Praxen Strukturen mit fünf oder mehr Ärztinnen und Ärzten gibt – dieses Wissen ist kaum vorhanden. Und das merken wir überall, bei der Gesetzgebung, beim Honorar. Vor allem beim Honorar, bei dem ganz besonders fachübergreifend aufgestellte Kooperationen das Nachsehen haben.

Die ambulante GKV-Versorgung soll auf ein Primärversorgungssystem umgestellt werden, ein Gesetzentwurf ist für den Sommer angekündigt. Was sind aus Sicht größerer ambulanter Strukturen die Anforderungen an so einen Gesetzentwurf?
Entscheidend wäre, dass die Politik nicht mehr von vornherein in der Struktur der Einzelpraxen denkt. Man muss sich immer vor Augen halten: 23 Prozent aller ambulanten Ärztinnen und Ärzte arbeiten in großen Strukturen, die in Summe aber nur 5 Prozent der ambulanten medizinischen Einrichtungen ausmachen. Wenn künftig wieder oder weiterhin Vorgaben „pro Arzt mit Kassensitz“ gemacht werden, dann kommen wir nicht weiter. Ja, es wird in der Politik jetzt von Teampraxen gesprochen. Aber wenn „Team“ nichts anderes heißt als Ärztin/Arzt plus Medizinische Fachangestellte (MFA), dann können wir es auch sein lassen. „Team“ im Sinne großer ambulanter Strukturen heißt, dass mehrere Ärztinnen und Ärzte zusammenarbeiten und dass ein Spektrum nichtärztlicher medizinischer Berufe eingebunden werden kann. Und das muss sich dann auch in der Vergütung widerspiegeln.

Das heißt, Primärversorgungssystem bedeutet auch Reform des Vergütungssystems?

Absolut. Mit dem jetzigen EBM ist ein Primärversorgungssystem definitiv nicht umzusetzen. Da sind sich, glaube ich, sogar Hausärzteverband und KBV einig. Und wenn wir das Thema Primärversorgungssystem mal außen vor lassen: Große ambulante Strukturen, die viel delegieren, die umfassend digitalisieren, die fast immer auch ausbilden, solche Strukturen sind im derzeitigen Honorarsystem schlicht nicht abgebildet, Primärversorgungssystem hin oder her. Man kann nicht erwarten, dass das alles geleistet wird und dann so honorieren wie bei einer Einzelpraxis. Das funktioniert nicht und wird auch in einem Primärversorgungssystem nicht funktionieren.

 

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM