Bevor wir über Standards und Codierung reden: Wie ist der Stand bei der österreichischen elektronischen Patientenakte, der ELGA? Können Sie uns ein kleines Status-Update geben?
Sabutsch: Wir sind mit der ELGA Ende 2015 in den Live-Betrieb gestartet, mit klinischen Befunden im CDA-Format und einer Datenübertragung auf Basis von IHE-Profilen. Mittlerweile sind im Wesentlichen alle Krankenhäuser und die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte angeschlossen. Bei den Apotheken sind wir bei praktisch 100 Prozent, dazu kommen viele Pflegeheime und andere Einrichtungen.
Und wie sieht es mit der tatsächlichen Nutzung aus?
Sabutsch: Der Nutzungsgrad ist unterschiedlich. Sehr gut sieht es bei der e-Medikation (in Deutschland: elektronische Medikationsliste, eML; Anm. d. Red.) aus, die es seit 2016 gibt. Die e-Medikation wird jetzt ausgebaut zu einem e-Medikationsplan, der gemeinsam durch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte aktualisiert wird. Die Befunde in der ELGA kommen weiterhin hauptsächlich von den Krankenhäusern. Ambulant gibt es noch große Lücken, vor allem bei den Labors, die sich noch nicht angebunden haben. Einen elektronischen Impfpass haben wir in Österreich seit der Pandemie, neben Corona-Impfungen werden Influenza-, mPox- und HPV-Impfungen verpflichtend erfasst. Alle anderen Impfungen können freiwillig eingetragen werden. Das passiert noch nicht überall, obwohl es recht einfach wäre, dazu gibt es auch eine App. Unsere neueste Errungenschaft ist der Austausch von Bilddaten. In der ersten Ausbaustufe werden die Bilddaten in voller Qualität zur Verfügung gestellt, eine Übertragung mit geringerer Qualität ist aber erst im Rollout – was paradox klingt, aber es war schneller möglich mit dem zu starten, was die höchsten Anforderungen an die Bandbreite stellt.
Buchmann: Wir bringen dafür aktuell ein Tool in den Rollout, das die Bilddaten als Streaming überträgt. Es wird also nicht die komplette Studie auf einmal übertragen, das Tool erfordert aber zusätzliche Anforderungen an die Quellsysteme. Österreich ist damit in der EU unseres Wissens das führende Land bei der Übertragung von Bilddaten in einem gesamtnationalen Kontext. Auch die Spezifikation des Europäischen Gesundheitsdatenraums (EHDS) orientiert sich im Bereich Bilddatenaustausch stark an dem, was wir für Österreich entwickelt haben.
Die ELGA gibt es seit 11 Jahren, und damit deutlich länger als die deutsche elektronische Patientenakte (ePA). Hat sich an der Plattform in all den Jahren grundsätzlich etwas verändert?
Sabutsch: Wir haben an vielen Stellen Erneuerungen, Verbesserungen und Ergänzungen gemacht. Aber im Kern ist das noch dieselbe Plattform: Eine dezentrale Architektur auf Basis von internationalen Standards. CDA nutzen wir weiterhin, aber die Transformation in Richtung FHIR ist natürlich ein Thema und gerade voll im Gang. Neue Anwendungen werden zunehmend im FHIR-Format umgesetzt.
Wie sieht es im Jahr elf nach ELGA-Start mit der Akzeptanz in der Bevölkerung aus?
Sabutsch: Die ist weiterhin sehr hoch. Wir haben eine Opt-out-Quote von lediglich 3 Prozent. In den letzten Jahren ist diese eher noch ein bisschen gesunken.
Die ELGA GmbH ist in Österreich technisch und organisatorisch für die ELGA zuständig. Sie sind ein Unternehmen des Bundesministeriums für Gesundheit, der neun Bundesländer und des Dachverbands der österreichischen Sozialversicherung. Aktuell stürzen Sie sich in das Thema Codierung. Wie kam es denn dazu?
Sabutsch: Ich hole mal etwas aus. Österreich hat bisher im ambulanten Bereich ein großes Defizit bei der Erfassung von Diagnose-Codes gehabt. Diagnosen wurden bislang nur freitextlich übermittelt, daher gibt es keine flächendeckende Basis für statistikbasierte Planungen im Gesundheitswesen. Deswegen hat sich das Bundesministerium dazu entschlossen, die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte zu verpflichten, Diagnosen in ICD-10 zu codieren. Das hatte mit der ELGA erst mal nichts zu tun.
Buchmann: Nun ist die ICD-10 eine passende Klassifikation für die Statistik, das ist aber nicht die Sprache der Medizin. Auf ärztlicher Seite war die Begeisterung daher enden wollend. Wir haben dann überlegt, wie wir das auch anders lösen könnten. Die Idee war, ein Werkzeug zu schaffen, mit dessen Hilfe Ärztinnen und Ärzte erstens die für Statistik nötigen ICD-10-Codes generieren können und zweitens codierte Diagnosen dann auch lokal zur Verfügung haben, und zwar so, dass damit auch medizinisch weitergearbeitet werden kann. Das geht nicht mit ICD-10, dazu braucht es SNOMED.
Sabutsch: Aus Sicht der ELGA GmbH waren wir an dem Projekt deswegen interessiert, weil es ermöglichen würde, zu SNOMED-codierten Diagnosen zu kommen, die auch im ELGA-Kontext genutzt werden können. Alle wünschen sich eine Patientenkurzakte – eine schnelle Übersicht über den Gesundheitszustand –, ohne alle einzelnen Informationen in ELGA durchackern zu müssen, das war unsere Motivation. Auch im EHDS wird die „Patient Summary“ ab 2029 verlangt. Dazu braucht es natürlich die Diagnosen.
Buchmann: Dieses Konzept – also ein Codierservice-Tool zu entwickeln, mit dem in Arztpraxen ohne großen Aufwand nicht nur ICD-10-, sondern auch SNOMED-Codes generiert werden können – haben wir dann intensiv mit der Ärzteschaft diskutiert. Und die waren sehr angetan, weil sie dadurch nicht mehr nur für die Statistik codieren, sondern Codes erhalten, mit denen sie auch medizinisch weiterarbeiten können.
SNOMED ist eine sehr umfassende, sehr detaillierte medizinische Terminologie, die im deutschsprachigen Raum mittlerweile auch überall lizenziert und damit nutzbar ist, die aber de facto bisher kaum eingesetzt wurde.
Buchmann: Richtig, und zwar aus zwei Gründen. Erstens ist sie out-of-the-box oft nicht ohne Aufwand nutzbar. Und zweitens fehlte lange Zeit eine deutschsprachige Version. Wir haben deswegen zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen der SNOMED National Release Centers in Deutschland und der Schweiz die Übersetzung ins Deutsche vorangetrieben, unterstützt von Fachgesellschaften und besonders engagierten Einrichtungen, wie z.B. der Charité Berlin. Diese Übersetzungsarbeit lief schon vor unserem aktuellen Projekt, es gibt auch schon lange eine gemeinsame Übersetzungsrichtlinie der deutschsprachigen Länder, die wir initiiert haben. Es ging aber nur langsam voran, weil ein Leitprojekt fehlte. Als wir dann Anfang 2025 unser Codierservice-Projekt gestartet haben, ging die Zahl der ins Deutsche übersetzten Codes durch die Beiträge aus Österreich steil nach oben. Wir sind jetzt bei über 120 000 übersetzten SNOMED-Konzepten, vorher waren es keine 50 000. Das wird kontinuierlich mehr, und die Übersetzungen können im ganzen deutschsprachigen Raum genutzt werden.
Was leistet das Codierservice-Tool, das Sie entwickelt haben, genau?
Buchmann: Es gibt drei Funktionen. Zum einen werden bei Freitexteingabe passende Diagnosen angeboten, aus denen der Arzt oder die Ärztin auswählt. Die in Textform ausgewählten Diagnosen haben jeweils einen hinterlegten SNOMED-Code, der im zweiten Schritt auf ICD-10 gemappt wird. Es muss also kein ICD-10-Code separat ausgewählt werden, auch kein SNOMED-Code. Ausgewählt wird nur die Diagnose in Textform. Bei Seltenen Erkrankungen erfolgt zusätzlich ein Mapping der SNOMED-Codes auf die Orpha-Codes. Das gibt es in dieser Art sonst noch gar nicht, darauf sind wir besonders stolz.
Als weiteren Baustein haben wir eine sogenannte Interface-Terminologie, das ist eine Jargon-Begriffssammlung mit über 7 Millionen Begriffen. Die wurde an der Medizinischen Universität Graz entwickelt und durch eine Kooperation mit der ELGA GmbH erweitert. Da sind unterschiedliche Schreibweisen, Laienbegriffe und so weiter enthalten. Mit denen kann man auch suchen, und es werden dann die passenden SNOMED-Diagnosebegriffe in Textform angezeigt – und die entsprechend passenden SNOMED-Codes geliefert. Ich kann also als User auch unsaubere oder fremdsprachliche Begriffe eingeben.
Wie gut funktioniert dieses automatische Mapping? Ist das zuverlässig genug?
Sabutsch: Wir nutzen ein existierendes Mapping, das SNOMED International gemeinsam mit der WHO herausgibt und das kontinuierlich Updates erhält. Wichtig ist: Wir mappen von SNOMED auf ICD-10, also von der feingranularen Nomenklatur auf die weniger detaillierte. In dieser Richtung funktioniert es, andersrum würde es nicht gehen. Tatsächlich haben wir auf vielfachen ärztlichen Wunsch hin eine Funktion eingeführt, die es erlaubt, im Suchfeld statt Freitext den ICD-10-Code einzugeben. Es werden dann alle Diagnosen zur Auswahl angezeigt, deren SNOMED-Code auf den eingegebenen ICD-10-Code mappt. Anhand des SNOMED-Codes der ausgewählten Diagnose wird dann der ICD-10-Code neu erstellt. Das Entscheidende ist: Nichts davon passiert mit KI, wir arbeiten mit konventionellen Mapping-Algorithmen und prüfen alles durch unsere Expertinnen und Experten. Auch das Codieren in der Arztpraxis passiert nicht vollautomatisch, maßgeblich ist immer die manuelle Auswahl des Diagnosetextes durch den Arzt oder die Ärztin. Diese aktiv gewählte Diagnose wird dann automatisch mit dem zugehörigen SNOMED-Code abgelegt, ebenfalls der für die Statistik passende ICD-10-Code. Zusätzlich werden auch noch die sogenannten Orpha-Codes mitgegeben, wenn es sich um eine Orphan Disease, also eine Seltene Erkrankung handelt.
Wie sieht das konkret in der Umsetzung aus?
Buchmann: Was wir brauchten, war ein Tool, das sich niedrigschwellig in die Arzt-Software einbauen und ohne Zusatzaufwand anwenden lässt. Gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium haben wir ein Webservice entwickelt, das „e-Health Codierservice“. Das Ministerium verantwortet dabei den technischen Part, die ELGA GmbH den fachlichen. Es kann zertifikatsgeschützt sowohl über die sicheren Gesundheitsnetzwerke des österreichischen Gesundheitswesens als auch über das Internet erreicht und kostenlos verwendet werden. Das ist eine simple technische REST- und FHIR-basierte Schnittstelle, mit der alle IT-Lösungen einfach arbeiten können. Bei moderneren Systemen sind tiefe Integrationen möglich, bei älteren Systemen ist es ein Pop-up. Es gibt nur minimalen Wartungsaufwand für den Softwarehersteller, niemand muss neue Terminologie-Updates einspielen.
Sabutsch: Was wir mit dem „e-Health Codierservice“ in Österreich letztlich aufgebaut haben, ist eine 100 Prozent SNOMED-basierte Interaktion und Dokumentation, die zusätzlich ICD-10- und Orpha-Codes ableitet. Damit können Arztpraxen den gesetzlichen Anspruch der ICD-10-Codierung für Statistik & Abrechnung erfüllen. Und sie generieren gleichzeitig lokal in ihrer Praxis-IT SNOMED-Codes, mit denen medizinisch dokumentiert und weitergearbeitet werden kann. Tatsächlich ist der Codierservice schon jetzt, im Juli 2026, in allen ambulanten Software-Systemen in Österreich verankert. Rund sieben Monate nach dem Pilotprojektstart im Herbst 2025 sind wir in so gut wie allen Arztpraxen live. Bei der Code-Generierung haben wir Latenzen von wenigen Millisekunden. Auch die Softwarehersteller finden den Codierservice sehr praktisch. Natürlich sind sie nicht verpflichtet, unser Tool zu verwenden, aber wenn es das nicht gäbe, müssten sie so etwas selbst programmieren und weiterentwickeln. Damit haben wir jetzt ein zentrales Codier-Tool für ganz Österreich, das kontinuierlich aktualisiert wird.
Die ICD-10-Codes werden für Statistiken und Abrechnung genutzt, das ist klar. Aber was genau kann man mit den lokal abgespeicherten SNOMED-Codes machen?
Buchmann: Softwareanbieter können beispielsweise Anwendungen zur Verfügung stellen, die eine Entscheidungsunterstützung bieten. Es sind Tools denkbar, die Leitlinien mit Diagnosen zusammenbringen, die die Arzneimittelsicherheit prüfen und vieles mehr. All das funktioniert mit SNOMED wesentlich besser als mit Freitext oder ICD-10, weil SNOMED eine Datengrundlage bietet, die präzise ist und durch die interne Vernetzung der Codes medizinisches Wissen repräsentiert.
Das Spannende aus Sicht der ELGA GmbH ist jetzt, dass wir die SNOMED-Codes später im Kontext der ELGA den Benutzern anzeigen können. Konkret wollen wir damit die erfassten Diagnosen in der ELGA konsolidiert anzeigen. Und das ist eine Kernvoraussetzung für die automatische Erstellung einer European Patient Summary, wie sie im Kontext des EHDS gefordert wird.
Wie könnte die Nutzung von SNOMED-Codes in der ELGA konkret aussehen?
Sabutsch: Der Plan ist, und der ist schon sehr konkret, eine Anwendung in ELGA zu bauen, die wir passenderweise „e-Diagnose“ nennen. Dort werden alle Diagnosen für die Patientinnen und Patienten einheitlich dargestellt, inklusive Metadaten, Attribute und so weiter, und dahinter liegt die SNOMED-Codierung. Diese Diagnoseliste wird von den behandelnden medizinischen Einrichtungen gemeinsam gepflegt. Das soll ähnlich laufen wie beim kuratierten e-Medikationsplan, der ja auch gemeinsam gepflegt wird. Diagnosen, die nicht mehr relevant sind, werden weggestrichen, neue hinzugefügt, sodass zu jedem Zeitpunkt eine aktuelle, individuelle, mit SNOMED-Codes hinterlegte Diagnoseliste in der ELGA vorliegt. Aufseiten der Arztpraxen ist dafür letztlich noch eine FHIR-basierte Anwendung nötig, die die ärztlich angewählten Diagnosen in die ELGA einstellt. Die SNOMED-Codierung selbst ist kein Hindernis mehr, weil das durch unser e-Health Codierservice ja schon gemacht wird.
Aus dieser e-Diagnose-Anwendung in der ELGA soll im nächsten Schritt dann die European Patient Summary befüllt werden, die die EU-Staaten bald verpflichtend einführen müssen. Diese Patient Summary enthält auch Medikationsdaten, Laborbefunde und andere Informationen. Was ist der Vorteil daran, die Patient Summary aus einzelnen Inhaltsblöcken quasi zusammenzustückeln, statt ein „Patient Summary“ erstellen zu lassen?
Sabutsch: Auch wenn es einfacher wäre, ein Patient Summary als ein weiteres Dokument zu sehen, müsste das von den Ärztinnen und Ärzten erst recht „händisch zusammengestellt“ werden. Viel mehr Sinn macht es, die einzelnen Komponenten der Patient Summary – Diagnosen, Allergien, Medikation, Labor usw. – jeweils anlass-bezogen zu generieren. Voraussetzung ist, dass die Quelldaten in ELGA konsolidiert verfügbar und SNOMED-Codes, LOINC-Codes und so weiter hinterlegt sind, dann lässt sich das auch komplett regelbasiert automatisieren. Es muss niemand irgendwas zusätzlich ausfüllen, und es muss niemand Inhalte händisch zusammenstellen. Das ist eine enorme Erleichterung für die Nutzer, und nicht zuletzt für die Akzeptanz von ELGA wichtig.
Wir haben bisher nur von Arztpraxen geredet. Was ist mit den Krankenhäusern?
Buchmann: Die Krankenhäuser liefern schon lange ICD-10-Codes und haben dafür eigene und leistungsfähige Tools. Deswegen brauchen sie den zentralen Codierservice im Moment nicht, um die gesetzlichen Anforderungen zur ICD-Codierung zu erfüllen. Im Zusammenhang mit der e-Diagnose-Anwendung der ELGA wird natürlich auch in den Krankenhäusern eine SNOMED-Codierung nötig. Das würde wahrscheinlich auf Ebene der stationären Codierungs-Tools umgesetzt. Im Moment ist das bei den Krankenhäusern derzeit noch nicht prioritär, einige haben aber schon erste Piloten in Vorbereitung, und bei einem großen Krankenhausträger sind wir kurz vor der Produktivsetzung mit einer Integration des e-Health Codierservice. Aber am Ende funktioniert die Diagnoseauswahl mit automatischer SNOMED-Codierung natürlich auch in Krankenhäusern, ob mit unserem Tool oder auf anderen Wegen.
Zum Schluss: Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Zutaten für den Erfolg des Projekts?
Sabutsch: Das Wichtigste war und ist sicher die enge Kooperation mit der Ärzteschaft selbst: So waren die Pionierarbeiten der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) besonders wertvoll, und die volle Unterstützung durch die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) war maßgeblich für die schnelle flächendeckende Umsetzung.
Mehr Infos unter
https://codierservice.ehealth.gv.at/
Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM.
